Ursache und Wirkung.

Der Vorhang flattert ein wenig. Das Fenster ist geöffnet, ein leichter Wind dringt hindurch, und darum bewegt sich der Vorhang. Ursache und Wirkung. Die Welt ist so einfach, denkt sie. Tim ist gerade in die Küche gegangen, um Wein zu holen. Sie sollte eigentlich nicht hier sein, sie hat hier nichts zu suchen, sie hat … Weiterlesen Ursache und Wirkung.

Anfängerin.

Da steht ein Bagger am Rande eine Baustelle in der Nähe ihrer Wohnung, und manchmal, am frühen Morgen, wenn das ganze Quartier noch schläft, setzt sich Elisabeth auf den gepolsterten Sessel des Baggers. Während der Tag allmählich erwacht und das Licht immer kräftiger wird, zieht sie an den Hebeln vor ihr und tut so, als … Weiterlesen Anfängerin.

vs. Jahre.

Sie kämpft gegen die Zeit, kämpft gegen deren Botschafter, jeden Tag, und jeder Tag hat vierundzwanzig Stunden und jede Stunde hat sechzig Minuten und jede Minute hat sechzig Sekunden und jede Sekunde dauert gleich lange, aber darum geht es nicht, es sind nicht die Sekunden und Minuten, nicht die Stunden und Tage, die ihre Feinde … Weiterlesen vs. Jahre.

Im Freibad.

Er war wohl noch ein Kind, als er zum ersten Mal mit dem Gedanken spielte, es zu tun. Wahrscheinlich lag er mit seinen Freunden auf dem akkurat geschnittenen Rasen, und man sprach darüber, machte lapidare Sprüche. Auf die meisten seiner Altersgenossen schien der Gedanke keine Anziehungskraft auszuüben, doch er war umgehend fasziniert von der Vorstellung. … Weiterlesen Im Freibad.

Frau Gustafsson.

Eigentlich hat Ivan gar keine Zeit. Er hat noch Termine in sieben weiteren Häusern im Quartier, um dort die Elektroinstallationen zu prüfen, und sein Chef mag es nicht, wenn er länger als nötig bei Kunden bleibt. Doch Frau Gustafsson beharrt darauf, ihm einen Kaffee zu machen, also setzt er sich auf den alten Polstersessel im … Weiterlesen Frau Gustafsson.

Eidechsen.

Jeden Sommer verbrachte Arianna im Ferienhaus ihrer Großeltern im Süden Italiens, und jeden Sommer sah sie Eidechsen. Manche von ihnen kletterten ihr sogar auf den Handrücken. Bei niemandem sonst schienen sich die Eidechsen auf die Hand zu wagen, und irgendwie war sie sehr stolz darauf. Manchmal dachte sie, dass sie etwas Besonderes sei, sie glaubte, … Weiterlesen Eidechsen.

Trampolin.

Die Menschen sind aus der Welt gewischt, da sind keine Kinder und keine Eltern und keine Senioren mit künstlichen Hüftgelenken, da sind nur erstaunlich viele Vögel, vor allem Krähen, auch einige Amseln und Spatzen, und da ist ein Trampolin, scheinbar schlafend in der Stille, wie ein paralysierter Riese im hohen Gras. Spielplätze und Schaukeln und … Weiterlesen Trampolin.

Zerren am Gewebe.

Wenn sie sich berührt, fühlt sie sich lächerlich. Das war nicht immer so, im Gegenteil. Sie pflegte es zu genießen, im Alleinsein noch viel stärker als in jeglicher Art der Zweisamkeit. Diese Momente der absoluten Intimität verliehen ihr eine Art der Zufriedenheit, die weit über die rein körperliche Befriedigung hinausging. Sie empfand ein Gefühl der … Weiterlesen Zerren am Gewebe.

Kaputt.

Ein Mann erzählt, wie sein Vater starb. Er ist verreckt, sagt er. Erbärmlich verreckt. Am Ende war er nur noch Haut und Knochen, nur noch Haut und Knochen. Ganz bleich, die Haut wie Papier, oder nein, wie Gips. Als er endlich starb, war er schon lange nicht mehr am Leben. Er redet über den Vater … Weiterlesen Kaputt.

Das Gästezimmer.

Sie wirft die alten Blumen in den Komposteimer, spült die Vase aus, füllt frisches Wasser auf und stellt neue Blumen in die Vase. Tulpen, dunkelrot und weiß. Dann geht sie ins Gästezimmer und platziert die Vase auf dem kleinen Tisch am Fenster. Sie sieht sich aufmerksam um, lässt den Blick über Mobiliar und Flächen gleiten, … Weiterlesen Das Gästezimmer.

Eine Busfahrt.

Die Busse klingen anders als früher. Sie knattern und dröhnen nicht mehr, sie röcheln und husten nicht mehr. Heute hört man ein tiefes Brummen und ein hohes Sirren, das immer wieder anschwillt und abklingt. Mehr nicht. Alles andere wird unterdrückt, und dieses Unterdrücken ist anstrengend, so scheint es. Jedes Mal, wenn der Busfahrer an einer … Weiterlesen Eine Busfahrt.

Björn Borg.

Seine Hände sind warm und weich, so warm und weich, dass sie erschrickt und zusammenzuckt. Sie entschuldigt sich für ihre Reaktion, doch er schweigt. Maria weiß nicht genau, wann sie zum letzten Mal von einem Mann berührt worden ist, wirklich berührt, bewusst. Vielleicht ist es fünfzehn Jahre her, wahrscheinlich mehr. Damals war es Hugo, ihr … Weiterlesen Björn Borg.

Die Schattenmänner.

Man sitzt in diesem kleinen Warteraum beim großen Bahnhof. Gegenüber sitzt ein junger Mann mit riesigen Kopfhörern, sein Blick klebt auf dem Smartphone in seinen Fingern, sein Gesichtsausdruck erzählt von Konzentration oder von Gleichgültigkeit, es ist schwierig zu beurteilen. Draußen geht die Welt unter, vielleicht ist es auch einfach nur ein ganz normaler Dienstag, man … Weiterlesen Die Schattenmänner.

Marienkäfer.

Bisweilen hustet sie, hält sich die hohle Hand vor den Mund, und obwohl es ein trockener Husten ist, prüft sie die Handfläche auf Auswurf oder Rückstände. Manchmal sind da kleine Stücke einer Banane oder Brotkrumen, je nach dem, was sie gegessen hat. Meistens aber ist nichts zu sehen. Nur die Risse und Furchen ihrer Haut. … Weiterlesen Marienkäfer.

Wolken über Paris.

Am Abend zuvor stand die Vase noch nicht auf dem Tisch. Sie weiß es ganz genau, zumindest glaubt sie, dass sie es ganz genau weiß. Sie starrt auf das kleine Gefäß, auf die abgesplitterte Kante, auf die trockenen Blumen, als wäre darin eine Antwort zu finden, eine Gewissheit zu erlangen. Doch die Vase steht einfach … Weiterlesen Wolken über Paris.

Wolf.

Ein Fensterladen hängt schief in den Angeln. Das ist nicht neu, das ist schon seit Jahren so, und eigentlich müsste man ihn reparieren, vielleicht sogar ersetzen, aber sie tun es nicht. Ach, das lohnt sich gar nicht mehr, sagen sie, falls sie überhaupt etwas sagen und nicht nur mit den alten Schultern zucken. Sie, das … Weiterlesen Wolf.

Kaugummi.

Am Boden klebt ein Kaugummi, ganz alt und hellgrau und zertreten. Sie blickt auf den runden Fleck auf dem Asphalt und schüttelt den Kopf. Manchmal wundert sie sich über die Leute, die ihre Kaugummis auf den Bürgersteig spucken. Diese Bequemlichkeit ist ihr zuwider, sie sieht nicht ein, weshalb die Kaugummis nicht einfach im Mülleimer entsorgt … Weiterlesen Kaugummi.