Rotkehlchenküken.

Manchmal vergisst er tatsächlich, wie gut er ist. Gut, natürlich ist er nicht immer gut, aber wenn er gut ist, dann so richtig. Dann rettet er all die armen Robbenbabys und gestrandeten Finnwale, und wenn ein Rotkehlchenküken aus dem Nest fällt, dann päppelt er es auf, richtet eine hübsche Kartonschachtel ein und füttert es und … Weiterlesen Rotkehlchenküken.

Im Kerker.

Alle reden von Freiheit, doch sie weiß nicht, was Freiheit bedeutet. Selbst die weitesten Felder sind ihr ein Gefängnis, jeder Raum ist ein Kerker, auch die größten Fenster tragen Gitter vor dem Glas. Sie will ihre Fesseln sprengen, doch die Handgelenke sind so kahl wie am ersten Tag, da sind keine Ketten, keine Seile. Der … Weiterlesen Im Kerker.

Raketenrucksack.

Es war 1984, im Fernsehen lief eine Zusammenfassung der Eröffnungszeremonie der Olympischen Sommerspiele in Los Angeles. Irgendwann schwebte ein Mann ins Stadion. Die Stimme im Fernseher nannte das Ding auf seinem Rücken wahrscheinlich Jetpack. Für mich war es ein Raketenrucksack. Dieser Raketenrucksack war die Zukunft. Meine Zukunft. Ich war überzeugt, dass sich bald alle Menschen … Weiterlesen Raketenrucksack.

Unterwassertränen.

Da ist ein Knoten in der Zunge, wenn sie von Angst und Liebe spricht, aber sie versteht nicht, warum andere verstehen sollten, was sie selbst nicht versteht. Ihre Knochen sind Schwemmholz, ihre Haare wachsen algengleich in die Tiefe. Sie weint nur unter Wasser, das ist Vorsicht, das ist Rücksicht, das ist Absicht. Sie schwimmt nicht … Weiterlesen Unterwassertränen.

Die Auflösung.

Die Großmutter hatte in einem kleinen silbernen Gefäß Platz, das an eine Thermosflasche erinnerte. Daneben stand ein Mann mit einem ernsthaften Gesicht. Seine Stimme war laut und sonor. Von Erde bist du genommen, zu Erde sollst du werden. Ein rasselnder Husten unterbrach seinen Vortrag, dann sprach er weiter. Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub … Weiterlesen Die Auflösung.

Diese Idioten.

Sie kratzen die Farbe von alten Metalltischen, sie gehen immer zu langsam oder zu schnell, immer langsamer oder schneller als du selbst, diese Idioten, sie riechen seltsam, vor allem in überfüllten Zügen, vor allem im Sommer, vor allem am frühen Abend, sie drängen sich vor, drängen sich auf, drängen auf Veränderung und bleiben doch gleich, … Weiterlesen Diese Idioten.

Das Gift der Biene.

Wenn sie den Atem anhält und die Augen schließt, hört sie das Summen, spürt das sanfte Vibrieren. Manchmal wohnt einem Flügelschlag die gewaltigste Kraft inne. Manchmal erzählt eine kleine Bewegung eine größere Geschichte als jedes Buch. Und manchmal überdauert eine Berührung alle Zeiten. Bienen verfügen über eine visuelle Erinnerung, eine Art Landkarte im Gedächtnis. Damals … Weiterlesen Das Gift der Biene.

Auf Allgemeinplätzen.

(Man liegt auf einer Wiese in einer Nacht voller Sterne, und wenn man den Kopf schnell bewegt, gehen tausend Sternschnuppen nieder, doch man wünscht sich nichts, weil man weiß, dass es keinen Zweck hat, und vielleicht auch, weil man betrunken ist, die Stimmen schwirren durch die warme Luft, alles klingt vertraut und fremd zugleich, und … Weiterlesen Auf Allgemeinplätzen.

B. schämend.

Seine Zähne seien ganz krumm, findet F. Kleine gelbliche Brocken, die irgendwie bizarr aus der Mundhöhle ragen. Er schämt sich für seine Zähne. Eine gute Freundin sagt ihm: Wenn du lächelst, gehen drei Sonnen auf. Doch F. tut es ungern, tut es selten, und wenn er es tut, dann lieber im Dunkeln. B. schämt sich … Weiterlesen B. schämend.

Undenkbar.

«Was denkst du?» will sie wissen, und er zuckt zusammen, denn er hat mit der Frage gerechnet, weiß aber trotzdem nicht, was er darauf antworten soll. Zwar ist es nicht so, dass er nichts denkt, doch er schätzt es sehr, seine Gedanken innerhalb der sicheren Grenzen seines Kopfes zu wissen, und ist nicht sonderlich erpicht … Weiterlesen Undenkbar.

38317.

Ein anderes Kind erzählte ihm, er solle mal die Zahl 38317 in den Taschenrechner eingeben, das Gerät dann umdrehen und damit die Zahl auf dem Kopf stellen. Er tat es, und dann stand da ein Wort, und er wusste eigentlich gar nicht so richtig, was es bedeutete, doch er wusste, es war etwas Schönes. Dann … Weiterlesen 38317.

8848.

Er ist kein Bergsteiger. War er nie, wird er nie. Schon der Blick von einem Balkon in der dritten Etage lässt einen gewissen Schwindel entstehen und Schweiß ausbrechen. Er ist nicht Edmund Hillary, und er ist nicht Tenzing Norgay. Die beiden standen als erste Menschen auf dem Mount Everest, 8848 Meter über Meer. Natürlich waren … Weiterlesen 8848.

Ponys und Geister.

Ein Pony oder den Weltfrieden, ein 1965er Ford Mustang Cabriolet oder das Ende des Hungers, einen Lottogewinn oder ewige Gesundheit, wer bekommt denn schon, was er sich wünscht, und wer wünscht sich denn, was er auch tatsächlich bekommen könnte, der Geist aus der Flasche ist wie alle Geister nur ein Trugbild, eine süffisant grinsende Illusion, … Weiterlesen Ponys und Geister.

Sollbruchstelle.

Womöglich gab es eine Sollbruchstelle. Sie wusste nicht, wie laut das Knacken war, es wurde übertönt von einem Rauschen und einem tauben Gefühl. Die Entfernung, sie wuchs immer mehr, und damit auch der Leerraum dazwischen. Und irgendwann begann sie, von und zu sich selbst nur noch in der dritten Person zu sprechen. «Wer ist sie?» … Weiterlesen Sollbruchstelle.

Ein Satz über Toilettenpapier.

Vor gefühlten hundert Jahren und mindestens einem Dutzend durchlaufener Phasen meines Seins schrieb ich einen Text über Toilettenpapier, aus vollkommen unerfindlichem Grund, auch heute noch habe ich keine Ahnung, weshalb ich dies tat, womöglich war mir die auslösende Idee bei einem Akt der Defäkation gekommen, jedenfalls entstand dieser Text, eine muntere Ansammlung von Gedanken über … Weiterlesen Ein Satz über Toilettenpapier.