Der Teufel.

Sie vermag nicht einzuschätzen, wann es begann. Es dauert schon lange an, glaubt sie, doch die Zeit hat ihre Kalkulierbarkeit verloren; Stunden sind kaum von Tagen zu trennen, die Wochen sind Treibgut in einem trägen Fluss. In meiner Brust ballt der Teufel eine Faust. So lautet ihre Antwort, wenn jemand fragt, was los sei. Kaum … Weiterlesen Der Teufel.

Eigentlich ein Ei.

Am Anfang war das Huhn, und am Anfang war das Huhn ein Ei, doch eigentlich spielt es keine Rolle, es ist nicht von Belang, ein Ei ist eigentlich einerlei, und wenn man ein Poulet mit einer Mischung aus Salz und Eiweiss bedeckt, damit im auf 220 Grad vorgeheizten Ofen während 60 Minuten schliesslich eine schöne … Weiterlesen Eigentlich ein Ei.

Persona non grata.

Es kann sein, dass man nach einem Telefongespräch mit einem Menschen, den man schätzt oder mag oder liebt, den Hörer auflegt und die besagte Person bald darauf vom Tod erwischt wird, man selbst davon aber nichts erfährt, weil man nicht zum engsten Kreis und darum nicht zu jenen zählt, die direkt und persönlich informiert werden, … Weiterlesen Persona non grata.

Auf Grund.

Er hat einen ziemlich ungewohnten Nachnamen, doch sie bemüht sich gar nicht erst, sich die komplizierte Schreibweise einzuprägen. In absehbarer Zeit wird er nicht mehr dort liegen, wo er jetzt liegt, neben ihr im Bett. Sie wundert sich, dass sie manchmal neben ihm – oder neben anderen – einschläft, ganz nahe am anderen Körper, vielleicht … Weiterlesen Auf Grund.

Gehen und bleiben.

Da ist ein Totenkopf, auf einem Bild an einer Wand, da ist dieses knöcherne Etwas, das früher zu einem Menschen gehörte, zu einem Leben, zu tausend Gedanken und tausend Erinnerungen, und man fragt sich, was bleibt, wenn ein Mensch geht. Man fragt sich, wie viel von einem Menschen stirbt und ob etwas weiterlebt und wie … Weiterlesen Gehen und bleiben.

George Clooney.

Sie steht lange vor der Sonne auf, der frühe Vogel, weiß man ja, kennt man ja, doch meistens ist es noch viel zu dunkel, um etwas zu erkennen; sie sieht nichts, findet keine Würmer, höchstens Zweige, die so aussehen wie Würmer. Irgendwann kommen dann die anderen Vögel hervor, krächzen und kreischen und schlagen mit ihren … Weiterlesen George Clooney.

Pepe macht Schabernack.

Eigentlich heißt er ja Josef, doch weil er Paella und das spanische Temperament mag und schwarze Haare hat, nennt er sich José, und als er erkennt, dass José ein allzu häufiger spanischer Männername ist, bittet er jeden, ihn mit Pepe anzusprechen. Pepe passt zu ihm, Pepe klingt freundlich und nahbar, zumindest findet das Pepe. Wer … Weiterlesen Pepe macht Schabernack.

Dieser Körper.

Bisweilen befreit sie sich von diesem Körper, zieht ihn aus wie eine Taucherin ihren Neoprenanzug, hängt ihn an den Haken und muss sich zunächst daran gewöhnen, dass ihr Inneres freigelegt ist. Meistens legt sie sich dann ins Bett, deckt sich zu und wartet, bis sie in den Schlaf gleitet. Dort ist sie sicher. Eigentlich ist … Weiterlesen Dieser Körper.

Postkarte 5: Heimaten

Für eine gemeinsame Lesung mit Sandkastenfreund Patrik Kobler in der alten Heimat entstanden fünf kurze Postkartentexte, die in einer Art Dialog mit Patriks fünf Postkarten ihren Weg auf die Bühne fanden. Postkarte 5: Heimaten Lieber Patrik Vorhin habe ich mich gefragt, wo meine Heimat ist. Wenn jeder Mensch eine Heimat hat, dann habe auch ich … Weiterlesen Postkarte 5: Heimaten

Postkarte 4: Vielleicht

Für eine gemeinsame Lesung mit Sandkastenfreund Patrik Kobler in der alten Heimat entstanden fünf kurze Postkartentexte, die in einer Art Dialog mit Patriks fünf Postkarten ihren Weg auf die Bühne fanden. Postkarte 4: Vielleicht Lieber Patrik Weißt du noch, wie wir immer gesagt haben: Weißt du noch? Wir haben uns daran erinnert, wie wir uns … Weiterlesen Postkarte 4: Vielleicht

Postkarte 3: Ernsthaftigkeit

Für eine gemeinsame Lesung mit Sandkastenfreund Patrik Kobler in der alten Heimat entstanden fünf kurze Postkartentexte, die in einer Art Dialog mit Patriks fünf Postkarten ihren Weg auf die Bühne fanden. Postkarte 3: Ernsthaftigkeit Lieber Patrik Ich vergesse bisweilen den Namen meiner ersten Freundin. Also meiner ersten festen Freundin, wie man das damals nannte. Der … Weiterlesen Postkarte 3: Ernsthaftigkeit

Postkarte 2: Zeitlosigkeit

Für eine gemeinsame Lesung mit Sandkastenfreund Patrik Kobler in der alten Heimat entstanden fünf kurze Postkartentexte, die in einer Art Dialog mit Patriks fünf Postkarten ihren Weg auf die Bühne fanden. Postkarte 2: Zeitlosigkeit Lieber Patrik Kennst du jene Menschen, die behaupten, sie hätten keine Zeit? Sie sind häufig kurzatmig, blicken sich nervös um, kratzen … Weiterlesen Postkarte 2: Zeitlosigkeit

Postkarte 1: Zeitreisen

Für eine gemeinsame Lesung mit Sandkastenfreund Patrik Kobler in der alten Heimat entstanden fünf kurze Postkartentexte, die in einer Art Dialog mit Patriks fünf Postkarten ihren Weg auf die Bühne fanden. Postkarte 1: Zeitreisen Lieber Patrik Ich schreibe dir nicht von einem Ort, sondern von einer Zeit. Ich schreibe dir nicht von einem kleinen Küstenstädtchen … Weiterlesen Postkarte 1: Zeitreisen

Gefallene.

Der Sturm war heftig, war wütend, der Sturm hat an einem Baum gezerrt, und der Baum hat nicht standhalten können, ist umgeknickt, der eigentlich so stämmige Stamm ist im unteren Viertel gebrochen, und nun liegt er da, der Baum, allein auf der weiten Wiese, stumm und still, besiegt und machtlos; ein Gefallener, ein Unterlegener. Sie … Weiterlesen Gefallene.

vs. Jahre.

Sie kämpft gegen die Zeit, kämpft gegen deren Botschafter, jeden Tag, und jeder Tag hat vierundzwanzig Stunden und jede Stunde hat sechzig Minuten und jede Minute hat sechzig Sekunden und jede Sekunde dauert gleich lange, aber darum geht es nicht, es sind nicht die Sekunden und Minuten, nicht die Stunden und Tage, die ihre Feinde … Weiterlesen vs. Jahre.

Die Idee ist gut.

Nachdem sie geduscht hat, steht sie vor dem Spiegel im Badezimmer und lässt ihre Finger durch ihre Haare gleiten. Sie möchte ihre Frisur verändern, möchte etwas Neues ausprobieren, mutig sein, experimentieren. Später, als die Haare endlich trocken sind, versucht sie, die Idee in die Tat umzusetzen; sie steckt Strähnen hoch, modelliert die Haare zu kreativen … Weiterlesen Die Idee ist gut.

Das alte Buch.

Es ist eine andere Handschrift in diesem alten Buch, hastiger und unachtsamer als seine heutige Handschrift, und einen Moment lang denkt er daran, dass er nicht die gleiche Person ist wie jene, deren Worte er liest. Es ist ein unsinniger Gedanke, das weiß er, wahrscheinlich sogar ungesund. Er weiß, er sollte seine eigene Geschichte nicht … Weiterlesen Das alte Buch.

Evelyn.

Evelyn hat eine Packung mit Papiertaschentüchern neben dem Bett liegen, und manchmal, wenn sie in der Nacht erwacht, tastet sie danach, nimmt ein Taschentuch aus der Packung und trocknet ihre Augen, ohne zu wissen, warum sie feucht sind. Evelyn mag den Klang des Windes, der das Haus zum Knarren bringt, doch hin und wieder befürchtet … Weiterlesen Evelyn.