Seltsam.

«Sag, liebst du mich?» fragt sie, und die Stimme zittert, doch das tut sie schon seit Jahrzehnten. Er schaut sie an, aus diesen dunklen und warmen Augen, die immer ein wenig wässrig sind, und lächelt. Dann ergreift er ihre Hand und küsst die fleckige Haut, ganz sanft, als wäre sie aus dünnem Papier. «Sieh doch, … Weiterlesen Seltsam.

Immer die Wellen.

Flugrost an der Decke, die Gischt im Gesicht, die Gischt darunter, und dann die Wellen, immer die Wellen, schlagend und peitschend, eine schreiende Wut, stoisch und emotionslos, kalt wie das Wasser, und sie treibt im Raum, alles ist Raum, bis zu den Mauern und dahinter das Nichts, immer das Nichts, ein kahle Kühle umklammert ihre … Weiterlesen Immer die Wellen.

Rauschen, Schweigen.

Da sind Linien in der Haut der Bäume, tief eingekerbte Namen von Liebenden, und die Bäume schreien stumm, sie haben keine Stimme, und alles, was man hört, ist Rauschen. Da sind Linien in der Haut der Körper, tief eingekerbte Dramen von Leidenden, und die Körper schreien stumm, sie haben keine Stimme, und alles, was man … Weiterlesen Rauschen, Schweigen.

Mitte mit Tee.

Finde deine Mitte, steht auf dem kleinen Fetzen Papier, der an einem dünnen Faden am Teebeutel hängt, und obschon ich von Teebeutelphilosophie vielleicht noch weniger halte als von Tee an sich, folge ich der befehlsmäßigen Aufforderung, zumal das Finden als grundsätzlich erfüllende Tätigkeit nicht selten ein schönes Erlebnis darzustellen vermag, außer man findet seinen Meister … Weiterlesen Mitte mit Tee.

Mondmenschen.

Jeder sei ein Mond und habe eine dunkle Seite, die er niemandem zeige, behauptete Mark Twain, und wie so oft ist anzunehmen, dass er Recht hatte. Das Lachen ist ein guter Lügner. Und oftmals ist es breit genug, um schwindelerregende Abgründe hinter sich zu verbergen. Die Augen sind der Wahrheit weitaus stärker verpflichtet. Doch nicht … Weiterlesen Mondmenschen.

Grund und Boden.

Das Leben war dort draußen, die Stunden hingen in den Räumen, die Tage schlichen achtlos und müde über die Fassaden der Welt, als sie aufhörte, sich zu behaupten und zu erklären. Betäubt lief sie los, hinaus aus dem Haus und der Stadt und hinein in den Wald, hinein in das Feuchte und Dunkle, das Ungewisse. … Weiterlesen Grund und Boden.

Nichts.

Sie fragten ihn, weshalb er den Türrahmen mit seiner Hand zertrümmert habe und dabei auch die Hand selbst, und er sagte nichts. Er betrachtete die blutigen Stellen an seinen Knöcheln und umklammerte seinen Unterarm, ließ ihn schlapp nach unten hängen und räusperte sich geräuschvoll. Schließlich spuckte er auf den Teppich und verstrich den Speichel mit … Weiterlesen Nichts.

Die Fackel hoch.

Am Anfang war alles so einfach, so widerstandslos, jeder Schritt war ein Schritt nach vorne, hinein in eine Verheißung, die sich jeden Tag aufs Neue erfüllte, und die Sonne schien ihr warm in den Rücken, die Sonne schien ihr warm ins Gesicht, dann blinzelte sie jeweils kurz, und alles blieb sich gleich, blieb gleich gut, … Weiterlesen Die Fackel hoch.

Unterholz.

Er ist skeptisch. Das ist er ständig, und zumeist erfährt seine Skepsis eine unheilvolle Bestätigung. Dann steht er für Sekundenbruchteile starr und stumm in der gefrorenen Zeit, bevor er dem Moment entflieht und ins Unterholz hastet, um seine Wunden zu lecken. Wunden gibt es immer. Man gewöhnt sich an sie, und dennoch tut man es … Weiterlesen Unterholz.

Im Wald so kalt.

Sie fühle sich wie ein nacktes Mädchen im Wald, sagte sie. Ungeschützt und bebend, starr vor Kälte. Sie friere immer, erzählte sie, sogar in der Hitze des Sommers. Sie wolle einfach ein wenig Wärme. Eine Wolldecke vielleicht, oder einen Mantel, irgendetwas, um sich einzuhüllen. Wenn alles so kalt sei, meinte sie, dann könne man doch … Weiterlesen Im Wald so kalt.

Im Garten.

Wir wachsen wie Bäume nach oben, aber nie über uns hinaus, obschon wir gerne würden, und irgendwann kommen wir nicht mehr höher, wir verharren, wie sehr wir uns auch strecken, wir wären gerne größer und mächtiger, um weiter sehen und uns den Stürmen widersetzen zu können, uns nicht beugen zu müssen, doch wir schwanken, wir … Weiterlesen Im Garten.

Maziar Bahari.

Er saß 118 Tage lang im Gefängnis. Ein Verbrechen begangen hat er nicht, kein Gesetz gebrochen, weder gegen ethische noch gegen moralische Grundsätze verstoßen. Er wollte lediglich Bericht erstatten, denn das ist sein Beruf, Berichterstatter, Journalist. Sie sperrten ihn ein, weil sie glaubten, er sei ein Spion. Verhörten und folterten ihn, täglich. Während seine Frau … Weiterlesen Maziar Bahari.

Hiroshima.

Da ist dieses Mädchen namens Hiroshima, obwohl, ein Mädchen ist sie nicht, sie ist eine junge Frau, eine durchaus attraktive, faszinierende Frau, doch einerseits ist sie trotzdem ein Mädchen, wird es immer bleiben, während sie andererseits viel zu früh aufhören musste, eines zu sein, und nun ist sie weder das eine noch das andere, eine … Weiterlesen Hiroshima.

An der Leine.

Die Welt wird kleiner mit der Zeit. Die Grenzen rücken näher, und gleichzeitig wächst ihre Angst, sie zu überschreiten. Die Mauern wachsen, weit über sie hinaus und hinein in den Himmel, der immer dunkler zu werden scheint. Und während sie mit ihrem Hund die gewohnten Wege geht, hält sie sich im Schatten und abseits der … Weiterlesen An der Leine.

Sexist.

Er kleidet die Schönheit ihres nackten Körpers in Worte, versucht es zumindest, denn zur Gänze gelingen kann es nicht. Er schreibt, wie er seine Hände über ihre zarte Haut führt, wie sie über ihre Formen und Konturen gleiten wie ein Schwan über den stillen See. Er schreibt, wie er ihren Hals küsst, ihre Brüste, ihren … Weiterlesen Sexist.

Gegen den Strom.

Sie will liegen, wo noch niemand lag. Sie will tun, was ungetan geblieben ist, will unterlassen, was sich kaum vermeiden lässt. Sie will auf Bäume klettern und in Seen tauchen und auf Feldern sitzen, und sie will immer zuerst dort sein, als einziges Wesen, ohne Beispiel. Sie will hinaus aufs Meer und hinein in den … Weiterlesen Gegen den Strom.

Ungeschrieben.

Die Schwerkraft hat es nicht leicht in den Träumen, sie ist herzlich unwillkommen und bleibt häufig außen vor, und während wir gravitativ und träge in den Betten liegen, wie Blei unter Daunen, entschweben wir der Realität, machen die Nacht zum Tage und uns selbst zu Helden einer Geschichte, die keinem Drehbuch folgt und nirgends geschrieben … Weiterlesen Ungeschrieben.

Nach dem Kampf.

Sie weiß nicht mehr, wann es begann, weiß nicht mehr, wann sie aufhörte, sich zu wehren, sich zu entrüsten, aufzuschreien, doch damals ließ sie es nicht einfach geschehen, damals widersetzte sie sich, kämpfte mit allen Kräften, doch dieses Damals ist längst vorbei und verendet, vergraben unter den Jahren, sie ist des Kämpfens müde, und nun … Weiterlesen Nach dem Kampf.