Nachtgedacht.

0:53. Der Versuch der Beeinflussung. Nicht denken. Nicht denken. Nicht denken. Ein stetiges Suggerieren, der Versuch, sich selbst zu manipulieren, doch der Versuch, er misslingt, sie liegt wach, und in ihrem Kopf eilen die Gedanken wie Ameisen über sandiges Gelände. Das Zimmer ist dunkel, die Fensterläden sind geschlossen, und das einzige Licht entstammt der kleinen … Weiterlesen Nachtgedacht.

Kein Rassist, aber.

Ich bin kein Rassist, aber. In den meisten Fällen steht zwischen diesem kurzen Bekenntnis und dem Punkt am Satzende etwas Rassistisches. Alle Albaner sind kriminell. Alle Schwarzen verkaufen Drogen am Bahnhof. Alle Serben sind gewalttätig. Alle Amerikaner sind bekloppt. Alle Muslime sind Terroristen. Alle Russen sind homophobe Trinker. Ich bin kein Rassist, aber. Dann der … Weiterlesen Kein Rassist, aber.

Mit anderen Augen.

Der Spiegelschrank im Badezimmer lässt sich kaum mehr schließen, die schmalen Regalflächen sind überfüllt, unzählige Hautlotionen in bunten Plastikflaschen, und manche duften sehr angenehm, doch keine davon wirkt, weder jene, die rasch durch die Poren dringen, noch jene, die einen zähen Film bilden. Wie viele Schichten sie auch aufträgt, sie fühlt sich nicht wohl in … Weiterlesen Mit anderen Augen.

Vierzehn Sorten Milch.

Es ist Zeit für neue Definitionen. Die alten Erklärungen, sie taugen nicht mehr, sie haben vielleicht nie getaugt, sie riechen längst seltsam, es stinkt nach toter Materie, und er hat die Nase voll. Er sitzt auf seinem weißen Plastikstuhl auf dem Balkon und blickt nach unten auf den kleinen Spielplatz vor dem Haus, wo einige Kinder … Weiterlesen Vierzehn Sorten Milch.

Skizzen im Museum.

Wir sind unscharfe Skizzen, dem Tagebuch entrissen, fein säuberlich aus dem Poesiealbum getrennt, wir sind Zettel mit Worten, mit zerfetzten Gedanken, und setzen wir die einzelnen Teile zusammen, hat das Große und Ganze zumeist keinen Sinn, aber Sinn muss doch sein, sonst ist es kein Leben, kann es nicht geben, sinnlos heißt eben auch meistens … Weiterlesen Skizzen im Museum.

Sie wird Astronautin.

Hinauf zum Mond will sie, hinaus ins All, hinein ins Nichts, denn hier kann und will sie nicht bleiben, hier ist der ganze Dreck, der ihre Poren verstopft, ihre Lungen perforiert und in die Ritzen kriecht, hier ist dieser stetig wachsende Berg, den sie hinter sich herzieht und mühsam durch die Zeit schleift, hier ist … Weiterlesen Sie wird Astronautin.

Das Wir.

Wir sind aufeinander, wir sind untereinander, wir sind nebeneinander, wir sind miteinander, wir sind ineinander, ergriffen und ergreifend, verschlungen und verschlingend, in der Mitte aller Dinge, der einzige warme Punkt im erstarrten Universum, wir schließen die Augen und sehen im Dunkeln, wir öffnen die Münder, wir trinken und sind trunken, ein Blinken im Augenwinkel, ein … Weiterlesen Das Wir.

Kleptomane.

Eigentlich müsste ich ihn hassen, ihn zutiefst verabscheuen, müsste ihn verdammen für die Dinge, die er tat, und für die Dinge, die er unterließ. Er ist ein Räuber, ein Dieb, er hat gestohlen wie ein Kleptomane. Auch Geld. Auch Sachwerte. Aber vor allem Möglichkeiten. Zeit. Leben. Vor allem Leben. Jeden Tag blickte er mir in … Weiterlesen Kleptomane.

Der Rebell.

Die Straße überquert er erst, wenn die Ampel in tiefstem Grün erstrahlt, und wenn die Ampel defekt ist, wird er sehr unsicher und zittert ein wenig. In seinem Kühlschrank sind zehn Thermometer an verschiedenen Stellen, und die Lebensmittel lagert er nur in jenen Bereichen, in welchen die Temperatur für das entsprechende Gut ideal ist. Manchmal … Weiterlesen Der Rebell.

Kein halber Liter.

Der Mond ist eine Sichel, die Klinge schneidet Ritzen in den Himmel, in denen sich die Sterne verstecken können, wenn sie mögen. Auch sie versteckt sich. Versteckt sich vor den Augen, den stechenden, den musternden. Versteckt sich vor den Händen, den schubsenden, den haltenden, den streichelnden und schlagenden. Versteckt sich vor den Stimmen, den rufenden … Weiterlesen Kein halber Liter.

Wunderlich, weder noch.

Auf dieser Erde die Länder, und in den Ländern die Städte und darin die Quartiere mit den Straßen, und an den Straßen die Häuser, und vor den Häusern die Gärten, all die Gärten, und in diesen Gärten die Pflanzen, all die Pflanzen, all das Blühen und Verblühen, die bunten Blüten und hängenden Köpfe, immer das … Weiterlesen Wunderlich, weder noch.

Ein Nachmittag im Gras.

Sie war eine gute Freundin, eine der besten, die ich je kennen durfte. Sie war klug und witzig und liebenswert, einer jener Menschen, deren Wärme ansteckend ist. Schon als Kind erkrankte sie an Leukämie, konnte aber erfolgreich behandelt werden. Irgendwann brach die Krankheit erneut aus, und sie musste sich einer langwierigen Therapie unterziehen. Im Gespräch … Weiterlesen Ein Nachmittag im Gras.

Das Unaussprechliche.

Am frischen Grab ihrer Eltern senkt er seinen Blick. Mit ungewohnt zerbrechlicher Stimme bittet er sie, ihm zu versprechen, niemals jemandem zu erzählen, was er getan hat, ihr angetan hat. Sie überlegt nicht lange, senkt ebenfalls den Blick und gibt das gewünschte Versprechen ab. Dann flieht sie, ein weiteres Mal. Und während sie im Flugzeug … Weiterlesen Das Unaussprechliche.

Der Fahrtwind der Zeit.

Kein Augenblick kann den Moment überleben, und jeder Moment stirbt. Alle Gegenwart wird unmittelbar fortgeweht vom Fahrtwind der Zeit. Was bleibt, sind die Bilder, und mit diesen Bildern bepflanzen wir unsere Vergangenheit. Ein wucherndes Fundament aus Begebenheiten, ein reiches Feld, in welchem die Erinnerungen mal energisch, mal zaghaft aus dem Boden wachsen, sobald wir uns … Weiterlesen Der Fahrtwind der Zeit.

Carnivora.

Wir halten uns wortlos, unsere Körper haften aneinander, und man könnte meinen, sie wären magnetisch, doch sie sind es nicht, da ist kein Metall, wir sind nackt, die Poren sind offen, feine Schweißtropfen verdunsten im dunklen Raum, und man könnte meinen, wir stünden unter Stress, doch das tun wir nicht, wir sind angespannt und entspannt … Weiterlesen Carnivora.

Das Kind am Fenster.

Da ist ein Kind am Fenster. In der dritten Etage des Hauses auf der anderen Seite der Straße sind drei Zimmer beleuchtet, und in einem davon steht ein Kind am Fenster. Die Umrisse zeichnen sich klar ab, oben der Kopf, dann ein schlanker Rumpf mit angelegten Armen, dann die Beine, die in die tiefliegende Fensterkante … Weiterlesen Das Kind am Fenster.

Die letzte Schicht.

Die Zeit nagt an den Schichten ihrer Haut, und irgendwann wird sich die letzte Schicht vom Fleisch gelöst haben, irgendwann wird jeder Moment ihres Daseins unter Staub begraben liegen, irgendwann wird sich jede Erinnerung in einzelne Moleküle auflösen, irgendwann wird ihr Bild in anderen Köpfen und Herzen verblassen und ausbluten. Irgendwann wird dieses Irgendwann zum … Weiterlesen Die letzte Schicht.

Norbert streichelt.

Er hat soeben die Straße überquert, da kommt Norbert eine Katze entgegen. Getrieben von einem offensichtlich instinktiven Verlangen nach Liebkosung nähert sich ihm das Tier mit raschen Schritten und wirft sich mit hochgestelltem Schwanz an seine Beine. Zuerst möchte Norbert die Katze abschütteln, ihm ist nicht nach derartigem Zeitvertreib. Doch dann bleibt er stehen, lächelt … Weiterlesen Norbert streichelt.

Grand Canyon.

Bei der Geburt war noch Weite. Da waren unermessliche Dimensionen, und sie wuchsen sogar noch an mit den Jahren, und als man ihr irgendwann sagte, dass die Welt nicht dort aufhöre, wo der Himmel den Baumwipfeln begegne, war sie verwirrt. Schon die Dinge, die sie sehen konnte, passten nicht in ihren Kopf, waren zu üppig, … Weiterlesen Grand Canyon.