Sie rennt.

Am Anfang sind die Schritte noch zaghaft, unsicher gar, ein vorsichtiges Tasten auf vorgegebenen Wegen. Die Straßen sind asphaltiert, die Gassen von Mauern gesäumt, dekorative Elemente aus Stahl oder Beton verleihen selbst kleinen Plätzen eine gewisse Struktur und Ordnung. Hin und wieder kommen ihre Füße von der Spur ab, doch sie korrigiert derartige Abweichungen rasch, … Weiterlesen Sie rennt.

Wilde Tiere.

Man träumt sich in einen Wald, grün die Blätter, grau die Luft, feuchte Kälte hängt zwischen den Bäumen. Einige Momente lang ist alles still, die Welt liegt gefroren in der Zeit. Doch plötzlich ein Knacken, ein Rascheln, einige Zweige, die sich abrupt biegen; ein Vogel fliegt auf, schwarz und krähend. Und dann beginnt die Raserei. … Weiterlesen Wilde Tiere.

Retro.

Früher waren da andere Farben in den Fotos. Da war mehr Gelb, da waren mehr rötliches Braun und mehr bräunliches Rot, da war weniger Blau, und wenn da Blau war, dann ein wärmeres Blau als heute. Die Kleider der damaligen Kinder wirkten dicker und wärmender als die Kleider der heutigen Kinder. Und wenn Bildbearbeitungsprogramme versuchen, … Weiterlesen Retro.

Das Erkennen.

Manchmal sind die Körper vergesslich, vielleicht auch nur abgelenkt oder träge, manchmal ist die Haut nicht viel mehr als die unterste Schicht der Kleidung, manchmal ist ein Kuss nur eine einstudierte Geste, ein Automatismus, und vielleicht gebührt diesen Begebenheiten durchaus Raum, vielleicht bedarf jedes gute Zusammenspiel einer gewissen Routine, wiederholter Übung, doch dann wieder, wenn … Weiterlesen Das Erkennen.

Bild ohne Ton.

In allen Bildern der verlorenen Zeit wohnt ein Klang; manchmal Musik, manchmal das eigene Atmen, laut und müde, manchmal auch nur das Rauschen, das bleibt, wenn alles schweigt. Alle Bilder, real oder irreal, tragen die Möglichkeit einer Geräuschkulisse, alle Bilder lassen sich in Gedanken vertonen. Nur dieses Bild nicht. Das Seil geht mitten durch den … Weiterlesen Bild ohne Ton.

Ein Sack Reis.

«In China hat man vor den Olympischen Spielen 2008 etwa eineinhalb Millionen Menschen vertrieben, weil man dort, wo sie wohnten und beheimatet waren, eine Sportanlage bauen wollte.» Man weiß nicht, weshalb sie dies erzählt. Niemand sprach gerade von derlei Dingen. Die Diskussion drehte sich um Banales und war eigentlich gar keine Diskussion, sondern ein unkoordiniertes … Weiterlesen Ein Sack Reis.

Viel zu laut.

Da ist diese Liebe, vollkommen, unumstößlich, bedingungslos, wie sie wohl nur das eigene Kind auszulösen vermag. Ein Gefühl, das keines Hinterfragens bedarf, keiner Deutung; ein Gefühl, so klar und schön und gut. Und dann das. Man wird laut. Sehr laut. Viel zu laut für die Situation, viel zu laut für jede Situation. Ein Tadel wäre … Weiterlesen Viel zu laut.

Zumindest das Schweigen.

Mitunter sind die banalsten Sätze auch die unerträglichsten, den einfachsten Fragen folgen bedrückend komplizierte und dennoch unverbindliche Antworten. Man könnte fragen: Warum Krieg? Eine Frage, auf die schon Einstein und Freud in ihrem publizierten Briefwechsel keine abschließende Klärung fanden. Man könnte fragen, wohin man geht, wenn man am Ende angekommen ist, doch man weiß, dass die … Weiterlesen Zumindest das Schweigen.

Orion.

Der riesenhafte Jäger Orion befreite die Insel Chios von wilden Tieren. Dort verliebte er sich in Merope, die Tochter des Oinopion. Jedoch stimmte Oinopion einer Vermählung nicht zu. Wütend versuchte Orion, Merope mit Gewalt zu nehmen, was ihren Vater veranlasste, ihn betrunken zu machen und ihm die Augen auszustechen. Der erblindete Orion aber schritt gegen … Weiterlesen Orion.

Diese Leute.

Man nimmt an einer Kundgebung teil, es geht um den Frieden, es geht um Flüchtlinge, um Respekt, da sind Regenbogenfarben und klare Worte auf Transparenten, man geht durch die Gassen der Stadt, einige hundert Menschen vielleicht, jung und alt, hell und dunkel, fröhlich und nachdenklich, laut und leise; man bewegt sich vorwärts, den Schaufenstern und … Weiterlesen Diese Leute.

Manipulation.

Das Bild vor ihm ist bunt, eine Welt aus Kaugummi und Regenbogen, die Farben sind hell und grell. Er weiß durchaus, dass dies nicht die Realität ist, sondern nur eine minutiös geplante Illusion. Er weiß, dass die Menschen, die er auf dem Bildschirm sieht, zwar echt sind, sich aber nur einer Inszenierung hingeben und eigentlich nur … Weiterlesen Manipulation.

Der Unsympath.

Er ist bekannt, aber man kennt ihn nicht, denn ein Kennen funktioniert nicht, man kann ihn nicht kennen, vor allem aber will man nicht, denn er ist nahezu horrend unsympathisch, und eigentlich könnte man ihn einfach ignorieren, ihm keinen Raum im eigenen Innern zugestehen, schließlich verdient er ihn nicht, aber er ist einfach da, wie … Weiterlesen Der Unsympath.

Palast.

Und dann ein Knacken, viel zu laut, um harmlos zu sein. Das Gebälk findet zum Schweigen zurück, doch aus einer Fuge im Holz rieselt hellbrauner Staub. Dann wieder ein Knacken. Dann wieder Stille. Nur der Atem, der durch den Raum stolpert. Und dann die Angst, der Palast stürze ein. Nicht lärmig und wütend und rauschend, … Weiterlesen Palast.

Fernsehabend.

Manchmal vergisst sie, wie groß seine Hände sind. Riesige Pranken, fleischig und breit, unverhältnismäßig groß im Vergleich zum restlichen Körper. Sie hat ihren Vater schon immer für seine enormen Hände bewundert. Vielleicht tut sie es noch immer, aber es fühlt sich anders an als früher. Die Hände der Mutter sind dagegen verschwindend klein, doch sie … Weiterlesen Fernsehabend.

Das Böse.

Da ist diese Frau, man begegnet ihr hin und wieder in der Innenstadt; sie ist außerordentlich hübsch, von der Seite betrachtet, doch nicht deshalb fällt sie auf, sondern wegen des Anblicks, den ihr Gesicht offenbart, wenn man den Blickwinkel ändert und sie von der anderen Seite sieht. Dort ist ihr Antlitz entstellt, die Gesichtszüge sind … Weiterlesen Das Böse.

Gleichartig.

Man geht durch die Stadt, die lärmige, die dröhnende, mit den hupenden Autos und den rufenden Menschen, den plärrenden Lautsprechern und dem konstanten Rauschen, und die Maus, die kleine Maus, man kann sie nicht hören, nicht einmal, wenn sie ganz laut piepst, so laut wie sie kann, ihr Piepsen geht unter, eigentlich taucht es gar … Weiterlesen Gleichartig.

Rost.

Das Fragezeichen ist wie das alte dunkelgrüne klapprige Fahrrad im Keller. Es ist da, und man weiß genau, wie man es verwendet, doch die Staubschicht wird dicker, die Spinnweben werden allmählich zu dünnen Tüchern. Man mag das Fahrrad durchaus, als Kind saß man stundenlang auf dem weichen Sattel, dessen Naht an der Seite ein wenig … Weiterlesen Rost.

Dort, ein Buch.

Einst, vor vielen Jahren, stand ich in einer Buchhandlung im engen Raum zwischen den Regalen und blätterte in einem Buch. Der Autor hatte Briefe an Firmen oder bekannte Persönlichkeiten geschrieben. Diese Briefe und die Antworten darauf waren abgedruckt. Das Buch schien unterhaltsam zu sein, es lag in der Humor-Abteilung auf, neben anderen Büchern, die mit … Weiterlesen Dort, ein Buch.

Negerschlampe.

Er ist noch ziemlich jung, als er zum ersten Mal daran denkt, mit einer schwarzen Frau Sex zu haben. Vielleicht ist es ein Erotikfilm, vielleicht ein Pornoheft; als er zum ersten Mal eine nackte schwarze Frau erblickt, verankert sich dieses Verlangen in ihm. Grundsätzlich mag er Schwarze nicht. Er nennt sie Neger und wischt jegliche … Weiterlesen Negerschlampe.