Siehst du?

Siehst du? fragt sie, ohne eine Antwort zu erwarten. Siehst du? wiederholt sie. Ich habe es doch gewusst! Ich habe es ja gesagt! Bisweilen schiebt sie dann ein verächtliches Ha! hinterher, als ob sie eine Wette gewonnen hätte. Als sie zum ersten Mal mit dem Flugzeug in den Urlaub reist, ist sie überzeugt, dass die … Weiterlesen Siehst du?

Zerren am Gewebe.

Wenn sie sich berührt, fühlt sie sich lächerlich. Das war nicht immer so, im Gegenteil. Sie pflegte es zu genießen, im Alleinsein noch viel stärker als in jeglicher Art der Zweisamkeit. Diese Momente der absoluten Intimität verliehen ihr eine Art der Zufriedenheit, die weit über die rein körperliche Befriedigung hinausging. Sie empfand ein Gefühl der … Weiterlesen Zerren am Gewebe.

Martha.

Sie war anders. Er füllte seinen Kopf mit so vielen Eindrücken, mit Gesichtern und Händen und Körpern, mit Frauen und Männern, mit Namen und Daten, mit Häuserecken und Heuschrecken, mit Meereswellen und Markenlogos, mit sexuellen Erfahrungen und emotionalen Entbehrungen. Er füllte alles in seinen Kopf, und irgendwann tröpfelte und floss es wieder hinaus, versickerte im … Weiterlesen Martha.

Der Friseur.

Man war längst kein Kind mehr, aber auch noch nicht wirklich erwachsen; man taumelte irgendwo dazwischen, in einer Schleuse zwischen den Zeiten, diffus und verführerisch zugleich. Manche standen auf wackligen Beinen im Berufsleben, andere studierten, wieder andere überlegten noch, was auch immer. Einige wohnten noch bei ihren Eltern, einige hatten bereits ihre eigenen Wohnungen, klein … Weiterlesen Der Friseur.

Bettwäsche.

Die Bettwäsche aus ihrer Kindheit, sie ist blau. Pastellblau. RAL 5024, vielleicht. Darauf weiße Blumen mit fünf Blütenblättern und einem kurzen Stiel, die Blumen scheinbar achtlos hingestreut auf den pastellblauen Grund, erst bei genauem Hinsehen zeigt sich ein regelmäßiges Muster. Die Bettwäsche duftet nach Waschmittel, und das Waschmittel duftet so, wie Waschmittel dufteten, bevor sie … Weiterlesen Bettwäsche.

Auf dem Parkett.

Man lud einige Freunde nach Hause ein, man verspeiste Speisen, man trank Getränke, und einer mischte sich einen Wodka mit Red Bull, er trank Glas um Glas, immer wieder, und mit jedem Schluck wurde seine Stimme schwammiger, seine Geschichten wurden abenteuerlicher, bisweilen abstrus, seine Fantasie reckte und streckte sich, und irgendwann, nach einer weiteren fantastischen … Weiterlesen Auf dem Parkett.

Perpetuum Mobile.

Irgendwann fragte die Therapeutin, ob er gerne Musik höre. Pino antwortete, dass er sich nie viel aus Musik gemacht habe. Musik sei für ihn ein wenig wie Straßenverkehr. Nebengeräusch. Die Therapeutin begann dann zu schwärmen, von Tom Waits, vom Penguin Cafe Orchestra, von Nina Simone. Pino kannte diese Namen nicht. Noch nicht. Eigentlich wusste er, … Weiterlesen Perpetuum Mobile.

Kein Maßstab.

Er ist noch ein Kind, als eines Tages ein Versicherungsvertreter zur Familie nach Hause kommt und sich mit seinen Eltern unterhält. Der Versicherungsvertreter hat dunkles Haar und ist freundlich und hat eine Ledermappe dabei, und in dieser Ledermappe befindet sich neben einem Notizblock und irgendwelchen Papieren auch ein Maßstab. Es ist kein normaler Maßstab, denn … Weiterlesen Kein Maßstab.

Das Gästezimmer.

Sie wirft die alten Blumen in den Komposteimer, spült die Vase aus, füllt frisches Wasser auf und stellt neue Blumen in die Vase. Tulpen, dunkelrot und weiß. Dann geht sie ins Gästezimmer und platziert die Vase auf dem kleinen Tisch am Fenster. Sie sieht sich aufmerksam um, lässt den Blick über Mobiliar und Flächen gleiten, … Weiterlesen Das Gästezimmer.

Eine Busfahrt.

Die Busse klingen anders als früher. Sie knattern und dröhnen nicht mehr, sie röcheln und husten nicht mehr. Heute hört man ein tiefes Brummen und ein hohes Sirren, das immer wieder anschwillt und abklingt. Mehr nicht. Alles andere wird unterdrückt, und dieses Unterdrücken ist anstrengend, so scheint es. Jedes Mal, wenn der Busfahrer an einer … Weiterlesen Eine Busfahrt.

Die Leiche.

Da war diese kleine Hütte, sie stand am Rande einer kleinen Lichtung im Wald, direkt neben einem abgestorbenen Baum. Üppiges Grün umwucherte das Fundament, das Holz wirkte morsch und wies unzählige Löcher und Lücken auf. Die wenigen Fenster waren zwar in den meisten Fällen noch intakt, doch das Glas war seltsam schwarz und ließ keinen … Weiterlesen Die Leiche.

Die Spinne.

Jeder Raum ihrer neuen Wohnung ist Brachland, jeder Winkel erzählt von einem neuen Anfang, die Wände sind nackt, als wären sie gerade erst zur Welt gekommen. Der Geruch von Farbe hängt noch in der Luft, vermengt mit den süßlichen Vanillenuancen der Duftkerzen, die sie anzuzünden pflegt. Sie ist ebenfalls häufig nackt, wie frisch geboren, will … Weiterlesen Die Spinne.

Sieben Tage.

Paul steht neben dem alten Toyota, seine Hand umklammert die Oberkante der geöffneten Fahrzeugtür. Mit ruhigem Blick schaut er die Straße hinunter, eine jener vielen Straßen, die nun vor ihnen liegen. Er stellt sich vor, wie er in einem Film mitspielt, und die Kamera betrachtet ihn, wie er regungslos da steht, neben dem alten Toyota, … Weiterlesen Sieben Tage.

Der Berg im Fenster.

In seinem Kinderzimmer hingen Poster an der Wand, Bilder von Queen und Kim Wilde und den Blues Brothers, immer wieder andere Gesichter, stetig wechselnde Idole an drei Wänden seiner kleinen Welt. Die vierte Wand war keine Wand, sondern die Fensterseite, mit drei gleich großen Fenstern, und dort waren keine Popstars zu sehen. Dort stand ein … Weiterlesen Der Berg im Fenster.

Björn Borg.

Seine Hände sind warm und weich, so warm und weich, dass sie erschrickt und zusammenzuckt. Sie entschuldigt sich für ihre Reaktion, doch er schweigt. Maria weiß nicht genau, wann sie zum letzten Mal von einem Mann berührt worden ist, wirklich berührt, bewusst. Vielleicht ist es fünfzehn Jahre her, wahrscheinlich mehr. Damals war es Hugo, ihr … Weiterlesen Björn Borg.

Sieben Glastische.

A. klagte immer wieder über Kopfschmerzen, seine Augen taten weh, ihm wurde häufig schwindlig. Seine Frau sagte ihm immerzu, er solle zum Arzt gehen, doch A. winkte stets ab. Irgendwann kippte er um, prallte mit dem Kopf auf den Glastisch und war tot. P. sagte immer, dass er jederzeit aufhören könne mit den Drogen, wenn … Weiterlesen Sieben Glastische.

Die Schattenmänner.

Man sitzt in diesem kleinen Warteraum beim großen Bahnhof. Gegenüber sitzt ein junger Mann mit riesigen Kopfhörern, sein Blick klebt auf dem Smartphone in seinen Fingern, sein Gesichtsausdruck erzählt von Konzentration oder von Gleichgültigkeit, es ist schwierig zu beurteilen. Draußen geht die Welt unter, vielleicht ist es auch einfach nur ein ganz normaler Dienstag, man … Weiterlesen Die Schattenmänner.