Akrophobie.

Eine rhythmisch blinkende Sternschnuppe gleitet langsam über den Himmel, der Mond steht zur Hälfte gefüllt über den fernen Hügeln, die Luft ist klar und kalt. Unter ihm das Wasser, ein unstillbares Rauschen, und vielleicht zum ersten Mal hat er Angst. Höhenangst. Früher konnte er auf dem Geländer sitzen, einige Male gar stehen, auf der unteren … Weiterlesen Akrophobie.

Abspann.

Der Film beginnt. Ein kurzer Vorspann, dann die Exposition, die Vorstellung zweier Personen. Die Frau. Der Mann. Sie begegnen sich in einem Raum voller Menschen, sie sind einander unbekannt. Es ist laut, es ist hektisch, die Musik dröhnt, doch dann blicken sich die Frau und der Mann in die Augen, und alles verstummt, alles erstarrt, … Weiterlesen Abspann.

Mit anderen Augen.

Der Spiegelschrank im Badezimmer lässt sich kaum mehr schließen, die schmalen Regalflächen sind überfüllt, unzählige Hautlotionen in bunten Plastikflaschen, und manche duften sehr angenehm, doch keine davon wirkt, weder jene, die rasch durch die Poren dringen, noch jene, die einen zähen Film bilden. Wie viele Schichten sie auch aufträgt, sie fühlt sich nicht wohl in … Weiterlesen Mit anderen Augen.

Eine Armlänge.

Der Mann neben ihr schläft. Schnarchend und schnaubend, wie so oft nach Abenden und Nächten, in denen zu viel geredet wurde, zu viel getrunken, zu viel geflucht. Sie liegt wach, im schwachen Licht eines trüben Morgens. Draußen vor dem Fenster fahren vereinzelte Autos über den nassen Asphalt. Es rauscht, doch das tut es immer. Sie … Weiterlesen Eine Armlänge.

Vierzehn Sorten Milch.

Es ist Zeit für neue Definitionen. Die alten Erklärungen, sie taugen nicht mehr, sie haben vielleicht nie getaugt, sie riechen längst seltsam, es stinkt nach toter Materie, und er hat die Nase voll. Er sitzt auf seinem weißen Plastikstuhl auf dem Balkon und blickt nach unten auf den kleinen Spielplatz vor dem Haus, wo einige Kinder … Weiterlesen Vierzehn Sorten Milch.

Kein halber Liter.

Der Mond ist eine Sichel, die Klinge schneidet Ritzen in den Himmel, in denen sich die Sterne verstecken können, wenn sie mögen. Auch sie versteckt sich. Versteckt sich vor den Augen, den stechenden, den musternden. Versteckt sich vor den Händen, den schubsenden, den haltenden, den streichelnden und schlagenden. Versteckt sich vor den Stimmen, den rufenden … Weiterlesen Kein halber Liter.

Zwischen den Stühlen.

Ihr Freund übergibt sich auf den Teppich, und sie ist entzückt, denn die zähe Masse aus Lebensmittelderivaten und Lagerbier ist in beeindruckender Form. «Oh, Schatz, schau!» japst sie begeistert. «Du hast ein Herz gekotzt! Das sieht doch aus wie ein Herz, oder?» Er nickt müde, doch er sagt nichts, es käme wohl nichts Gutes dabei … Weiterlesen Zwischen den Stühlen.

Der Streichholzmann.

Wann und weshalb es begann, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Am Anfang waren es lediglich einige Streichhölzer, die er aufeinanderlegte und sich freute, wenn ein kleiner Turm entstand. Dann räumte er sie wieder weg und ging aus, traf sich mit Freunden, lebte sein Leben. Es war ein gutes Leben, manchmal etwas schroff an den … Weiterlesen Der Streichholzmann.

Der Boxer.

Er wollte Forscher werden, Archäologe vielleicht. Er mochte Dinosaurier, mochte die Welt, wie sie vor Jahrmillionen war, und nur zu gerne hätte er nach Reliquien gegraben, nach Überresten aus der Kreidezeit. Später wollte er dann Langlaufprofi werden, oder Lehrer, womöglich Sportlehrer, obwohl er sich in Turnhallen merklich unwohl fühlte. Während sich seine Freunde eine Zukunft … Weiterlesen Der Boxer.

Subtraktion. Ein Tanz.

Die aufgeschürfte Stelle am Kinn. Die ungelesenen Bücher im Regal. Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Den Körper ihrer Katze, den sie damals als Kind auf der Straße fand. Die leeren Stellen in ihrer Biografie. Das Knarren der Dielen, bevor er kam. Den Hunger. Die Sehnsucht nach Wärme. Den toten Vater. Ihr Spiegelbild im ausgeschalteten Fernseher. … Weiterlesen Subtraktion. Ein Tanz.

Distanzen. Dissonanzen.

Wenn sie ein Auge schließt, entfliehen die Distanzen. Keine Nähe mehr, nichts bleibt greifbar, und alles, was sie sieht, treibt ungenau im Raum. Die Landschaft wird zum flachen Gewühl aus Farben, eine Dimension ist keine Dimension mehr, jede Tiefe ist nur noch Theorie. Sie benennt die Entfernungen. Und sie weitet alles aus, bis sie sicher … Weiterlesen Distanzen. Dissonanzen.

Was fällt ihnen ein.

Er blättert in einer Zeitschrift, die Schrift der Zeit, die Zeit in Schrift und auch in Bildern, und einige dieser Bilder lassen ihn hadern und verzagen. Wie er sie verabscheut. Eine stilisierte Aufnahme zeigt notleidende Kinder aus einem afrikanischen Land, sie lachen in die Kamera, und er malt sich aus, wie seltsam und aufregend es … Weiterlesen Was fällt ihnen ein.

Morgenstern lügt.

Auf dem Tischlein neben ihrem Bett steht ein kleiner Kalender, der ihr jeden Tag verrät, wie sie ihr Leben zu leben hat, und am heutigen Tag steht dort ein Satz von Christian Morgenstern, der behauptet, dass eigentlich alles schön sei, was man mit Liebe betrachte, doch sie glaubt ihm nicht, sie bezichtigt Christian Morgenstern der … Weiterlesen Morgenstern lügt.

Sie liegt.

Sie liegt schlecht in der Zeit, liegt auf der Lauer und auf einem seltsamen Ding, sie legt sich quer und die Karten auf den Tisch, und eigentlich liegt es ihr nicht, die Hände in den Schoss zu legen, sie legt es meistens darauf an, sich ins Zeug und eine grundlegende Hingabe an den Tag zu … Weiterlesen Sie liegt.

Immer die Wellen.

Flugrost an der Decke, die Gischt im Gesicht, die Gischt darunter, und dann die Wellen, immer die Wellen, schlagend und peitschend, eine schreiende Wut, stoisch und emotionslos, kalt wie das Wasser, und sie treibt im Raum, alles ist Raum, bis zu den Mauern und dahinter das Nichts, immer das Nichts, ein kahle Kühle umklammert ihre … Weiterlesen Immer die Wellen.

Grund und Boden.

Das Leben war dort draußen, die Stunden hingen in den Räumen, die Tage schlichen achtlos und müde über die Fassaden der Welt, als sie aufhörte, sich zu behaupten und zu erklären. Betäubt lief sie los, hinaus aus dem Haus und der Stadt und hinein in den Wald, hinein in das Feuchte und Dunkle, das Ungewisse. … Weiterlesen Grund und Boden.

Nichts.

Sie fragten ihn, weshalb er den Türrahmen mit seiner Hand zertrümmert habe und dabei auch die Hand selbst, und er sagte nichts. Er betrachtete die blutigen Stellen an seinen Knöcheln und umklammerte seinen Unterarm, ließ ihn schlapp nach unten hängen und räusperte sich geräuschvoll. Schließlich spuckte er auf den Teppich und verstrich den Speichel mit … Weiterlesen Nichts.

Die Fackel hoch.

Am Anfang war alles so einfach, so widerstandslos, jeder Schritt war ein Schritt nach vorne, hinein in eine Verheißung, die sich jeden Tag aufs Neue erfüllte, und die Sonne schien ihr warm in den Rücken, die Sonne schien ihr warm ins Gesicht, dann blinzelte sie jeweils kurz, und alles blieb sich gleich, blieb gleich gut, … Weiterlesen Die Fackel hoch.