Die Raststätte.

Eine verlassene Raststätte mit einigen Zimmern, ein merkwürdiges Konstrukt im Niemandsland, kahle Mauern, die Architektur aus einer anderen Zeit. Einst war dieses Gebilde wohl ein Zeichen für den Aufbruch in eine helle Zukunft, doch mit der Zeit schwindet das Licht, und nun ist es dem Abbruch geweiht und die Zukunft nur ein weiteres gebrochenes Versprechen. … Weiterlesen Die Raststätte.

Amok.

Die Sonnenblumen hatten ihn eigentlich nie sonderlich interessiert. Er hegte weder Groll noch ausgeprägte Zuneigung, sie waren einfach da, standen stumm in jenem Feld, welchem er häufig entlangging, ganz normale Sonnenblumen, und sie waren ihm ziemlich egal. Manchmal blitzten Gedanken auf, eine von ihnen zu pflücken, doch er wusste, dass dies verboten war, also tat … Weiterlesen Amok.

Emotionale Defäkation.

«Du musst es rauslassen.» «Was muss ich rauslassen?» «Die Scheiße. Die ganze Scheiße.» «Welche Scheiße?» «Halt eben das, was dich bedrückt.» «Ist nicht so schlimm.» «Deine Augen sagen etwas anderes.» «Ich kann das nicht so gut.» «Was?» «Darüber reden. Außerdem ändert sich dadurch sowieso nichts.» «Natürlich ändert sich etwas.» «Ich glaube nicht.» «Es ist wie … Weiterlesen Emotionale Defäkation.

Fuzzy.

Sie erkennt den Song nach drei Sekunden, nach fünf kann sie ihn einordnen. Dann kommen die Tränen. Der Song heißt Fuzzy und stammt von Grant Lee Buffalo. Es war ein Sonntag, als sie ihn zum letzten Mal hörte. Draußen regnete es in Strömen. Natürlich regnete es. Zu den ersten Takten hatte sie die Maus in … Weiterlesen Fuzzy.

Abspann.

Der Film beginnt. Ein kurzer Vorspann, dann die Exposition, die Vorstellung zweier Personen. Die Frau. Der Mann. Sie begegnen sich in einem Raum voller Menschen, sie sind einander unbekannt. Es ist laut, es ist hektisch, die Musik dröhnt, doch dann blicken sich die Frau und der Mann in die Augen, und alles verstummt, alles erstarrt, … Weiterlesen Abspann.

Kleptomane.

Eigentlich müsste ich ihn hassen, ihn zutiefst verabscheuen, müsste ihn verdammen für die Dinge, die er tat, und für die Dinge, die er unterließ. Er ist ein Räuber, ein Dieb, er hat gestohlen wie ein Kleptomane. Auch Geld. Auch Sachwerte. Aber vor allem Möglichkeiten. Zeit. Leben. Vor allem Leben. Jeden Tag blickte er mir in … Weiterlesen Kleptomane.

Kein halber Liter.

Der Mond ist eine Sichel, die Klinge schneidet Ritzen in den Himmel, in denen sich die Sterne verstecken können, wenn sie mögen. Auch sie versteckt sich. Versteckt sich vor den Augen, den stechenden, den musternden. Versteckt sich vor den Händen, den schubsenden, den haltenden, den streichelnden und schlagenden. Versteckt sich vor den Stimmen, den rufenden … Weiterlesen Kein halber Liter.

Ein Nachmittag im Gras.

Sie war eine gute Freundin, eine der besten, die ich je kennen durfte. Sie war klug und witzig und liebenswert, einer jener Menschen, deren Wärme ansteckend ist. Schon als Kind erkrankte sie an Leukämie, konnte aber erfolgreich behandelt werden. Irgendwann brach die Krankheit erneut aus, und sie musste sich einer langwierigen Therapie unterziehen. Im Gespräch … Weiterlesen Ein Nachmittag im Gras.

Das Unaussprechliche.

Am frischen Grab ihrer Eltern senkt er seinen Blick. Mit ungewohnt zerbrechlicher Stimme bittet er sie, ihm zu versprechen, niemals jemandem zu erzählen, was er getan hat, ihr angetan hat. Sie überlegt nicht lange, senkt ebenfalls den Blick und gibt das gewünschte Versprechen ab. Dann flieht sie, ein weiteres Mal. Und während sie im Flugzeug … Weiterlesen Das Unaussprechliche.

Das Kind am Fenster.

Da ist ein Kind am Fenster. In der dritten Etage des Hauses auf der anderen Seite der Straße sind drei Zimmer beleuchtet, und in einem davon steht ein Kind am Fenster. Die Umrisse zeichnen sich klar ab, oben der Kopf, dann ein schlanker Rumpf mit angelegten Armen, dann die Beine, die in die tiefliegende Fensterkante … Weiterlesen Das Kind am Fenster.

Der Protest.

Niemand konnte genau sagen, wann sie aufgetaucht oder woher sie gekommen war. Plötzlich stand sie da, am Rand des Waldes, neben einem Gehweg. Die vereinzelten Passanten musterten sie mit Blicken voller Neugier und Verwunderung, mitunter mischten sich auch Entrüstung oder eine gewisse Lüsternheit in die Augen der Betrachter. Zu Beginn wagte niemand, sie anzusprechen, nur … Weiterlesen Der Protest.

Ka(t)rin.

Karin lässt ihre Hand über das Laken gleiten. Sanft und zitternd. Etwas könnte zerbrechen. Dann graben sich die Finger in den Stoff. Katrin hat das Licht gedimmt und die Kerzen angezündet, sie duften nach Rosen und Sandelholz. Sie hat die CD von Portishead eingelegt, die Musik tröpfelt leise in den Raum. Als Katrin ihren Namen … Weiterlesen Ka(t)rin.

Was fällt ihnen ein.

Er blättert in einer Zeitschrift, die Schrift der Zeit, die Zeit in Schrift und auch in Bildern, und einige dieser Bilder lassen ihn hadern und verzagen. Wie er sie verabscheut. Eine stilisierte Aufnahme zeigt notleidende Kinder aus einem afrikanischen Land, sie lachen in die Kamera, und er malt sich aus, wie seltsam und aufregend es … Weiterlesen Was fällt ihnen ein.

Bewaffnet entwaffnet.

Schwarzes Metall, ein matter Glanz, das Licht des Tages in Blau und Grau gekleidet. Er kniet auf dem verkrusteten Boden, sein Blick folgt dem Lauf der Waffe, die auf ihn gerichtet ist. Während er sich wundert, wie perfekt und gerade die Linien des Gewehres gezeichnet sind, sickert eine einzelne Träne aus dem Winkel seines Auges, … Weiterlesen Bewaffnet entwaffnet.

Das Fehlen.

Der Frühling kommt. Die Blumen beginnen zu sprießen, die Vögel singen schon beim ersten Licht des erwachenden Tages, alles blüht auf, die Natur und die Menschen, vor allem die Menschen. Man lacht wieder mehr. Die Haut hängt nicht mehr so schwer an den Knochen, die Schultern und Gesichtszüge entspannen sich. Und während das Leben mit … Weiterlesen Das Fehlen.

Grund und Boden.

Das Leben war dort draußen, die Stunden hingen in den Räumen, die Tage schlichen achtlos und müde über die Fassaden der Welt, als sie aufhörte, sich zu behaupten und zu erklären. Betäubt lief sie los, hinaus aus dem Haus und der Stadt und hinein in den Wald, hinein in das Feuchte und Dunkle, das Ungewisse. … Weiterlesen Grund und Boden.

Nichts.

Sie fragten ihn, weshalb er den Türrahmen mit seiner Hand zertrümmert habe und dabei auch die Hand selbst, und er sagte nichts. Er betrachtete die blutigen Stellen an seinen Knöcheln und umklammerte seinen Unterarm, ließ ihn schlapp nach unten hängen und räusperte sich geräuschvoll. Schließlich spuckte er auf den Teppich und verstrich den Speichel mit … Weiterlesen Nichts.

Im Wald so kalt.

Sie fühle sich wie ein nacktes Mädchen im Wald, sagte sie. Ungeschützt und bebend, starr vor Kälte. Sie friere immer, erzählte sie, sogar in der Hitze des Sommers. Sie wolle einfach ein wenig Wärme. Eine Wolldecke vielleicht, oder einen Mantel, irgendetwas, um sich einzuhüllen. Wenn alles so kalt sei, meinte sie, dann könne man doch … Weiterlesen Im Wald so kalt.

Drei Bilder.

Ankommen. Sie knöpft mit leicht zitternden Fingern sein Hemd auf und spürt gleichzeitig die Wärme seiner Hände auf ihrer nackten Haut. Er öffnet den Verschluss ihres Büstenhalters und streift ihn ab, berührt mit seinen Lippen sanft ihre Brustwarzen, was sie kaum merklich zusammenzucken lässt. Nach einem kurzen Räuspern zieht sie ihn zu ihrem Bett, legt … Weiterlesen Drei Bilder.