Sollbruchstelle.

Womöglich gab es eine Sollbruchstelle. Sie wusste nicht, wie laut das Knacken war, es wurde übertönt von einem Rauschen und einem tauben Gefühl. Die Entfernung, sie wuchs immer mehr, und damit auch der Leerraum dazwischen. Und irgendwann begann sie, von und zu sich selbst nur noch in der dritten Person zu sprechen. «Wer ist sie?» … Weiterlesen Sollbruchstelle.

Der Anfang am Ende.

Ein leises Klopfen an der Tür, in das Nichts vor dem Fenster dringt ein Grollen und Blinken. Das Klopfen wird lauter, doch sie bleiben still, nahezu reglos auf einem Bett, das ebenso gut ein Boot auf der Oberfläche eines schlafenden Ozeans sein könnte. Eine kaum hörbare Stimme ertönt. Bist du wach? Ja, flüstert eine zweite … Weiterlesen Der Anfang am Ende.

Die Raststätte.

Eine verlassene Raststätte mit einigen Zimmern, ein merkwürdiges Konstrukt im Niemandsland, kahle Mauern, die Architektur aus einer anderen Zeit. Einst war dieses Gebilde wohl ein Zeichen für den Aufbruch in eine helle Zukunft, doch mit der Zeit schwindet das Licht, und nun ist es dem Abbruch geweiht und die Zukunft nur ein weiteres gebrochenes Versprechen. … Weiterlesen Die Raststätte.

Hoppla.

«Die Zeit wird dich retten», flüstert er, und sie lächelt, doch sie glaubt ihm nicht. «Es liegt keine Rettung in der Zeit», erwidert sie, «die Zeit rettet niemanden, und niemand rettet sich vor der Zeit.» Er steht neben ihr, sie blicken in entgegengesetzte Richtungen. Er sieht ihr Gesicht nicht, doch er bemerkt, dass sie weint, … Weiterlesen Hoppla.

Vielleicht Unkraut.

Er glaubte, er sei auf dem richtigen Weg. Man geht ja meistens auf verschiedenen Straßen gleichzeitig durchs Leben, und diese schien zu den guten Straßen zu zählen. Der Asphalt war robust, wenn auch an einigen Stellen Unkraut aus großen Ritzen wuchs, doch ohne Unkraut geht es nicht, Unkraut ist auch Leben, ist wahr und echt. Er … Weiterlesen Vielleicht Unkraut.

Akrophobie.

Eine rhythmisch blinkende Sternschnuppe gleitet langsam über den Himmel, der Mond steht zur Hälfte gefüllt über den fernen Hügeln, die Luft ist klar und kalt. Unter ihm das Wasser, ein unstillbares Rauschen, und vielleicht zum ersten Mal hat er Angst. Höhenangst. Früher konnte er auf dem Geländer sitzen, einige Male gar stehen, auf der unteren … Weiterlesen Akrophobie.

Nachtgedacht.

0:53. Der Versuch der Beeinflussung. Nicht denken. Nicht denken. Nicht denken. Ein stetiges Suggerieren, der Versuch, sich selbst zu manipulieren, doch der Versuch, er misslingt, sie liegt wach, und in ihrem Kopf eilen die Gedanken wie Ameisen über sandiges Gelände. Das Zimmer ist dunkel, die Fensterläden sind geschlossen, und das einzige Licht entstammt der kleinen … Weiterlesen Nachtgedacht.

Sie wird Astronautin.

Hinauf zum Mond will sie, hinaus ins All, hinein ins Nichts, denn hier kann und will sie nicht bleiben, hier ist der ganze Dreck, der ihre Poren verstopft, ihre Lungen perforiert und in die Ritzen kriecht, hier ist dieser stetig wachsende Berg, den sie hinter sich herzieht und mühsam durch die Zeit schleift, hier ist … Weiterlesen Sie wird Astronautin.

Der Rebell.

Die Straße überquert er erst, wenn die Ampel in tiefstem Grün erstrahlt, und wenn die Ampel defekt ist, wird er sehr unsicher und zittert ein wenig. In seinem Kühlschrank sind zehn Thermometer an verschiedenen Stellen, und die Lebensmittel lagert er nur in jenen Bereichen, in welchen die Temperatur für das entsprechende Gut ideal ist. Manchmal … Weiterlesen Der Rebell.

Kein halber Liter.

Der Mond ist eine Sichel, die Klinge schneidet Ritzen in den Himmel, in denen sich die Sterne verstecken können, wenn sie mögen. Auch sie versteckt sich. Versteckt sich vor den Augen, den stechenden, den musternden. Versteckt sich vor den Händen, den schubsenden, den haltenden, den streichelnden und schlagenden. Versteckt sich vor den Stimmen, den rufenden … Weiterlesen Kein halber Liter.

Weinbergschnecken.

«Und dann die Banker, die hungrigen, die nimmersatten. Und dann die Versicherungsmenschen mit ihrem künstlichen Lächeln, den zerknitterten Anzügen aus dem Kaufhaus und den Aktenkoffern voller Kugelschreiber, die sie tausendfach verschenken und dabei so tun, als wäre man ein Auserwählter, wenn man einen erhält. Und dann die Staatsangestellten auf den Ämtern, die sich noch in … Weiterlesen Weinbergschnecken.

Anna und Himbeereis.

Es gibt keine Perfektion beim Menschen, doch sie konnte sich nicht vorstellen, dass jemand dieser Vollkommenheit näher hätte kommen können als er. Ben. Eigentlich Benjamin, aber Ben passte besser. Er war liebenswert, klug, humorvoll, attraktiv, treu, achtsam, charmant, zärtlich, gefühlvoll, er war all die Adjektive, die Anna genannt hätte, falls sie nach den Attributen ihres … Weiterlesen Anna und Himbeereis.

Strafzettel.

Sie war wohl etwa zwei Jahrzehnte alt, als man ihr sagte, dass etwas fehle. Dass es nicht reiche, nicht genüge. Dass sie nicht genüge. Sie hörte es nicht oft, und stets nur aus einem Mund, dem Mund eines Mannes, von dem sie damals dachte, dass er imstande sein könnte, all das einzulösen, was sie sich … Weiterlesen Strafzettel.

Das Unaussprechliche.

Am frischen Grab ihrer Eltern senkt er seinen Blick. Mit ungewohnt zerbrechlicher Stimme bittet er sie, ihm zu versprechen, niemals jemandem zu erzählen, was er getan hat, ihr angetan hat. Sie überlegt nicht lange, senkt ebenfalls den Blick und gibt das gewünschte Versprechen ab. Dann flieht sie, ein weiteres Mal. Und während sie im Flugzeug … Weiterlesen Das Unaussprechliche.

Der Fahrtwind der Zeit.

Kein Augenblick kann den Moment überleben, und jeder Moment stirbt. Alle Gegenwart wird unmittelbar fortgeweht vom Fahrtwind der Zeit. Was bleibt, sind die Bilder, und mit diesen Bildern bepflanzen wir unsere Vergangenheit. Ein wucherndes Fundament aus Begebenheiten, ein reiches Feld, in welchem die Erinnerungen mal energisch, mal zaghaft aus dem Boden wachsen, sobald wir uns … Weiterlesen Der Fahrtwind der Zeit.

Die letzte Schicht.

Die Zeit nagt an den Schichten ihrer Haut, und irgendwann wird sich die letzte Schicht vom Fleisch gelöst haben, irgendwann wird jeder Moment ihres Daseins unter Staub begraben liegen, irgendwann wird sich jede Erinnerung in einzelne Moleküle auflösen, irgendwann wird ihr Bild in anderen Köpfen und Herzen verblassen und ausbluten. Irgendwann wird dieses Irgendwann zum … Weiterlesen Die letzte Schicht.

Norbert streichelt.

Er hat soeben die Straße überquert, da kommt Norbert eine Katze entgegen. Getrieben von einem offensichtlich instinktiven Verlangen nach Liebkosung nähert sich ihm das Tier mit raschen Schritten und wirft sich mit hochgestelltem Schwanz an seine Beine. Zuerst möchte Norbert die Katze abschütteln, ihm ist nicht nach derartigem Zeitvertreib. Doch dann bleibt er stehen, lächelt … Weiterlesen Norbert streichelt.

Zwischen den Stühlen.

Ihr Freund übergibt sich auf den Teppich, und sie ist entzückt, denn die zähe Masse aus Lebensmittelderivaten und Lagerbier ist in beeindruckender Form. «Oh, Schatz, schau!» japst sie begeistert. «Du hast ein Herz gekotzt! Das sieht doch aus wie ein Herz, oder?» Er nickt müde, doch er sagt nichts, es käme wohl nichts Gutes dabei … Weiterlesen Zwischen den Stühlen.

Das Cello.

Man sagte, sie sei seltsam. Sie sei ein wenig verrückt. Sie habe nicht mehr alle Tassen im Schrank. Man sagte, sie sei ein armes Ding, und es sei doch unglaublich schade, sie sei so eine hübsche junge Frau, und dann das. Man sagte, jemand müsste ihr doch helfen, aber man tat es nicht, man hatte … Weiterlesen Das Cello.