Krallen im Penis.

Am abendblauen Himmel hängt ein Wolkengebilde, die Form erinnert an den Kopf einer Katze, und auch er erinnert sich an eine Katze, sie lebte bei ihm, lebte mit ihm, und einmal, sie war jung und sehr verspielt, kletterte die Katze seinem Bein empor, grub die Krallen tief in seine Jeans und unter dem Stoff in … Weiterlesen Krallen im Penis.

Was sie sagen.

A. sagt, dass sie von M. sexuell genötigt worden sei. Vor mehreren Jahren habe er sie in seinem Büro gezwungen, sich nackt auszuziehen. Sie habe sich zunächst geweigert, doch M. habe ihr gedroht und sei handgreiflich geworden. Aus Angst habe sich A. schließlich ausgezogen, woraufhin sich M. selbst befriedigt habe. B. sagt, es sei schon … Weiterlesen Was sie sagen.

Evas Haus.

Nachdem es geschehen war, ein weiteres Mal, so heftig und brutal wie nie zuvor, begann Eva damit, alle Fensterläden zu schließen. Wo es keine Läden hatte, hängte sie dicke Tücher vor die Fenster. Wohin sie auch ging und mit wem sie auch sprach, sie ließ niemanden ins Haus blicken, hielt das Innere sorgsam unter Verschluss. … Weiterlesen Evas Haus.

Cocktail.

Sie erzählt davon, wie sie am Vorabend nackt ins Wasser gesprungen sei, an jener Stelle, an welcher der Kanal in den See mündet, und wenn dann jemand sagt, er sei am Vorabend auch dort gewesen, an eben jener Stelle, den ganzen Abend lang, dann ist sie leicht irritiert, aber nur kurz, ach, dann haben wir … Weiterlesen Cocktail.

Doppelt.

Angefangen hat wohl alles mit den Armbanduhren. Es besaß bereits eine hübsche und gut funktionierende Armbanduhr, als sein Onkel, den er fast nie sah, ihm zu seinem neunten oder zehnten Geburtstag eine weitere hübsche und gut funktionierende Armbanduhr schenkte. Fortan verfügte er also über zwei Armbanduhren. Zwar hatte er dadurch nicht doppelt so viel Zeit, … Weiterlesen Doppelt.

Gurken.

Es gibt kurze Videofilme von Katzen, hinter deren Rücken man eine herkömmliche Gurke platziert, und sobald eine Katze die Gurke erblickt, fährt sie zusammen, springt hoch, heftig erschrocken, nein, zutiefst schockiert, als wäre die Begegnung mit dem besagten Gemüse das fürchterlichste Ereignis ihres Katzenlebens, und irgendwie ist auch Herr Himmelberger den Katzen in diesen Videofilmen … Weiterlesen Gurken.

Pizza.

Natürlich sind Frauen auch nur Menschen, sagt er. Aus dem Zusammenhang gerissen ließe sich seine Aussage vielleicht sogar als relativierendes, positiv gemeintes Verdikt deuten, wenn man denn unbedingt möchte. Aber der Zusammenhang ist da, er ist unvermeidlich. Denn vor und nach diesem Satz bezeichnet er Frauen wahlweise als dumm, einfältig, hysterisch, billig oder fies; er … Weiterlesen Pizza.

Tom Linde Elendiger Ficker.

Es ist der letzte Tag im Leben dieser Parkbank, doch abgesehen von einigen Mitarbeitenden der Stadtverwaltung ist dies bisher niemandem bekannt, auch die Parkbank selbst weiß nicht, was ihr blüht, was jedoch in der Natur der Sache liegt, schließlich mangelt es Parkbänken grundsätzlich an kognitiven Fähigkeiten, und eigentlich ist es auch falsch, vom letzten Tag … Weiterlesen Tom Linde Elendiger Ficker.

54 Textfragmente für Glückskekse.

Für die Kulturlandsgemeinde 2017 in Herisau unter dem Motto «grösser glücklicher gerechter» entstanden 54 Textfragmente, die sich im weitesten Sinne mit Glück, mit Optimierungen, mit Lebenskunst und Fragestellungen auseinandersetzten. Die Texte wurden dem Publikum in Form von Glückskeksen serviert. *** 27 Glückskekse stellen das Glück in Frage. Wie viel Wahrheit braucht das Glück? Wann haben … Weiterlesen 54 Textfragmente für Glückskekse.

Die Glühbirne im Kühlschrank.

Ich wäre ein schlechter Vergewaltiger, sagt er, unaufgefordert, und das ist befremdend. Wenn jemand explizit danach gefragt wird oder sich ein Gespräch in diese Richtung entwickelt, ist eine solche Aussage wohl zumeist spontan und unüberlegt, unreflektiert. Wer diese Wörter jedoch ohne konkrete Aufforderung seinem Mund entweichen lässt, hat sie zuvor offensichtlich bereits sortiert und zurechtgelegt, … Weiterlesen Die Glühbirne im Kühlschrank.

Hinter dem Haus.

Er ist wohl gar nicht so alt, wie man im ersten Moment vermuten mag, vielleicht ist er fünfzig, womöglich sogar jünger. Doch er wirkt alt, alles an ihm gemahnt an die Unerbittlichkeit der Zeit, und wäre er ein Haus, würde der Wind durch die Löcher in seinen dünnen und brüchigen Wänden pfeifen. Natürlich fragt man … Weiterlesen Hinter dem Haus.

Dieffenbachia.

Nein, er würde es nicht Liebe nennen. Nicht unbedingt, weil er nicht so empfindet; er tut es, er liebt, durchaus. Aber die Leute lassen sich in diesem Zusammenhang schnell in falsche Vermutungen und Argwohn treiben, wenn von Liebe die Rede ist. Trotzdem, er liebt sie, seine Dieffenbachia. Vielleicht sollte er doch von Liebe sprechen. Aber … Weiterlesen Dieffenbachia.

Perpetuum Mobile.

Irgendwann fragte die Therapeutin, ob er gerne Musik höre. Pino antwortete, dass er sich nie viel aus Musik gemacht habe. Musik sei für ihn ein wenig wie Straßenverkehr. Nebengeräusch. Die Therapeutin begann dann zu schwärmen, von Tom Waits, vom Penguin Cafe Orchestra, von Nina Simone. Pino kannte diese Namen nicht. Noch nicht. Eigentlich wusste er, … Weiterlesen Perpetuum Mobile.

Wider Erwarten.

Du musst dein Zimmer aufräumen, du musst lesen, du musst schreiben, du musst Danke sagen, du musst höflich sein, du musst addieren und subtrahieren und multiplizieren und dividieren, du musst ein Instrument spielen, lieber Geige als Gitarre, du musst pünktlich sein, du musst lernen, du musst dir Mühe geben, du musst auf die Zähne beißen, … Weiterlesen Wider Erwarten.

Die Geschichten im Blick.

Manche Menschen tragen ihr Herz in den Augen, vor allem, wenn es schwer ist. Sie war ein solcher Mensch. Ihre Blicke erzählten traurig-trübe Geschichten, die womöglich gar keine richtigen Geschichten waren, höchstens Fragmente, Skizzen. Aber was sind schon richtige Geschichten? Manchmal reichen sechs Wörter, um eine Geschichte zu erzählen. Und ihre Blicke brauchten nicht einmal … Weiterlesen Die Geschichten im Blick.

Grob und fies.

Er hatte diesen unförmigen, massigen Körper, er war ein Klumpen Fleisch, rudimentär getarnt als Schulkind. Er war weder klug noch witzig, er war nicht liebenswürdig, er war nicht umgänglich, aber er war groß und stark, größer und stärker als die restlichen Kinder. Und er war laut. Manchmal machte er sich die Mühe, einen Grund vorzubringen, … Weiterlesen Grob und fies.