Nivellierung.

Eigentlich warst du ja nur zum Ficken gut, sagte er. Blies den Rauch seiner Zigarette in den Raum, lächelte sein arrogantestes Lächeln, schaute auf die Uhr und ging. Sie blieb zurück, allein in ihrer kleinen Wohnung, während um sie herum die Dämme brachen und die Säulen kollabierten. Dann zogen die Wolken auf. Sie strauchelte und … Weiterlesen Nivellierung.

Zwei streifen sich.

Eigentlich ist er ja nichts anderes als ein Gegenstand, sagt sie und meint ihren Körper. Ein Ding, ein Gefäß, in dem ein Mensch steckt. Und in diesem Gefäß stecke nun mal ich. Er ist ein Instrument, wie ein Cello. Ja, mein Körper ist mein Cello. Und ich spiele damit. Sie hakt ihren BH auf, lässt … Weiterlesen Zwei streifen sich.

Was da ist.

Da ist schwarzer Kaffee, der allmählich in der Tasse erkaltet. Da ist die warme Stimme von Nina Simone, die aus großen alten Lautsprechern in den Raum fließt. Da ist das Licht eines Morgens, so hell, dass es schmerzt in den Augen. Da ist die Selbstverständlichkeit, dass man stutzt oder schmunzelt, wenn sie sagt, dass sie … Weiterlesen Was da ist.

Bussarde.

Die winterkalte Luft hängt starr und reglos zwischen den Hügeln, ein leichter Dunst hat sich vor den nahezu wolkenlosen Himmel geschoben. Ein Mann steht neben den klaren und präzisen Linien von Eisenbahngleisen und blickt unentwegt nach oben. Über einem nahen Feld kreisen zwei Bussarde. Ihre mächtigen Flügel kontrastieren das Graublau des Himmels, sie wirken wahrscheinlich … Weiterlesen Bussarde.

Schmelzwasser.

Sie fragt sich, was wohl geschehen würde, wenn ihr Platz dereinst leer bliebe, ihre Spuren nirgends mehr hinführten. Sie fragt sich, wer sich wundern und wer nach ihr fragen würde, wer enttäuscht wäre, sie nicht anzutreffen. Sie fragt sich, wann man ihr Fehlen bemerken würde und ob es überhaupt ein Fehlen wäre oder nicht nur … Weiterlesen Schmelzwasser.

Wenn die Welt knirscht.

Manchmal sitzt man einfach da, ganz bei sich oder bei anderen, auf einem Hocker oder zwischen den Stühlen, rundum proben Menschen das Menschsein, und plötzlich ruht die Zeit. Die Welt knirscht und knattert und kommt dann zum Stillstand, dreht sich nicht mehr. Das alles währt nur einen Moment, und obschon niemand dessen Dauer genau ermessen … Weiterlesen Wenn die Welt knirscht.

Am Äquator.

Sie hat allmählich Muskelkater vom Schulterzucken. «Wir sollten darüber reden», sagt er und lässt im gereizt wirkenden Gesicht ein wenig Ermutigung aufleuchten. «Okay», erwidert sie. Und zuckt mit den Schultern, wie so oft. Denn sie weiß nicht, was es zu bereden gibt. Womöglich stimmt das Klischee in der Regel. Frauen müssen über alles reden, Männer … Weiterlesen Am Äquator.

Darling.

Wir standen am Hafen von Travemünde und warteten darauf, dass sich die Schranken hoben und mein Vater unser Auto auf die Fähre steuern durfte. Bei unserer Ankunft hatten wir zu den ersten Passagieren gezählt, doch mittlerweile war die anfänglich ziemlich trostlos wirkende Zufahrt zum riesigen Schiff munter bevölkert. Die Strahlen der sommerlichen Sonne prallten lautlos … Weiterlesen Darling.

Liebeslieder.

Seit einem gelebten Vierteljahrhundert und einer gefühlten Ewigkeit ist Right Here Waiting von Richard Marx ihr Lieblingslied. Wenn sie die Klaviermelodie mit geschlossenen Augen hört, scheint sich die Musik zu einem körperlichen Gebilde zu formen, wird greifbar wie ein warmes Stück Stoff. Das passiert ihr sonst nahezu nie. Sie weiß, dass Richard Marx den Song … Weiterlesen Liebeslieder.

Zwei Körper sind.

Zwei Körper sind gläsern, hart und weich zugleich, wie fragile Gebilde, die nach Sorgfalt verlangen und dennoch unzerstörbar scheinen. Jede Berührung ist eine Bekundung, jede Bewegung ist mit Aussage aufgeladen, jeder Kuss löst die Zeit aus dem Kontinuum. Zwei Körper sind Instrumente, das schwere Atmen drängt alle anderen Geräusche aus der Wahrnehmbarkeit und verbleibt als … Weiterlesen Zwei Körper sind.

Kausalphabet.

A. beschließt drei Tage nach seinem einundachtzigsten Geburtstag, endlich schwimmen zu lernen. B. geht in das Unternehmen, in welchem er fünfzehn Jahre gearbeitet hatte, und will möglichst viele Mitarbeitende töten, schießt aber am Ende nur sich selbst in den Kopf. C. sitzt schluchzend auf dem Bett, die Hundeleine in der Hand. D. rettet einen kleinen … Weiterlesen Kausalphabet.

Borkenkäfer.

Das Prinzip der Nachhaltigkeit hat seine Wurzeln in der Forstwirtschaft. Dabei wird dem Wald stets nur so viel Holz entnommen, wie nachwachsen kann. Somit kann er sich immer wieder erholen und wird nie vollkommen abgeholzt. Heute wird der Begriff inflationär und in vielfältiger Weise verwendet, die Definition ist schwammig geworden, hat sich jedoch nicht grundlegend … Weiterlesen Borkenkäfer.

Nach dem Tanz.

Sie tanzen nicht mehr. Der Rücken, die Hüfte, man kennt das. Es ist gelogen und sie wissen es und sagen es trotzdem. Sie verzichten auf Aufrichtigkeit, um sich nicht zu kränken. Vielleicht ist das Liebe. Vielleicht ist es das, was man aus Liebe macht mit der Zeit. Wenn sie wütend ist, zischt sie manchmal, dass … Weiterlesen Nach dem Tanz.

Ohrenbetäubend still.

Da war dieser Mann, der Kaffee trank, wie jeden Tag, eigentlich nichts Außergewöhnliches, eher Gewohnheit als Genuss, der Kaffee sah aus wie immer, schmeckte wie immer, doch als die Tasse leer war, blieben auf deren Boden braune Kaffeeresten zurück. Braune Kaffeeresten sind relativ häufig und wären auch an jenem Tag kaum bemerkenswert gewesen, hätten sie … Weiterlesen Ohrenbetäubend still.

Bert und Anita.

Sie war ihm unweigerlich aufgefallen. Schöne Frauen fallen ihm meistens auf, und sie war außergewöhnlich schön, zumindest nach seinem Empfinden. Sie war mit einem Mann im Lokal, der offensichtlich ihr Freund oder Liebhaber war; sie saßen sich gegenüber, einige Meter von Bert entfernt. Immer wieder tauschten sie die Blicke aus, die man aus Filmen kennt, … Weiterlesen Bert und Anita.

Sie sehen alles.

Sie sind hunderttausend Jahre alt und neu geboren, immer wieder. Sie liegt auf ihm, ihr Rücken auf seinem Bauch, sie formen eine Einheit, und wie seine Hände über ihre Haut gleiten, drängend, verlangend, so berührt er auch sich selbst, in ihr. Es ist vollkommen dunkel, doch sie sehen alles, sie malen Bilder mit ihren Fingern … Weiterlesen Sie sehen alles.

Billy.

Man macht Fotos und stellt sie in die Regale aus lackiertem Holzfurnier, und während die Zeit unaufhörlich schrumpft, sammelt sich der Staub, setzt sich fest auf der Oberfläche, und mehr ist da nicht, mehr bleibt nicht übrig, alles ist Oberfläche, auch das Bild hat keine Tiefe, es ist nur ein erstarrter Moment in einem kleinen … Weiterlesen Billy.

Wartburg.

Er steht alleine am Rand der Autofähre, die grummelnd über den Bodensee gleitet. Es ist kalt und nass, vielleicht November oder Dezember, vielleicht auch Februar. Es ist egal, wie der Monat heißt, irgendwann spielen die Namen keine Rolle mehr. Joseph ist der einzige Passagier auf der Fähre. Da sind er und sein Wartburg und vielleicht … Weiterlesen Wartburg.