Verbrannte Erde.

Wenn die Schlachten geschlagen und die Schreie verstummt sind, wenn das Blut längst geronnen ist und Fahnen wieder wehen, wenn die Feuer gelöscht und die Toten begraben sind, ist vieles vorbei, aber nicht alles zu Ende, und einiges fängt gerade erst an. Manchmal sind es ganze Völker, die sich bekämpfen, manchmal Nationen, Familien, Glaubensgemeinschaften, manchmal … Weiterlesen Verbrannte Erde.

Die Hexe.

Man weiß gar nicht genau, wie es begann, doch wahrscheinlich mit verschmähten Avancen. Ein Mann fand Gefallen an der Frau, was angesichts ihrer langen schwarzen Haare, ihres schönen Antlitzes und ihrer wohlgeformten Statur durchaus nachvollziehbar schien. Sie hingegen zeigte sich nicht sonderlich interessiert, und als er zudringlich wurde, wies sie ihn mit einem herzhaften Tritt … Weiterlesen Die Hexe.

Die Totengräberin.

Wahrscheinlich begann es mit Gandhi. So hieß ihr Hamster, der erste und einzige. Als er sich eines Tages nicht mehr rührte, waren ihre Tränen so bitter wie nie zuvor. Ihre Mutter nahm sie in den Arm, strich sanft über ihr Haar. Dann sagte ihr Vater, er würde Gandhi nun wegbringen, und Vera erstarrte, das Schluchzen … Weiterlesen Die Totengräberin.

Hoppla.

«Die Zeit wird dich retten», flüstert er, und sie lächelt, doch sie glaubt ihm nicht. «Es liegt keine Rettung in der Zeit», erwidert sie, «die Zeit rettet niemanden, und niemand rettet sich vor der Zeit.» Er steht neben ihr, sie blicken in entgegengesetzte Richtungen. Er sieht ihr Gesicht nicht, doch er bemerkt, dass sie weint, … Weiterlesen Hoppla.

Vielleicht Unkraut.

Er glaubte, er sei auf dem richtigen Weg. Man geht ja meistens auf verschiedenen Straßen gleichzeitig durchs Leben, und diese schien zu den guten Straßen zu zählen. Der Asphalt war robust, wenn auch an einigen Stellen Unkraut aus großen Ritzen wuchs, doch ohne Unkraut geht es nicht, Unkraut ist auch Leben, ist wahr und echt. Er … Weiterlesen Vielleicht Unkraut.

Fuzzy.

Sie erkennt den Song nach drei Sekunden, nach fünf kann sie ihn einordnen. Dann kommen die Tränen. Der Song heißt Fuzzy und stammt von Grant Lee Buffalo. Es war ein Sonntag, als sie ihn zum letzten Mal hörte. Draußen regnete es in Strömen. Natürlich regnete es. Zu den ersten Takten hatte sie die Maus in … Weiterlesen Fuzzy.

Akrophobie.

Eine rhythmisch blinkende Sternschnuppe gleitet langsam über den Himmel, der Mond steht zur Hälfte gefüllt über den fernen Hügeln, die Luft ist klar und kalt. Unter ihm das Wasser, ein unstillbares Rauschen, und vielleicht zum ersten Mal hat er Angst. Höhenangst. Früher konnte er auf dem Geländer sitzen, einige Male gar stehen, auf der unteren … Weiterlesen Akrophobie.

Nachtgedacht.

0:53. Der Versuch der Beeinflussung. Nicht denken. Nicht denken. Nicht denken. Ein stetiges Suggerieren, der Versuch, sich selbst zu manipulieren, doch der Versuch, er misslingt, sie liegt wach, und in ihrem Kopf eilen die Gedanken wie Ameisen über sandiges Gelände. Das Zimmer ist dunkel, die Fensterläden sind geschlossen, und das einzige Licht entstammt der kleinen … Weiterlesen Nachtgedacht.

Abspann.

Der Film beginnt. Ein kurzer Vorspann, dann die Exposition, die Vorstellung zweier Personen. Die Frau. Der Mann. Sie begegnen sich in einem Raum voller Menschen, sie sind einander unbekannt. Es ist laut, es ist hektisch, die Musik dröhnt, doch dann blicken sich die Frau und der Mann in die Augen, und alles verstummt, alles erstarrt, … Weiterlesen Abspann.

Kein Rassist, aber.

Ich bin kein Rassist, aber. In den meisten Fällen steht zwischen diesem kurzen Bekenntnis und dem Punkt am Satzende etwas Rassistisches. Alle Albaner sind kriminell. Alle Schwarzen verkaufen Drogen am Bahnhof. Alle Serben sind gewalttätig. Alle Amerikaner sind bekloppt. Alle Muslime sind Terroristen. Alle Russen sind homophobe Trinker. Ich bin kein Rassist, aber. Dann der … Weiterlesen Kein Rassist, aber.

Mit anderen Augen.

Der Spiegelschrank im Badezimmer lässt sich kaum mehr schließen, die schmalen Regalflächen sind überfüllt, unzählige Hautlotionen in bunten Plastikflaschen, und manche duften sehr angenehm, doch keine davon wirkt, weder jene, die rasch durch die Poren dringen, noch jene, die einen zähen Film bilden. Wie viele Schichten sie auch aufträgt, sie fühlt sich nicht wohl in … Weiterlesen Mit anderen Augen.

Eine Armlänge.

Der Mann neben ihr schläft. Schnarchend und schnaubend, wie so oft nach Abenden und Nächten, in denen zu viel geredet wurde, zu viel getrunken, zu viel geflucht. Sie liegt wach, im schwachen Licht eines trüben Morgens. Draußen vor dem Fenster fahren vereinzelte Autos über den nassen Asphalt. Es rauscht, doch das tut es immer. Sie … Weiterlesen Eine Armlänge.

Vierzehn Sorten Milch.

Es ist Zeit für neue Definitionen. Die alten Erklärungen, sie taugen nicht mehr, sie haben vielleicht nie getaugt, sie riechen längst seltsam, es stinkt nach toter Materie, und er hat die Nase voll. Er sitzt auf seinem weißen Plastikstuhl auf dem Balkon und blickt nach unten auf den kleinen Spielplatz vor dem Haus, wo einige Kinder … Weiterlesen Vierzehn Sorten Milch.

Skizzen im Museum.

Wir sind unscharfe Skizzen, dem Tagebuch entrissen, fein säuberlich aus dem Poesiealbum getrennt, wir sind Zettel mit Worten, mit zerfetzten Gedanken, und setzen wir die einzelnen Teile zusammen, hat das Große und Ganze zumeist keinen Sinn, aber Sinn muss doch sein, sonst ist es kein Leben, kann es nicht geben, sinnlos heißt eben auch meistens … Weiterlesen Skizzen im Museum.

Sie wird Astronautin.

Hinauf zum Mond will sie, hinaus ins All, hinein ins Nichts, denn hier kann und will sie nicht bleiben, hier ist der ganze Dreck, der ihre Poren verstopft, ihre Lungen perforiert und in die Ritzen kriecht, hier ist dieser stetig wachsende Berg, den sie hinter sich herzieht und mühsam durch die Zeit schleift, hier ist … Weiterlesen Sie wird Astronautin.

Das Wir.

Wir sind aufeinander, wir sind untereinander, wir sind nebeneinander, wir sind miteinander, wir sind ineinander, ergriffen und ergreifend, verschlungen und verschlingend, in der Mitte aller Dinge, der einzige warme Punkt im erstarrten Universum, wir schließen die Augen und sehen im Dunkeln, wir öffnen die Münder, wir trinken und sind trunken, ein Blinken im Augenwinkel, ein … Weiterlesen Das Wir.

Kleptomane.

Eigentlich müsste ich ihn hassen, ihn zutiefst verabscheuen, müsste ihn verdammen für die Dinge, die er tat, und für die Dinge, die er unterließ. Er ist ein Räuber, ein Dieb, er hat gestohlen wie ein Kleptomane. Auch Geld. Auch Sachwerte. Aber vor allem Möglichkeiten. Zeit. Leben. Vor allem Leben. Jeden Tag blickte er mir in … Weiterlesen Kleptomane.

Der Rebell.

Die Straße überquert er erst, wenn die Ampel in tiefstem Grün erstrahlt, und wenn die Ampel defekt ist, wird er sehr unsicher und zittert ein wenig. In seinem Kühlschrank sind zehn Thermometer an verschiedenen Stellen, und die Lebensmittel lagert er nur in jenen Bereichen, in welchen die Temperatur für das entsprechende Gut ideal ist. Manchmal … Weiterlesen Der Rebell.

Kein halber Liter.

Der Mond ist eine Sichel, die Klinge schneidet Ritzen in den Himmel, in denen sich die Sterne verstecken können, wenn sie mögen. Auch sie versteckt sich. Versteckt sich vor den Augen, den stechenden, den musternden. Versteckt sich vor den Händen, den schubsenden, den haltenden, den streichelnden und schlagenden. Versteckt sich vor den Stimmen, den rufenden … Weiterlesen Kein halber Liter.