Im Garten.

Wir wachsen wie Bäume nach oben, aber nie über uns hinaus, obschon wir gerne würden, und irgendwann kommen wir nicht mehr höher, wir verharren, wie sehr wir uns auch strecken, wir wären gerne größer und mächtiger, um weiter sehen und uns den Stürmen widersetzen zu können, uns nicht beugen zu müssen, doch wir schwanken, wir … Weiterlesen Im Garten.

Drei Bilder.

Ankommen. Sie knöpft mit leicht zitternden Fingern sein Hemd auf und spürt gleichzeitig die Wärme seiner Hände auf ihrer nackten Haut. Er öffnet den Verschluss ihres Büstenhalters und streift ihn ab, berührt mit seinen Lippen sanft ihre Brustwarzen, was sie kaum merklich zusammenzucken lässt. Nach einem kurzen Räuspern zieht sie ihn zu ihrem Bett, legt … Weiterlesen Drei Bilder.

Maziar Bahari.

Er saß 118 Tage lang im Gefängnis. Ein Verbrechen begangen hat er nicht, kein Gesetz gebrochen, weder gegen ethische noch gegen moralische Grundsätze verstoßen. Er wollte lediglich Bericht erstatten, denn das ist sein Beruf, Berichterstatter, Journalist. Sie sperrten ihn ein, weil sie glaubten, er sei ein Spion. Verhörten und folterten ihn, täglich. Während seine Frau … Weiterlesen Maziar Bahari.

Hiroshima.

Da ist dieses Mädchen namens Hiroshima, obwohl, ein Mädchen ist sie nicht, sie ist eine junge Frau, eine durchaus attraktive, faszinierende Frau, doch einerseits ist sie trotzdem ein Mädchen, wird es immer bleiben, während sie andererseits viel zu früh aufhören musste, eines zu sein, und nun ist sie weder das eine noch das andere, eine … Weiterlesen Hiroshima.

An der Leine.

Die Welt wird kleiner mit der Zeit. Die Grenzen rücken näher, und gleichzeitig wächst ihre Angst, sie zu überschreiten. Die Mauern wachsen, weit über sie hinaus und hinein in den Himmel, der immer dunkler zu werden scheint. Und während sie mit ihrem Hund die gewohnten Wege geht, hält sie sich im Schatten und abseits der … Weiterlesen An der Leine.

Sexist.

Er kleidet die Schönheit ihres nackten Körpers in Worte, versucht es zumindest, denn zur Gänze gelingen kann es nicht. Er schreibt, wie er seine Hände über ihre zarte Haut führt, wie sie über ihre Formen und Konturen gleiten wie ein Schwan über den stillen See. Er schreibt, wie er ihren Hals küsst, ihre Brüste, ihren … Weiterlesen Sexist.

Gegen den Strom.

Sie will liegen, wo noch niemand lag. Sie will tun, was ungetan geblieben ist, will unterlassen, was sich kaum vermeiden lässt. Sie will auf Bäume klettern und in Seen tauchen und auf Feldern sitzen, und sie will immer zuerst dort sein, als einziges Wesen, ohne Beispiel. Sie will hinaus aufs Meer und hinein in den … Weiterlesen Gegen den Strom.

Ungeschrieben.

Die Schwerkraft hat es nicht leicht in den Träumen, sie ist herzlich unwillkommen und bleibt häufig außen vor, und während wir gravitativ und träge in den Betten liegen, wie Blei unter Daunen, entschweben wir der Realität, machen die Nacht zum Tage und uns selbst zu Helden einer Geschichte, die keinem Drehbuch folgt und nirgends geschrieben … Weiterlesen Ungeschrieben.

Nach dem Kampf.

Sie weiß nicht mehr, wann es begann, weiß nicht mehr, wann sie aufhörte, sich zu wehren, sich zu entrüsten, aufzuschreien, doch damals ließ sie es nicht einfach geschehen, damals widersetzte sie sich, kämpfte mit allen Kräften, doch dieses Damals ist längst vorbei und verendet, vergraben unter den Jahren, sie ist des Kämpfens müde, und nun … Weiterlesen Nach dem Kampf.

Der Sänger.

Wenn in einem gut besetzten Zugabteil ein offensichtlich leicht geistig behinderter Mann sehr laut und sehr falsch singt, ist es angebracht, verärgert und genervt zu reagieren und gegebenenfalls mit Nachdruck um Ruhe zu bitten. Natürlich tut man es nicht. Man weist keine behinderten Menschen zurecht, man hindert sie nicht daran, ihre Gefühle in akustischer Form … Weiterlesen Der Sänger.

Durchschaubar.

Schon einige Male sagte man ihr, sie sei leicht zu durchschauen, man sprach von ihrer seidenpapierdünnen Haut und vom trivialen Glanz ihrer Oberfläche, von einer Hülle ohne Inhalt und von hübscher Einfalt, und sie hörte zu, weil sie nicht anders konnte, war den Worten ausgeliefert wie ein angeleintes Nutztier der Gerte, nur dass die blutroten … Weiterlesen Durchschaubar.

Schall und Rauch.

Sie sitzt am Fenster, ein Dröhnen in den Ohren, von der Stille und all den unbeantworteten Fragen, ein Rauschen aus klingender Vergangenheit, das Lachen und das Schluchzen, das berstende Geschirr und die leisen Schritte auf Parkett, alles aufgelöst im Widerhall der Zeit, eine Zeit, die alles verschlingt, was sich ihr in den Weg stellt, jede … Weiterlesen Schall und Rauch.

Ruhepuls.

Jeder Zoo ist ein Abenteuerland, jedes Einkaufszentrum ein Erlebnispark, jedes Tanzlokal ein Partytempel, jede Bahnfahrt eine unvergessliche Reise. Kaum ein Aspekt des Lebens wird nicht mit dem Versprechen aufgeladen, das Sein entscheidend zu bereichern. Und während wir den einzigartigen Momenten nachjagen wie hungrige Hunde, gerinnen jene Situationen, in welchen nichts Zählbares oder Erzählbares geschieht, zu … Weiterlesen Ruhepuls.

Die Umarmung im Innern.

Sie sind zu klein, sind zu leicht, und wenn die Winde wehen, treiben sie weg, treiben weg vom Gewohnten und hinein ins Ungewisse, und wenn nichts von Dauer und Beständigkeit ist, gibt es keine Absolutheit, sogar das Bekannte bleibt obskur, bleibt labil, die Wirklichkeit ist flüssig, ein Strom, der sich durch das Leben windet, stetig … Weiterlesen Die Umarmung im Innern.

Nach dem Vorhang.

Die Vorstellung ist längst zu Ende, der Vorhang gefallen, die Bühne ein Brachland. Sie sitzt in ihrem Sessel, allein im Theater, der Staub hängt in der Luft wie Fetzen von vergangenen Klängen und Bildern. Ihr Blick wandert über die leeren Ränge, stolpert benommen über die Lehnen, bleibt hin und wieder an Kanten hängen. Sie kennt … Weiterlesen Nach dem Vorhang.