Als Jesus furzte.

Er sah seltsam aus, merkwürdig, sonderbar, eigenartig, doch sie mochte diese eigene Art, die ihrer Ansicht nach viel zu rar geworden war. In seinen langen Haaren hatten sich einige Sonnenstrahlen verfangen und versuchten emsig, sich zu befreien, doch es gelang ihnen nicht, zu dicht war der Schopf, zu verflucht verflochten die dunklen Strähnen, also leuchteten … Weiterlesen Als Jesus furzte.

Morgenstern lügt.

Auf dem Tischlein neben ihrem Bett steht ein kleiner Kalender, der ihr jeden Tag verrät, wie sie ihr Leben zu leben hat, und am heutigen Tag steht dort ein Satz von Christian Morgenstern, der behauptet, dass eigentlich alles schön sei, was man mit Liebe betrachte, doch sie glaubt ihm nicht, sie bezichtigt Christian Morgenstern der … Weiterlesen Morgenstern lügt.

Ein Gemälde.

Sie steht vor der Staffelei und starrt auf die Leinwand, den Pinsel noch in der Hand. An den Borsten hängt ein Tropfen Farbe, der nach unten drängt, sich zu lösen versucht und schließlich zu Boden fällt, vor ihren Füssen zerschellt, ein Klecks wie ein Mahnmal. Sie betrachtet ihr Werk, dieses Abbild ihrer selbst. Das ist … Weiterlesen Ein Gemälde.

Sie liegt.

Sie liegt schlecht in der Zeit, liegt auf der Lauer und auf einem seltsamen Ding, sie legt sich quer und die Karten auf den Tisch, und eigentlich liegt es ihr nicht, die Hände in den Schoss zu legen, sie legt es meistens darauf an, sich ins Zeug und eine grundlegende Hingabe an den Tag zu … Weiterlesen Sie liegt.

Alles rauscht vorbei.

Sie sitzt im Zug und ist trotzdem nicht da. Sie blickt auf die Landschaft vor dem Fenster, und alles rauscht vorbei, doch sie sieht etwas anderes. Ihr Leben war gut, unter dem Strich, den sie am immer näher rückenden Ende ziehen müssen wird. Es war ein Leben. Ausreichend gefüllt mit den Dingen, die es ausmachen, … Weiterlesen Alles rauscht vorbei.

Kopflos.

Es war bereits dunkel, der Tag hatte sein Licht gelöscht, nur die Scheinwerfer des Mercedes leuchteten unbeirrt in die Nacht. Der Mercedes gehörte dem Patenonkel meiner Schwester, er und seine Frau hatten uns einige Stunden lang die ungeahnten Freuden eines Vergnügungsparkes ermöglicht, der ziemlich weit entfernt von dem Ort lag, in welchem wir lebten. Es … Weiterlesen Kopflos.

Bewaffnet entwaffnet.

Schwarzes Metall, ein matter Glanz, das Licht des Tages in Blau und Grau gekleidet. Er kniet auf dem verkrusteten Boden, sein Blick folgt dem Lauf der Waffe, die auf ihn gerichtet ist. Während er sich wundert, wie perfekt und gerade die Linien des Gewehres gezeichnet sind, sickert eine einzelne Träne aus dem Winkel seines Auges, … Weiterlesen Bewaffnet entwaffnet.

Wir fallen in Sehnsucht.

Die Welt ist kompliziert, jede Welt ist kompliziert, jeder Tag und jeder Mensch, jede Emotion und jeder Blick, so scheinbar offensichtlich und doch so ungemein komplex, und manchmal verrechnen wir uns, verstricken und verrennen uns, straucheln und fallen in unserer Sehnsucht nach einem Verstehen, nach Kenntnis und Erkenntnis, scheitern in den Versuchen, das Unbegreifliche begreiflich … Weiterlesen Wir fallen in Sehnsucht.

Sie flüstert.

Zuweilen ist der Klang einer Berührung das lauteste Geräusch der Welt. Die Finger, warm und sanft, sie streicheln nur leicht ihre Haut, das Seidenpapier, das sie umhüllt, und dennoch dringen sie tief in sie ein. Nicht wie Nadeln und Messer, nicht wie üblich. Diese Finger, ihre Finger, sie sind lebendige Kreaturen, aus denen eine körperlose … Weiterlesen Sie flüstert.

Von Mäusen und Menschen.

Letzthin lief mir eine Maus über die Leber. Lief einfach drüber, ohne Vorwarnung. Ich erschrak ein wenig, denn man rechnet ja nicht mit derartigen Passanten. Eine Laus wäre zweifellos weniger überraschend gewesen, zumal in Sprichwörterbüchern von solchen Ereignissen berichtet wird. Leider werden Sprichwörterbücher von Mäusen und Menschen nur selten gelesen, weshalb wohl auch mein ungebetener … Weiterlesen Von Mäusen und Menschen.

Die dritte Person.

Sie weiß, dass man vorwärts schauen muss. Dass man kämpfen muss. Dass man all die Tränen und bitteren Pillen schlucken muss. Sie weiß, was man tun muss, um mit der Zeit Schritt halten zu können, doch sie weiß auch, dass dieses «man» in der dritten Person steht, sie selbst aber in der ersten. Wenn sie … Weiterlesen Die dritte Person.

Eine Skizze.

Alles ist bewegt, alles ist so rührig und eifrig, jeder Mensch, den sie sieht, scheint sich zu engagieren, sich einer Aufgabe zu widmen, die ihn definiert, jeder ist definiert, nur sie fühlt sich seltsam vage und obskur, als ob sie lediglich in groben Strichen skizziert worden wäre, sie ist ungenau, ein schemenhafter Entwurf, dem jede … Weiterlesen Eine Skizze.

Das Fehlen.

Der Frühling kommt. Die Blumen beginnen zu sprießen, die Vögel singen schon beim ersten Licht des erwachenden Tages, alles blüht auf, die Natur und die Menschen, vor allem die Menschen. Man lacht wieder mehr. Die Haut hängt nicht mehr so schwer an den Knochen, die Schultern und Gesichtszüge entspannen sich. Und während das Leben mit … Weiterlesen Das Fehlen.

Seltsam.

«Sag, liebst du mich?» fragt sie, und die Stimme zittert, doch das tut sie schon seit Jahrzehnten. Er schaut sie an, aus diesen dunklen und warmen Augen, die immer ein wenig wässrig sind, und lächelt. Dann ergreift er ihre Hand und küsst die fleckige Haut, ganz sanft, als wäre sie aus dünnem Papier. «Sieh doch, … Weiterlesen Seltsam.

Paris, merde.

Sie war damals wohl etwa zwanzig und damit zwei oder drei Jahre älter als ich, sie hieß Patricia, mit c, war sehr klein und dünn und laut, doch ich mochte sie trotzdem, schon allein, weil sie mich beachtete, mit mir sprach, und womöglich war ich sogar ein wenig verliebt, wenn auch nicht allzu heftig und … Weiterlesen Paris, merde.

Immer die Wellen.

Flugrost an der Decke, die Gischt im Gesicht, die Gischt darunter, und dann die Wellen, immer die Wellen, schlagend und peitschend, eine schreiende Wut, stoisch und emotionslos, kalt wie das Wasser, und sie treibt im Raum, alles ist Raum, bis zu den Mauern und dahinter das Nichts, immer das Nichts, ein kahle Kühle umklammert ihre … Weiterlesen Immer die Wellen.

Rauschen, Schweigen.

Da sind Linien in der Haut der Bäume, tief eingekerbte Namen von Liebenden, und die Bäume schreien stumm, sie haben keine Stimme, und alles, was man hört, ist Rauschen. Da sind Linien in der Haut der Körper, tief eingekerbte Dramen von Leidenden, und die Körper schreien stumm, sie haben keine Stimme, und alles, was man … Weiterlesen Rauschen, Schweigen.