Die Zeit zerstört alles.

Während ihr alles entgleitet, gleiten ihre Finger über die Haut. Stolpern über ihre Lippen, ihr Kinn, ihren Hals. Zwischen den Brüsten kommen sie kurz zur Ruhe, bewegen sich dann langsam zur Seite. Die Daumen umkreisen die Brustwarzen, ganz vorsichtig, als wären sie zerbrechlich. Wahrscheinlich sind sie es. Alles ist zerbrechlich. Als sie sich kennenlernten, kreiste … Weiterlesen Die Zeit zerstört alles.

Dinosaurier.

Stegosaurus, Pterodactylus, Diplodocus, Spinosaurus, Triceratops, Tyrannosaurus Rex, Ceratosaurus – sie kannte sie alle, natürlich auch den Brachiosaurus, den mochte sie am liebsten, damals als Kind. Zwar hörte sie oft, dass Dinosaurier etwas für Jungs wären, während sie sich als Mädchen doch besser für Ponys und Pferde interessieren solle, doch Ponys und Pferde waren ihr vollkommen … Weiterlesen Dinosaurier.

Tanzen und spielen.

Der kleine Bär auf dem Bett riecht nach den erstarrten Stunden ihrer Kindheit. Die guten Zeiten sind alt geworden. Sie zündet eine Zigarette an, lässt den Rauch entweichen. Alles entweicht. Zurück bleibt der muffige Geruch, der sich in den Fragmenten der Welt festsetzt. Sie wollte Balletttänzerin werden. Sie hat es nicht geschafft. Du darfst nicht … Weiterlesen Tanzen und spielen.

Ein Mensch wie du und ich.

Dies ist die Geschichte eines Menschen wie du und ich. Ian wuchs in Wales auf, absolvierte die High School, studierte Grafikdesign und wurde bei seinem erfolgreichen Abschluss für seine ausgezeichneten Leistungen geehrt. Er liebte Rockmusik, und nachdem er bereits in verschiedenen Formationen aktiv gewesen war, gründete er 1997 mit einigen Freunden eine neue Band. Von … Weiterlesen Ein Mensch wie du und ich.

Im Kerker.

Alle reden von Freiheit, doch sie weiß nicht, was Freiheit bedeutet. Selbst die weitesten Felder sind ihr ein Gefängnis, jeder Raum ist ein Kerker, auch die größten Fenster tragen Gitter vor dem Glas. Sie will ihre Fesseln sprengen, doch die Handgelenke sind so kahl wie am ersten Tag, da sind keine Ketten, keine Seile. Der … Weiterlesen Im Kerker.

Unterwassertränen.

Da ist ein Knoten in der Zunge, wenn sie von Angst und Liebe spricht, aber sie versteht nicht, warum andere verstehen sollten, was sie selbst nicht versteht. Ihre Knochen sind Schwemmholz, ihre Haare wachsen algengleich in die Tiefe. Sie weint nur unter Wasser, das ist Vorsicht, das ist Rücksicht, das ist Absicht. Sie schwimmt nicht … Weiterlesen Unterwassertränen.

Die Auflösung.

Die Großmutter hatte in einem kleinen silbernen Gefäß Platz, das an eine Thermosflasche erinnerte. Daneben stand ein Mann mit einem ernsthaften Gesicht. Seine Stimme war laut und sonor. Von Erde bist du genommen, zu Erde sollst du werden. Ein rasselnder Husten unterbrach seinen Vortrag, dann sprach er weiter. Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub … Weiterlesen Die Auflösung.

Das Gift der Biene.

Wenn sie den Atem anhält und die Augen schließt, hört sie das Summen, spürt das sanfte Vibrieren. Manchmal wohnt einem Flügelschlag die gewaltigste Kraft inne. Manchmal erzählt eine kleine Bewegung eine größere Geschichte als jedes Buch. Und manchmal überdauert eine Berührung alle Zeiten. Bienen verfügen über eine visuelle Erinnerung, eine Art Landkarte im Gedächtnis. Damals … Weiterlesen Das Gift der Biene.

8848.

Er ist kein Bergsteiger. War er nie, wird er nie. Schon der Blick von einem Balkon in der dritten Etage lässt einen gewissen Schwindel entstehen und Schweiß ausbrechen. Er ist nicht Edmund Hillary, und er ist nicht Tenzing Norgay. Die beiden standen als erste Menschen auf dem Mount Everest, 8848 Meter über Meer. Natürlich waren … Weiterlesen 8848.

Sollbruchstelle.

Womöglich gab es eine Sollbruchstelle. Sie wusste nicht, wie laut das Knacken war, es wurde übertönt von einem Rauschen und einem tauben Gefühl. Die Entfernung, sie wuchs immer mehr, und damit auch der Leerraum dazwischen. Und irgendwann begann sie, von und zu sich selbst nur noch in der dritten Person zu sprechen. «Wer ist sie?» … Weiterlesen Sollbruchstelle.

Die Raststätte.

Eine verlassene Raststätte mit einigen Zimmern, ein merkwürdiges Konstrukt im Niemandsland, kahle Mauern, die Architektur aus einer anderen Zeit. Einst war dieses Gebilde wohl ein Zeichen für den Aufbruch in eine helle Zukunft, doch mit der Zeit schwindet das Licht, und nun ist es dem Abbruch geweiht und die Zukunft nur ein weiteres gebrochenes Versprechen. … Weiterlesen Die Raststätte.

Fünf Gespräche über Kichererbsen.

Das dritte Gespräch über Kichererbsen «Deine Halskette ist merkwürdig. Sind das Kichererbsen?» «Ja.» «Ich mag Kichererbsen nicht. Finde sie auch nicht lustig. Keine Ahnung, warum sie kichern.» «Der Name hat nichts mit Kichern zu tun.» «Ach ja?» «Kommt vom lateinischen Wort für Erbse, cicer. Darum bedeutet Kichererbse eigentlich Erbsenerbse.» «Aha.» «Ja. Ist ein Pleonasmus.» «Was?» … Weiterlesen Fünf Gespräche über Kichererbsen.

Die Luft ist draußen.

Es ist still, das Wasser verschlingt jedes Geräusch, bevor es entsteht. Er ist abgetaucht. Wie ein träger Astronaut schwebt er unter dem Spiegel, schroff eingerahmt von fernen Ufern. Einige Pflanzen tanzen langsam und taktlos vor seinem Auge, hin und wieder leuchtet kurz das Schuppenkleid eines Fisches auf. Mehr ist nicht da, das ist alles, was … Weiterlesen Die Luft ist draußen.

Vielleicht Unkraut.

Er glaubte, er sei auf dem richtigen Weg. Man geht ja meistens auf verschiedenen Straßen gleichzeitig durchs Leben, und diese schien zu den guten Straßen zu zählen. Der Asphalt war robust, wenn auch an einigen Stellen Unkraut aus großen Ritzen wuchs, doch ohne Unkraut geht es nicht, Unkraut ist auch Leben, ist wahr und echt. Er … Weiterlesen Vielleicht Unkraut.

Fuzzy.

Sie erkennt den Song nach drei Sekunden, nach fünf kann sie ihn einordnen. Dann kommen die Tränen. Der Song heißt Fuzzy und stammt von Grant Lee Buffalo. Es war ein Sonntag, als sie ihn zum letzten Mal hörte. Draußen regnete es in Strömen. Natürlich regnete es. Zu den ersten Takten hatte sie die Maus in … Weiterlesen Fuzzy.