Rado.

Leon hat seine Armbanduhr verloren und zugleich die Liebe gefunden. Ein guter Handel, findet er, obschon er sich durchaus der Tatsache bewusst ist, dass es eine wunderbare Uhr war, eine Rado, Schweizer Qualitätsarbeit, robust und mit präzisem Uhrwerk. Leon mochte die Datumsanzeige sehr, die Ziffern waren beinahe quadratisch, mit abgerundeten Ecken. Die Uhr hatte ihn … Weiterlesen Rado.

Zehn Momente vor dem Jetzt.

Nachdem ein Vogel gegen das große Wohnzimmerfenster geflogen war und sich das Genick gebrochen hatte, ging Jonas der Gedanke durch den Kopf, dass dies ein unheilvolles Vorzeichen sei und dass etwas Schlimmes geschehen werde. Als eine Woche später sein Vater stirbt, hat Jonas den toten Vogel längst vergessen. Julia war überzeugt, dass David der Mann … Weiterlesen Zehn Momente vor dem Jetzt.

Ursache und Wirkung.

Der Vorhang flattert ein wenig. Das Fenster ist geöffnet, ein leichter Wind dringt hindurch, und darum bewegt sich der Vorhang. Ursache und Wirkung. Die Welt ist so einfach, denkt sie. Tim ist gerade in die Küche gegangen, um Wein zu holen. Sie sollte eigentlich nicht hier sein, sie hat hier nichts zu suchen, sie hat … Weiterlesen Ursache und Wirkung.

Die Welt im Kleinen.

Jedes Mal, wenn er seine leeren Bierflaschen zur Altglassammelstelle bringt, tut er doch eigentlich etwas Gutes, etwas Wertvolles, er rettet die Welt im Kleinen, er übernimmt Verantwortung, er beweist Achtsamkeit, doch er fühlt sich nicht achtsam, fühlt sich nicht wertvoll. An guten Tagen fühlt er gar nichts. Doch die guten Tage sind selten geworden. Vermutlich … Weiterlesen Die Welt im Kleinen.

Doppelt drehen.

Doppelt drehen. Doppelt drehen ist wichtig. Doppelt drehen macht sicher, macht sicherer. Der Metallbolzen ragt dann weiter in den Türrahmen hinein. Eigentlich weiß er, dass auch dann, wenn er nur einmal drehen würde, ziemlich sicher niemand in seine Wohnung eindringen würde. Wahrscheinlich nicht einmal dann, wenn er die Tür unverschlossen ließe. Trotzdem, sicher ist sicher, … Weiterlesen Doppelt drehen.

Ein Fußabdruck.

Sie machen die Straße neu, wieder einmal, neue Wege braucht das Land, alles will erschlossen sein, alles will erobert werden. Die Bauarbeiter hocken auf ihren Baumaschinen oder klammern sich an ein Werkzeug, und sie schauen grimmig, sie alle. Einer wischt sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn, ein anderer raucht eine Zigarette. Eine … Weiterlesen Ein Fußabdruck.

Der Teufel.

Sie vermag nicht einzuschätzen, wann es begann. Es dauert schon lange an, glaubt sie, doch die Zeit hat ihre Kalkulierbarkeit verloren; Stunden sind kaum von Tagen zu trennen, die Wochen sind Treibgut in einem trägen Fluss. In meiner Brust ballt der Teufel eine Faust. So lautet ihre Antwort, wenn jemand fragt, was los sei. Kaum … Weiterlesen Der Teufel.

Eigentlich ein Ei.

Am Anfang war das Huhn, und am Anfang war das Huhn ein Ei, doch eigentlich spielt es keine Rolle, es ist nicht von Belang, ein Ei ist eigentlich einerlei, und wenn man ein Poulet mit einer Mischung aus Salz und Eiweiss bedeckt, damit im auf 220 Grad vorgeheizten Ofen während 60 Minuten schliesslich eine schöne … Weiterlesen Eigentlich ein Ei.

Nach dem Froschregen.

In der Nacht träumte sie, dass es Frösche regnete. Große, plumpe Körper, zu Tausenden und Abertausenden, eine Plage biblischen Ausmaßes. Beim ersten Frosch, der auf ein nahes Blechdach prallte, erschrak sie heftig. Der Regen wurde rasch stärker, und in den ersten Minuten war sie verblüfft darüber, dass es Frösche waren, die vom Himmel fielen. Doch … Weiterlesen Nach dem Froschregen.

Leserbrief an den Stadtanzeiger.

Normalerweise schreibe ich keine Leserbriefe. In meinen Augen sind Leserbriefe oftmals nichts anderes als ein Aufplustern. Irgendein Gockel krächzt gar klagend, welches Unrecht ihm oder seinesgleichen widerfahren ist oder welche Entbehrung er zu erleiden hatte, stellt seine Federn auf, obwohl er weiß, dass sich nichts ändern wird. Das widerstrebt mir, ich finde es befremdlich. Und … Weiterlesen Leserbrief an den Stadtanzeiger.

Anfängerin.

Da steht ein Bagger am Rande eine Baustelle in der Nähe ihrer Wohnung, und manchmal, am frühen Morgen, wenn das ganze Quartier noch schläft, setzt sich Elisabeth auf den gepolsterten Sessel des Baggers. Während der Tag allmählich erwacht und das Licht immer kräftiger wird, zieht sie an den Hebeln vor ihr und tut so, als … Weiterlesen Anfängerin.

Persona non grata.

Es kann sein, dass man nach einem Telefongespräch mit einem Menschen, den man schätzt oder mag oder liebt, den Hörer auflegt und die besagte Person bald darauf vom Tod erwischt wird, man selbst davon aber nichts erfährt, weil man nicht zum engsten Kreis und darum nicht zu jenen zählt, die direkt und persönlich informiert werden, … Weiterlesen Persona non grata.

Auf Grund.

Er hat einen ziemlich ungewohnten Nachnamen, doch sie bemüht sich gar nicht erst, sich die komplizierte Schreibweise einzuprägen. In absehbarer Zeit wird er nicht mehr dort liegen, wo er jetzt liegt, neben ihr im Bett. Sie wundert sich, dass sie manchmal neben ihm – oder neben anderen – einschläft, ganz nahe am anderen Körper, vielleicht … Weiterlesen Auf Grund.

Gehen und bleiben.

Da ist ein Totenkopf, auf einem Bild an einer Wand, da ist dieses knöcherne Etwas, das früher zu einem Menschen gehörte, zu einem Leben, zu tausend Gedanken und tausend Erinnerungen, und man fragt sich, was bleibt, wenn ein Mensch geht. Man fragt sich, wie viel von einem Menschen stirbt und ob etwas weiterlebt und wie … Weiterlesen Gehen und bleiben.

Möbel.

Er weiß, dass man die Schrauben nicht allzu fest und heftig ins Holz drehen sollte, denn dann würden die Lackierung und wohl auch das Verbundmaterial beschädigt werden. Damit muss man rechnen, wenn man billige Möbel kauft, findet er, man kann zu diesem günstigen Preis keine erstklassige Qualität erwarten. Doch wenn man das Möbel vorsichtig und … Weiterlesen Möbel.

George Clooney.

Sie steht lange vor der Sonne auf, der frühe Vogel, weiß man ja, kennt man ja, doch meistens ist es noch viel zu dunkel, um etwas zu erkennen; sie sieht nichts, findet keine Würmer, höchstens Zweige, die so aussehen wie Würmer. Irgendwann kommen dann die anderen Vögel hervor, krächzen und kreischen und schlagen mit ihren … Weiterlesen George Clooney.

Pepe macht Schabernack.

Eigentlich heißt er ja Josef, doch weil er Paella und das spanische Temperament mag und schwarze Haare hat, nennt er sich José, und als er erkennt, dass José ein allzu häufiger spanischer Männername ist, bittet er jeden, ihn mit Pepe anzusprechen. Pepe passt zu ihm, Pepe klingt freundlich und nahbar, zumindest findet das Pepe. Wer … Weiterlesen Pepe macht Schabernack.

Pasta.

Sie wohnten einige Jahre lang im gleichen Haus. Das Haus war voller Leben, war bunt und herzlich, ein wundervoller Mikrokosmos, in welchem so vieles und so viele Platz hatten. Es war ein schönes Haus, denkt Yvonne. Doch vielleicht war es das auch nur wegen ihr. Wegen Francesca. Sie hat sich eine Nudelmaschine gekauft. Schon lange … Weiterlesen Pasta.