Doppelt.

Angefangen hat wohl alles mit den Armbanduhren. Es besaß bereits eine hübsche und gut funktionierende Armbanduhr, als sein Onkel, den er fast nie sah, ihm zu seinem neunten oder zehnten Geburtstag eine weitere hübsche und gut funktionierende Armbanduhr schenkte. Fortan verfügte er also über zwei Armbanduhren. Zwar hatte er dadurch nicht doppelt so viel Zeit, … Weiterlesen Doppelt.

Gurken.

Es gibt kurze Videofilme von Katzen, hinter deren Rücken man eine herkömmliche Gurke platziert, und sobald eine Katze die Gurke erblickt, fährt sie zusammen, springt hoch, heftig erschrocken, nein, zutiefst schockiert, als wäre die Begegnung mit dem besagten Gemüse das fürchterlichste Ereignis ihres Katzenlebens, und irgendwie ist auch Herr Himmelberger den Katzen in diesen Videofilmen … Weiterlesen Gurken.

Schwarze Flecken.

Manchmal ist sie zwei Personen, zwei Frauen, zumindest scheint es ihr so, und zumeist fällt ihr der trennende Schnitt zwischen Schein und Sein schwer. Sie betrachtet alte Fotos und sieht sich an Orten, an denen sie nie gewesen ist. Sie begegnet Menschen, die sie wie gute Bekannte grüßen, und kann sie nicht zuordnen. Sie zieht … Weiterlesen Schwarze Flecken.

UFO.

Da ist keine Couch. Eigentlich sollte da eine Couch sein, eine Liege aus schwarzem Leder, zumindest eine Polsterbank mit Rückenlehne, doch er sieht sich vergeblich danach um. Wenn Menschen in Filmen zum Psychiater gehen, legen sie sich immer auf eine Couch, und Paul ist enttäuscht, dass er bei Dr. Peter, seinem neuen Psychiater, stattdessen auf … Weiterlesen UFO.

Eidechsen.

Jeden Sommer verbrachte Arianna im Ferienhaus ihrer Großeltern im Süden Italiens, und jeden Sommer sah sie Eidechsen. Manche von ihnen kletterten ihr sogar auf den Handrücken. Bei niemandem sonst schienen sich die Eidechsen auf die Hand zu wagen, und irgendwie war sie sehr stolz darauf. Manchmal dachte sie, dass sie etwas Besonderes sei, sie glaubte, … Weiterlesen Eidechsen.

Fledermäuse.

An der Wand hängt ein Bild von Mahatma Gandhi, und in der Regel starrt er lediglich ein wenig schläfrig in den Raum, doch manchmal ist er damit beschäftigt, einen Zauberwürfel zu bearbeiten und die gute alte Perfektion der gleichen Farben wiederherzustellen, oder er isst einen Apfel, meistens Golden Delicious, oder er schneidet Grimassen, und jetzt … Weiterlesen Fledermäuse.

Siehst du?

Siehst du? fragt sie, ohne eine Antwort zu erwarten. Siehst du? wiederholt sie. Ich habe es doch gewusst! Ich habe es ja gesagt! Bisweilen schiebt sie dann ein verächtliches Ha! hinterher, als ob sie eine Wette gewonnen hätte. Als sie zum ersten Mal mit dem Flugzeug in den Urlaub reist, ist sie überzeugt, dass die … Weiterlesen Siehst du?

In der Schwebe.

Als sie ein Kind war, träumte sie einige Male den gleichen Traum in leicht veränderten Variationen. Sie konnte fliegen in diesem Traum, zumindest schweben, doch das erwartete Hochgefühl der Vogelfreiheit, es wollte sich nicht einstellen. Stattdessen war ihr die außergewöhnliche Fähigkeit sehr unangenehm. Ihr fehlte die Kontrolle, ihr fehlte jeglicher Halt, und sie verspürte eine … Weiterlesen In der Schwebe.

Nur ein Felsbrocken.

Er weiß nicht, ob er gerade erst aufgetaucht ist oder schon immer da war. Er weiß nicht, woher er kommt und weshalb er genau an dieser Stelle liegt. Aber er ist da, grob und kantig, groß und stumm. Es ist nur ein Felsbrocken, sagt er sich. Nur ein Felsbrocken. Nur ein Felsbrocken. Zu Beginn macht … Weiterlesen Nur ein Felsbrocken.

Die Glühbirne im Kühlschrank.

Ich wäre ein schlechter Vergewaltiger, sagt er, unaufgefordert, und das ist befremdend. Wenn jemand explizit danach gefragt wird oder sich ein Gespräch in diese Richtung entwickelt, ist eine solche Aussage wohl zumeist spontan und unüberlegt, unreflektiert. Wer diese Wörter jedoch ohne konkrete Aufforderung seinem Mund entweichen lässt, hat sie zuvor offensichtlich bereits sortiert und zurechtgelegt, … Weiterlesen Die Glühbirne im Kühlschrank.

Bettwäsche.

Die Bettwäsche aus ihrer Kindheit, sie ist blau. Pastellblau. RAL 5024, vielleicht. Darauf weiße Blumen mit fünf Blütenblättern und einem kurzen Stiel, die Blumen scheinbar achtlos hingestreut auf den pastellblauen Grund, erst bei genauem Hinsehen zeigt sich ein regelmäßiges Muster. Die Bettwäsche duftet nach Waschmittel, und das Waschmittel duftet so, wie Waschmittel dufteten, bevor sie … Weiterlesen Bettwäsche.

Meeresgrund.

Im Supermarkt ist jeder Salat in der Gemüseabteilung verfault, jeder einzelne Salatkopf grinst mit braunen Blättern aus seiner Kunststoffverpackung. Sie hebt einen Salatkopf hoch, wendet ihn in ihren zitternden Händen und knallt ihn wieder zurück ins Regal, greift sich den nächsten Salatkopf und schleudert auch diesen wieder zurück. Alles ist verfault! brüllt sie in die … Weiterlesen Meeresgrund.

Wahrscheinlich.

Ein zäher Nebel hat die abendliche Landschaft durchdrungen, in der Dämmerung ragen Straßenlaternen und Bäume dunkel in die graue Masse, die Häuser schälen sich schemenhaft aus dem Dunst, wenn man sich ihnen genügend nähert. Die Welt reduziert ihre Ausdehnung, jede Weite scheint ausgemerzt. Er fährt mit dem Auto über nahezu leere Straßen, der Blick klammert … Weiterlesen Wahrscheinlich.

Die Spinne.

Jeder Raum ihrer neuen Wohnung ist Brachland, jeder Winkel erzählt von einem neuen Anfang, die Wände sind nackt, als wären sie gerade erst zur Welt gekommen. Der Geruch von Farbe hängt noch in der Luft, vermengt mit den süßlichen Vanillenuancen der Duftkerzen, die sie anzuzünden pflegt. Sie ist ebenfalls häufig nackt, wie frisch geboren, will … Weiterlesen Die Spinne.

Das Eis schmilzt.

Es wird allmählich zu heiß, und dennoch friert man immer heftiger. Keine Angst, flüstert die Großmutter, keine Angst, doch die Großmutter, sie ist längst tot, wurde zunächst kalt, dann hat man sie verbrannt. Man erinnert sich daran, wie man einst in ihrer Küche stand und die Hand auf die Herdplatte legte, um herauszufinden, ob sie … Weiterlesen Das Eis schmilzt.

In der Klinik.

Sie hat sich nicht abgemeldet, hat niemanden informiert, hat niemandem erklärt, wohin sie geht, weil sie dann hätte erklären müssen, weshalb sie dorthin geht, und das wäre ihr wohl kaum gelungen. Von der verlassenen Anlage hatte sie durch Zufall erfahren; in einem Café hatte ein Mann einer Frau erzählt, dass er dort Fotoaufnahmen gemacht hatte, … Weiterlesen In der Klinik.

Sieben Glastische.

A. klagte immer wieder über Kopfschmerzen, seine Augen taten weh, ihm wurde häufig schwindlig. Seine Frau sagte ihm immerzu, er solle zum Arzt gehen, doch A. winkte stets ab. Irgendwann kippte er um, prallte mit dem Kopf auf den Glastisch und war tot. P. sagte immer, dass er jederzeit aufhören könne mit den Drogen, wenn … Weiterlesen Sieben Glastische.

Die Schattenmänner.

Man sitzt in diesem kleinen Warteraum beim großen Bahnhof. Gegenüber sitzt ein junger Mann mit riesigen Kopfhörern, sein Blick klebt auf dem Smartphone in seinen Fingern, sein Gesichtsausdruck erzählt von Konzentration oder von Gleichgültigkeit, es ist schwierig zu beurteilen. Draußen geht die Welt unter, vielleicht ist es auch einfach nur ein ganz normaler Dienstag, man … Weiterlesen Die Schattenmänner.