Eine Abweichung.

Sie weiß nicht, wann und wie es angefangen hat. Wahrscheinlich war es nur ein kleines Verbiegen der Wahrheit, eine minimale Abwandlung, eine unbemerkte Abweichung zwischen Erlebtem und Erzähltem, ein Schlenker im Interpretationsspielraum. Eine mikroskopisch kleine Lüge, wohl nur eine Flunkerei, doch sie veränderte die Richtung, verändert den Lauf der Zeit, den Lauf der Dinge. Zu … Weiterlesen Eine Abweichung.

Ein Platzhalter im Mazda.

Irgendein Schönling singt davon, einen Fluss zu weinen, ein anderer füllt gar den Ozean mit seinen Tränen, und Platzhalter denkt, das müsste wohl zu logistischen Herausforderungen führen, auch wäre es unbequem, und überhaupt, woher kommt denn all das Augenwasser, es bedürfte doch eines Reservoirs hinter den Augen, doch da sind bestimmt keine Wasserköpfe auf den … Weiterlesen Ein Platzhalter im Mazda.

Es wird eng.

Es ist laut, schrecklich laut, es wird gebaut, zwischen den Rippen steht ein Kran, ein Bagger rumpelt über das Geröll im Kopf. Das Haus steht schon lange, und man sieht, dass es ein gutes Haus ist, doch noch immer wird gehämmert und gesägt, geschliffen und gemalt. Manchmal fragt er sich, wohin das alles führt und … Weiterlesen Es wird eng.

Ein Sturm zieht auf.

Die Wolken breiten sich aus, dunkel und mächtig, erfüllt mit brodelndem Zorn. Wie hungrige Kreaturen verschlingen sie den Himmel, verschlingen das Licht. Es war ein erstaunlich ruhiger Tag, angenehm warm und beinahe windstill, da war nur ein laues Lüftchen, das Wolkenfetzen über den blauen Himmel schob. Eine dumpfe Stille hing im Geäst der Bäume und … Weiterlesen Ein Sturm zieht auf.

Mitfahrgelegenheit.

Die Zeit wirft Falten, zieht Furchen in die Flächen, durchdringt die Schichten der Haut. All die Begriffe wie Zukunft und Freiheit und Perspektiven, sie werden immer mehr zu Hohlräumen, brüchig an den Kanten. Früher schwebte sie mit Fremden durch trunkene Nächte, unterwegs durch ungewisse Landschaften. Ihre Mutter warnte sie davor, sich mit erhobenem Daumen an … Weiterlesen Mitfahrgelegenheit.

Angstille.

Vielleicht war es Teleportation. Vielleicht ist es ein Traum. Vielleicht ist es eine Illusion. Sie weiß nicht, wo sie eigentlich ist und warum, aber nun steht sie hier, irgendwo im Nirgendwo. Da sind Bäume und Grashalme, da sind der Himmel und einige Wolken, da sind Hügel und Kanten im Gelände, da sind die Düfte und … Weiterlesen Angstille.

Seife.

Sie mag die manchmal schroffen, dann wieder sanft gerundeten Körper. Sie mag die Dichte, die Masse, das Gewicht. Sie mag die Konsistenz. Sie mag das Aussehen, die Form, die Färbung. Flüssigseife ist ihr zuwider. Flüssigseife ist alles, was in der Welt verkehrt läuft. Es gibt selten ein absolutes Richtig und ein absolutes Falsch. Bei Seife … Weiterlesen Seife.

Abbiegen.

Sie betrachtet ihre Hände, die das Lenkrad umklammern. Die Knöchel treten hervor, ragen empor wie baumlose Hügel. Bei einem Knöchel blättert die Fassade ab, die Haut ist geschunden, aufgeplatzt, doch sie kann sich nicht erinnern, etwas oder jemanden geschlagen oder zumindest heftig berührt zu haben. Zaghaft streichelt sie den verletzten Knöchel mit dem Daumen der … Weiterlesen Abbiegen.

Zahnfleischbluten.

Irgendwann, an irgendeinem Tag in irgendeiner Woche, putzte er sich die Zähne, und als er die Zahnpasta ins Spülbecken spuckte, hob sich vor seinen Augen diese bräunlich-gelbe Masse mit rötlichen Fetzen und Streifen vom weißen Porzellan ab, auch die Zahnbürste hatte sich auf diese Weise verfärbt, und er fand das merkwürdig, aber nur ein wenig, … Weiterlesen Zahnfleischbluten.

In ihren Augen.

Da war dieser Mann, der hatte eigentlich alles, und alles, was er hatte, fand er ganz fürchterlich. Das Geld, die klimatisierten Räume, die sogenannten Freunde, mit denen er teure Weine trank, den großen Tisch in seinem großen Büro, die goldene Uhr an seinem Handgelenk; dieser Dinge und ihrer vermeintlichen Kultur war er allmählich überdrüssig geworden. … Weiterlesen In ihren Augen.

Eine unerfreuliche Situation.

Auf einer Holzbank an einer Bushaltestelle sitzt ein junger Mann, vielleicht fünfundzwanzig, vielleicht auch dreißig Jahre alt, mit akkuratem Haarschnitt und glänzenden Lederschuhen. Man muss ihn nicht kennen, um zu ahnen, dass er entweder bei einer Bank, einer Versicherung, einem Wirtschafts- oder Beratungsunternehmen arbeitet. Sein Anzug ist zwar noch ein wenig zu groß, doch er … Weiterlesen Eine unerfreuliche Situation.

Abhandenkommen.

Irgendwann werde ich nicht mehr da sein, sagt sie, und man kann kaum überrascht sein, auch wenn man leer schluckt und erfolglos nach Worten ringt. Es ist eine biologische Tatsache, unabwendbar und nachvollziehbar, außerdem kenn man den Satz seit Jahren, Jahrzehnten, hört ihn immer wieder aus ihrem Mund, manchmal seltener und beiläufiger, manchmal häufiger und … Weiterlesen Abhandenkommen.

T. und Raumschiff.

Irgendwann stand es einfach da, auf einem grünen Feld, weit hinter den Straßen und den Bürgersteigen, weit weg von den Dächern und gepflegten Gärten. Niemand wusste, woher es gekommen war und wer sein Auftauchen veranlasst hatte. Man war überzeugt, dass ein solches Unterfangen keinesfalls hätte unbemerkt bleiben können, und doch fiel das Raumschiff erst auf, … Weiterlesen T. und Raumschiff.

Die Seiltänzerin.

Die Luft ist staubig, so durchdringend staubig, dass man sich kaum vorstellen kann, wie das Bild ohne Staub aussähe. Der Boden wirkt sandig, so allgegenwärtig sandig, dass man sich in einer Wüste wähnt, und sehr viel, was man sieht, ist Boden. Das war nicht immer so, doch die Häuser, sie wurden eben diesem Boden gleichgemacht, … Weiterlesen Die Seiltänzerin.

An einem Sonntagabend.

Da war diese Frau. Nach dem Versinken des Tageslichts tauchte sie auf. Jeden Sonntagabend, immer wieder, ohne Unterlass, schon seit Wochen. Am Anfang ließ sich Besorgnis in den Augen der Leute ausmachen, eine kleinmütige Anteilnahme. Da waren Fragezeichen, zwar kümmerlich und in schludriger Schrift skizziert, aber immerhin. Warum ist sie nackt? Warum weint sie stumm? … Weiterlesen An einem Sonntagabend.

Neun oder acht oder zehn.

An jedem vierzehnten Februar verschenkt sie neun oder acht oder zehn Blumensträuße, denn der Valentinstag ist schließlich der Tag der Liebe, und sie liebt neun Menschen, in manchen Jahren auch nur acht, in anderen sogar zehn, das ändert sich, zumindest ein wenig, fast alles ändert sich, verändert sich, da ist es gut, wenn manches bleibt, … Weiterlesen Neun oder acht oder zehn.

Großmutter ist müde.

Genug ist genug, sagt die Großmutter, ich bin müde, ich bin lebensmüde, und dann lacht sie kurz und wirkt dabei wie ein Kind, sie mag die Doppeldeutigkeit von Lebensmüdigkeit, auch ist sie gern amüsiert, das war schon immer so, sie war stets ein ziemlich fröhlicher Mensch, trotz allem, neben den Narben immer die Lachfalten, doch … Weiterlesen Großmutter ist müde.

Ein Mann mit Hut.

Er steht dort oben, der einsamste Mensch der Welt, alles ist dunkel, nur er ist erleuchtet, beleuchtet, das Scheinwerferlicht lässt Schweißtropfen aus seinen Poren dringen, mit dem Handrücken wischt er sich das fettige Glänzen von der Stirn und schiebt dabei den Hut ein wenig nach oben, es ist eine Melone, niemand trägt mehr Melonen in … Weiterlesen Ein Mann mit Hut.

Terra.

Wir sind hier und jetzt, sind im Hier und im Jetzt, wir fühlen uns wohl hier und jetzt, was auch nicht verwundert, denn hier und jetzt ist es ziemlich flauschig und bequem. Wir liegen im gemütlichen Bett, mit einer warmen Decke und frisch gewaschenem Laken. Wenn wir schlafen, tun wir es mit einem Lächeln auf … Weiterlesen Terra.