Schrauben.

Sie würde die Schrauben am Türschloss wieder festdrehen müssen. Es war ein altes Haus, und wenn jeweils eine Tür zu heftig zugeknallt wurde, lösten sich die Schrauben aus dem Gewinde. Seine Worte hingen noch im Raum, wie der hartnäckige Geruch von faulenden Äpfeln. Ich gehe. Sie wusste nicht, wohin er zu gehen gedachte, was er … Weiterlesen Schrauben.

Flüchtling.

Herr Talpa war eigentlich ganz glücklich. Er hatte sich ein schönes Heim geschaffen, weit verzweigt und durchaus stabil, mit mehreren Ausgängen und zahlreichen Rückzugsmöglichkeiten. Es war vielleicht nicht viel, aber es war ein Zuhause, und Herr Talpa kannte nur wenige Worte, die schöner waren. Manchmal, wenn er auf Artgenossen traf, erzählte er beinahe übermütig von … Weiterlesen Flüchtling.

Was ist dir lieber?

Was ist dir lieber; dass ein Elefant dein Badewasser austrinkt, ein Vogel dein Mittagessen stiehlt, ein Schwein deine Kleider anzieht oder ein Nilpferd in deinem Bett schläft? Eine gute Frage. Sie entstammt einem Kinderbuch von John Burningham. Darin stehen noch andere erfreuliche und unerfreuliche Möglichkeiten zur Wahl, unter anderem kann man sich zwischen Spinnenschnitzel, Schneckenknödel, … Weiterlesen Was ist dir lieber?

Eine Ahnung.

Vielleicht gibt es das Wissen, das definitive, erst im Rückblick, vielleicht ist alles, was gerade ist oder noch kommt, nur Glauben und Hoffen und Bangen, und vielleicht ist dieses nur gar nicht angebracht, und manchmal redet man voller Bitterkeit und betrübtem Zorn davon, dass man keine Ahnung von Liebe habe, und vielleicht weiß man, dass … Weiterlesen Eine Ahnung.

Vergeblich.

Als sie ein Kind war, sprach ein alter Mann im Religionsunterricht von Vergebung. Sie schaute aus dem Fenster auf die kleine Wiese vor dem Schulhaus. Dort stand ein Baum, und auf dem Baum saß ein Vogel, und der Vogel sang ein Lied, und obwohl sie es nicht hören konnte, wusste sie, wie es klang. Sie … Weiterlesen Vergeblich.

Das Gift im Zahn.

Womöglich spielt es keine Rolle, wann es begann und weshalb. Die Details verlieren zunehmend an Relevanz. Im Vergleich zum Aufbau, zur Formung verläuft der Zerfall meistens in größeren Stücken, in groben Brocken, die sich lösen und zu Boden stürzen, häufig stumm und kaum bemerkt. Hin und wieder blättern sie in den alten Fotoalben auf der … Weiterlesen Das Gift im Zahn.

Nivellierung.

Eigentlich warst du ja nur zum Ficken gut, sagte er. Blies den Rauch seiner Zigarette in den Raum, lächelte sein arrogantestes Lächeln, schaute auf die Uhr und ging. Sie blieb zurück, allein in ihrer kleinen Wohnung, während um sie herum die Dämme brachen und die Säulen kollabierten. Dann zogen die Wolken auf. Sie strauchelte und … Weiterlesen Nivellierung.

Der Vatermörder.

Irgendwo in einem kleinen Ort in der Nähe einer Stadt, in der man noch nie war, bringt ein junger Mann seinen Vater um. Man liest davon in der Zeitung, eher zufällig, eine kleine Meldung, denn die Informationen sind noch dürftig. Der Sohn ist gut zwanzig Jahre alt, der Vater war sechsundsechzig, er wurde erstochen aufgefunden, … Weiterlesen Der Vatermörder.

Zwei streifen sich.

Eigentlich ist er ja nichts anderes als ein Gegenstand, sagt sie und meint ihren Körper. Ein Ding, ein Gefäß, in dem ein Mensch steckt. Und in diesem Gefäß stecke nun mal ich. Er ist ein Instrument, wie ein Cello. Ja, mein Körper ist mein Cello. Und ich spiele damit. Sie hakt ihren BH auf, lässt … Weiterlesen Zwei streifen sich.

Juri ist explodiert.

Als Juri schließlich explodierte, flogen die Fetzen bis zu fünfzig Meter weit, und man kann von Glück reden, dass niemand in seiner unmittelbaren Nähe stand, obschon es wohl ziemlich unpassend ist, von Glück zu reden, wenn es um die Explosion eines Menschen geht. Juri hatte alles versucht, hatte sein Bestes gegeben. Und tatsächlich war er … Weiterlesen Juri ist explodiert.

Begegnung an einem Sonntag.

Der Pfarrer steht neben dem Altar und sieht aus wie ein Rockstar, die Haare sind wild und jugendlich frech frisiert, das Gewand beeindruckt durch eleganten Schnitt und zeitlose Farben, und sein Gebaren, es ist von ungeahntem Ausdruck, eine tiefe Leidenschaft wird deutlich, sein Vortrag wäre überzeugend, vielleicht sogar berauschend, wenn er jemanden interessieren würde, doch … Weiterlesen Begegnung an einem Sonntag.

Der Pegel sinkt.

Die kleinen Blasen auf der Wasseroberfläche verbinden sich zu fragilen Landmassen, ändern stetig ihre Formen, bilden kleine Inseln und ganze Kontinente. Wenn sie in den Schaum pustet, reißen die Gebilde auf, setzen sich neu zusammen. Und immer ist da dieser spezifische Klang, ein kaum greifbares Rauschen, ausgelöst durch die Verschiebungen und das Zerplatzen der kleinen … Weiterlesen Der Pegel sinkt.

Ein merkwürdiger Mann.

Als seine Eltern und auch die anderen Mütter und Väter in den Nachbarschaft über einen merkwürdigen Unbekannten zu reden begannen, der sich offensichtlich in der Nähe herumtrieb, fühlte sich Max irgendwie seltsam. Er wusste gar nicht, warum das alles so unangenehm wirkte, doch in jedem Fall glaubte er sich belogen und für dumm verkauft. Die … Weiterlesen Ein merkwürdiger Mann.

Ein Buchzeichen.

Eselsohren sind ihm verhasst. Es widerstrebt ihm, die Buchseiten zu knicken, sie dadurch zu verunstalten. Umso mehr mag er Buchzeichen. Hin und wieder sind es vollkommen banale Zettel ohne Wert, mit denen er die Stelle im Buch markiert, an welcher er die Lektüre unterbricht. Doch häufig erzählen die Buchzeichen ihre ganz eigene Geschichte. Manchmal sind … Weiterlesen Ein Buchzeichen.

Iris.

Den endgültigen Entschluss fasst sie, als sie ihre Zungenspitze um seine Eichel kreisen lässt, schließlich ihre Lippen um seinen Penis legt und den Brechreiz erträgt. Nachdem sich die Gewissheit manifestiert hat, wirkt die Situation einen Moment lang so grotesk, dass sie verharrt. Als er an ihren Haaren zerrt und auf ein Weitermachen drängt, tut sie … Weiterlesen Iris.

Tauwetter.

Manchmal ist das Feld voller Dreck und Exkremente, da liegen Plastiktüten und Glassplitter, angefangene Briefe und zerrissene Fotos, Zigarettenstummel und leere Bierflaschen, da liegen entbehrliche Fragmente von Lebensgeschichten. Es mieft und müffelt, alles verfault und vermodert, und irgendwann beginnt es zu schneien. Zuerst bildet sich eine dünne Zuckerschicht, eine Verzierung nur; der schmutzige Boden wird … Weiterlesen Tauwetter.

Keine halben Sachen.

Es war nicht seine Idee gewesen. Sie hatten ihn gefragt, und zunächst hatte er abgelehnt. Schließlich hatte er sich zur Ruhe gesetzt, und gerade diese Ruhe war der Grund, weshalb er überhaupt in dieses kleine Dorf gezogen war, von welchem er zuvor noch nie gehört hatte. Es war Rückzug, in jeder Hinsicht. Warum sonst sollte … Weiterlesen Keine halben Sachen.