Wenigstens den Sand.

Draußen scheißt der Hund auf den Bürgersteig. Scheißhund, sagt sie leise, doch niemand ist da, um sie zu hören. Sie schaut weiterhin aus dem Fenster und schüttelt langsam ihren Kopf. Natürlich kann der Hund nichts dafür. Kein Mensch ist zu sehen, nur der Hund. Vielleicht ist dann gar niemand schuld. Manchmal wünscht sie sich, die … Weiterlesen Wenigstens den Sand.

Wolf.

Ein Fensterladen hängt schief in den Angeln. Das ist nicht neu, das ist schon seit Jahren so, und eigentlich müsste man ihn reparieren, vielleicht sogar ersetzen, aber sie tun es nicht. Ach, das lohnt sich gar nicht mehr, sagen sie, falls sie überhaupt etwas sagen und nicht nur mit den alten Schultern zucken. Sie, das … Weiterlesen Wolf.

Der traurige Hund ist tot.

Da ist ein trauriger Hund am Himmel, mit hängendem Kopf blickt er über den nahen See. In einiger Entfernung ist eine Atombombe explodiert, daneben hockt ein dünnes Kaninchen. Schon in einer Stunde wird alles anders sein, morgen werden andere Wolken am Himmel stehen, irgendwann wird alles vorüber sein, und er fragt sich, ob es zu … Weiterlesen Der traurige Hund ist tot.

Jenseits der Schnellstraße.

Seine Frisur war fürchterlich. Er wohnte nebenan, war drei Jahre jünger als ich, und damals waren diese drei Jahre von gigantischen Dimensionen, sie ließen sich kaum einschätzen. Sein Name war Thomas, und eigentlich mochte ich Thomas nicht. Er war nicht nur schrecklich jung, sondern auch schrecklich langweilig, ziemlich dumm und zugleich ziemlich laut. Und eben, … Weiterlesen Jenseits der Schnellstraße.

Figlock.

Ihr Vater sagte ihr einst, es sei keine Schande, zu weinen, solange die Tränen dem Herzen entsprängen und nicht dem Kopf. In seinen Worten und mit seiner Stimme klang das so wichtig und richtig, so weise und wahrhaftig. Wenn sie den Satz auf ein Blatt Papier schreibt, fällt es ihr mitunter schwer, überhaupt zu verstehen, … Weiterlesen Figlock.

Neun Augenblicke.

Ein Mann fährt allein in seinem Mitsubishi auf der Autobahn, als er ein anderes Fahrzeug überholt, an dessen Steuer ein Mann sitzt, der genau gleich aussieht wie er, zumindest der Kopf und das Gesicht scheinen identisch; sogar der leichte Knick im Nasenrücken ist da, und während sich die Blicke der beiden Männer treffen, gerät der … Weiterlesen Neun Augenblicke.

Gerinnung.

Mit dem Kopf gegen die Wand, mit dem Kopf gegen den Spiegel, immer wieder. Ein Gesicht in Scherben, zersplittertes Leben, einige Tropfen Blut vielleicht. Alles gerinnt, trocknet ein, trocknet aus. Das Lächeln ist eine Lüge, doch was ist überhaupt noch wahr? Der Blick klammert sich an vage Punkte in der Ferne, dann wieder an einen … Weiterlesen Gerinnung.

Fallende Klaviere.

Sein Leben war gar wunderlich wunderbar, es gab nichts, woran ihm mangelte, sowohl in materieller als auch in immaterieller Hinsicht war er mit nahezu grenzenlosem Reichtum gesegnet, und selbst die kühnsten Träume und Sehnsüchte waren bei ihm lediglich Vorboten einer Realität, die sich früher oder später manifestieren und dabei die besagten Träume und Sehnsüchte an … Weiterlesen Fallende Klaviere.

Wenn, dann.

Wenn man nicht noch die Nase hätte putzen müssen, dann wäre man früher aus dem Haus gekommen und hätte das Pony mit den kurzen Beinen nicht gesehen, das zügellos über die Straße lief. Wenn man nur einen halben Meter weiter rechts gegangen wäre, dann wäre man nicht auf dem Glatteis ausgerutscht. Wenn man nichts gesagt … Weiterlesen Wenn, dann.

Leichenwagen.

Er steht neben dem toten Körper. Das Wort Leiche widerstrebt ihm. Es wirkt so leer, so unpersönlich. Es klingt wie etwas, das nicht mehr funktioniert. Natürlich trifft dies eigentlich auch zu. Trotzdem möchte er den toten Körper nicht Leiche nennen. Auch wenn es nur eine Taube ist. Nur eine Taube. Nur. Die Beine ragen wie … Weiterlesen Leichenwagen.

Ja.

Das Kind hat diese Angewohnheit, man könnte es Spleen nennen oder Marotte, jedenfalls hängt es bei manchen Sätzen ein Ja ans Ende, einfach so oder vielleicht, um die Aussage zu verstärken. Der Lego-Mann kann sehr hoch springen, höher als ein Haus, ja. Häufig ist der Blick des Kindes dann ernsthaft und sehr fokussiert. Die Dinosaurier … Weiterlesen Ja.

Das letzte Kind.

In den kalten Nächten gefriert die Zeit, die Kühe geben nur noch saure Milch, auf riesigen Halden in entlegenen Gebieten verrottet altes Fleisch, in den Supermärkten sammelt sich Staub auf leeren Regalflächen, in den Krankenhäusern flackern einige letzte Lampen in stummen Korridoren, und er taumelt durch diese Welt, der jede Wärme entzogen ist, stolpert über … Weiterlesen Das letzte Kind.

Irreführende Werbung.

Was ist schon Wahrheit, sagt er, und zuckt mit den Schultern, und womöglich weiß er es tatsächlich nicht. Er wischt sich ein wenig Staub vom Hemd, vielleicht sind es auch Hautschuppen. In einem merkwürdigen Automatismus sieht er den Zerfall, ohne sich darüber Gedanken zu machen. Sie lässt ihre Finger über die Haut gleiten. Sie ist … Weiterlesen Irreführende Werbung.

Weiße Finger.

Es geschieht mitunter sogar an warmen Sommertagen, vor allem aber dann, wenn die Luft frisch und kalt über die Gassen und Felder zieht; ihre Finger werden klamm, kühlen ab bis auf die Knochen, und schließlich verlieren sie Blut und Farbe, werden weiß und taub und starr. Und obwohl der Haut jegliche Empfindsamkeit fehlt, ist da … Weiterlesen Weiße Finger.

Ungespielt.

Da wohnt niemand mehr, da klammert sich nur noch der Staub der vergangenen Zeit an die Dinge, da trägt jeder Widerhall nur noch ein ewiges Schweigen mit sich. Das Pulsieren ist vorbei, der Fluss ist ausgetrocknet, alles ruht. Irgendwo steht ein Klavier, doch wenn niemand mehr die weißen und schwarzen Tasten drückt, erklingt kein Ton … Weiterlesen Ungespielt.

Wasserfarbenbild.

Auf einem Flohmarkt siehst du ein Gemälde, ein fürchterlich kitschiges Wasserfarbenbild, es zeigt eine klischeehafte Szene in Paris, mitsamt Metro-Schild und Eiffelturm im Hintergrund, und deine Lider drängen nach unten, um deine Augen vor dem Anblick zu beschützen, doch du wehrst dich, starrst noch einige Sekunde auf das entsetzliche Werk, nicht nur, weil das Hässliche … Weiterlesen Wasserfarbenbild.

Altpapier.

Sie wohnte im großen Backsteinhaus am Ende der Straße, in diesem unförmigen Brocken mit breiten Wänden und riesigen Fenstern. Hin und wieder sah er sie, wie sie auf hohen Schuhen über den Asphalt ging, ruhig und beinahe schwebend. Sie war schlank, ihr Rücken außergewöhnlich gerade, die hellen Haare flossen in sanften Wellen ihrem Gesicht entlang, … Weiterlesen Altpapier.

Kaugummi.

Am Boden klebt ein Kaugummi, ganz alt und hellgrau und zertreten. Sie blickt auf den runden Fleck auf dem Asphalt und schüttelt den Kopf. Manchmal wundert sie sich über die Leute, die ihre Kaugummis auf den Bürgersteig spucken. Diese Bequemlichkeit ist ihr zuwider, sie sieht nicht ein, weshalb die Kaugummis nicht einfach im Mülleimer entsorgt … Weiterlesen Kaugummi.