Was ist dir lieber?

Was ist dir lieber; dass ein Elefant dein Badewasser austrinkt, ein Vogel dein Mittagessen stiehlt, ein Schwein deine Kleider anzieht oder ein Nilpferd in deinem Bett schläft? Eine gute Frage. Sie entstammt einem Kinderbuch von John Burningham. Darin stehen noch andere erfreuliche und unerfreuliche Möglichkeiten zur Wahl, unter anderem kann man sich zwischen Spinnenschnitzel, Schneckenknödel, … Weiterlesen Was ist dir lieber?

Eine Ahnung.

Vielleicht gibt es das Wissen, das definitive, erst im Rückblick, vielleicht ist alles, was gerade ist oder noch kommt, nur Glauben und Hoffen und Bangen, und vielleicht ist dieses nur gar nicht angebracht, und manchmal redet man voller Bitterkeit und betrübtem Zorn davon, dass man keine Ahnung von Liebe habe, und vielleicht weiß man, dass … Weiterlesen Eine Ahnung.

Vergeblich.

Als sie ein Kind war, sprach ein alter Mann im Religionsunterricht von Vergebung. Sie schaute aus dem Fenster auf die kleine Wiese vor dem Schulhaus. Dort stand ein Baum, und auf dem Baum saß ein Vogel, und der Vogel sang ein Lied, und obwohl sie es nicht hören konnte, wusste sie, wie es klang. Sie … Weiterlesen Vergeblich.

Das Gift im Zahn.

Womöglich spielt es keine Rolle, wann es begann und weshalb. Die Details verlieren zunehmend an Relevanz. Im Vergleich zum Aufbau, zur Formung verläuft der Zerfall meistens in größeren Stücken, in groben Brocken, die sich lösen und zu Boden stürzen, häufig stumm und kaum bemerkt. Hin und wieder blättern sie in den alten Fotoalben auf der … Weiterlesen Das Gift im Zahn.

Nivellierung.

Eigentlich warst du ja nur zum Ficken gut, sagte er. Blies den Rauch seiner Zigarette in den Raum, lächelte sein arrogantestes Lächeln, schaute auf die Uhr und ging. Sie blieb zurück, allein in ihrer kleinen Wohnung, während um sie herum die Dämme brachen und die Säulen kollabierten. Dann zogen die Wolken auf. Sie strauchelte und … Weiterlesen Nivellierung.

Der Vatermörder.

Irgendwo in einem kleinen Ort in der Nähe einer Stadt, in der man noch nie war, bringt ein junger Mann seinen Vater um. Man liest davon in der Zeitung, eher zufällig, eine kleine Meldung, denn die Informationen sind noch dürftig. Der Sohn ist gut zwanzig Jahre alt, der Vater war sechsundsechzig, er wurde erstochen aufgefunden, … Weiterlesen Der Vatermörder.

Zwei streifen sich.

Eigentlich ist er ja nichts anderes als ein Gegenstand, sagt sie und meint ihren Körper. Ein Ding, ein Gefäß, in dem ein Mensch steckt. Und in diesem Gefäß stecke nun mal ich. Er ist ein Instrument, wie ein Cello. Ja, mein Körper ist mein Cello. Und ich spiele damit. Sie hakt ihren BH auf, lässt … Weiterlesen Zwei streifen sich.

Begegnung an einem Sonntag.

Der Pfarrer steht neben dem Altar und sieht aus wie ein Rockstar, die Haare sind wild und jugendlich frech frisiert, das Gewand beeindruckt durch eleganten Schnitt und zeitlose Farben, und sein Gebaren, es ist von ungeahntem Ausdruck, eine tiefe Leidenschaft wird deutlich, sein Vortrag wäre überzeugend, vielleicht sogar berauschend, wenn er jemanden interessieren würde, doch … Weiterlesen Begegnung an einem Sonntag.

Der Pegel sinkt.

Die kleinen Blasen auf der Wasseroberfläche verbinden sich zu fragilen Landmassen, ändern stetig ihre Formen, bilden kleine Inseln und ganze Kontinente. Wenn sie in den Schaum pustet, reißen die Gebilde auf, setzen sich neu zusammen. Und immer ist da dieser spezifische Klang, ein kaum greifbares Rauschen, ausgelöst durch die Verschiebungen und das Zerplatzen der kleinen … Weiterlesen Der Pegel sinkt.

Ein merkwürdiger Mann.

Als seine Eltern und auch die anderen Mütter und Väter in den Nachbarschaft über einen merkwürdigen Unbekannten zu reden begannen, der sich offensichtlich in der Nähe herumtrieb, fühlte sich Max irgendwie seltsam. Er wusste gar nicht, warum das alles so unangenehm wirkte, doch in jedem Fall glaubte er sich belogen und für dumm verkauft. Die … Weiterlesen Ein merkwürdiger Mann.

Tauwetter.

Manchmal ist das Feld voller Dreck und Exkremente, da liegen Plastiktüten und Glassplitter, angefangene Briefe und zerrissene Fotos, Zigarettenstummel und leere Bierflaschen, da liegen entbehrliche Fragmente von Lebensgeschichten. Es mieft und müffelt, alles verfault und vermodert, und irgendwann beginnt es zu schneien. Zuerst bildet sich eine dünne Zuckerschicht, eine Verzierung nur; der schmutzige Boden wird … Weiterlesen Tauwetter.

Ein Traum in Weiß.

Er lag auf grünen Wiesen und stand auf grauen Parkplätzen, schwamm in blauen Ozeanen und sah rote Sonnen. Er traf auf bekannte Menschen mit unbekannten Gesichtern, auf fremde Freunde mit unfreundlichen Absichten. Manchmal wurde er verfolgt, manchmal wurde er erwischt. Manchmal sprang er von Häusern, manchmal wurde er hinuntergestoßen. Da waren Tiere, da waren Bäume, … Weiterlesen Ein Traum in Weiß.

Ein lieber Kerl.

Er ist eigentlich ein lieber Kerl, er redet viel und lacht häufig, seine Stimme ist laut, seine Sätze sind kurz, er sagt, was er denkt, und häufig sagt er Fotze, manchmal sagt er Pussy oder Möse oder Muschi, meistens aber sagt er Loch, und vielleicht sagt das einiges über ihn aus, doch ihm ist das … Weiterlesen Ein lieber Kerl.

Was da ist.

Da ist schwarzer Kaffee, der allmählich in der Tasse erkaltet. Da ist die warme Stimme von Nina Simone, die aus großen alten Lautsprechern in den Raum fließt. Da ist das Licht eines Morgens, so hell, dass es schmerzt in den Augen. Da ist die Selbstverständlichkeit, dass man stutzt oder schmunzelt, wenn sie sagt, dass sie … Weiterlesen Was da ist.

Bussarde.

Die winterkalte Luft hängt starr und reglos zwischen den Hügeln, ein leichter Dunst hat sich vor den nahezu wolkenlosen Himmel geschoben. Ein Mann steht neben den klaren und präzisen Linien von Eisenbahngleisen und blickt unentwegt nach oben. Über einem nahen Feld kreisen zwei Bussarde. Ihre mächtigen Flügel kontrastieren das Graublau des Himmels, sie wirken wahrscheinlich … Weiterlesen Bussarde.

Vier Finger.

Am Wegesrand liegt ein Mann, nicht jung, nicht alt, vielleicht nicht einmal echt. An beiden Händen sind jeweils nur vier Finger, wie bei Comicfiguren, überhaupt ist er sehr einfach gezeichnet, rudimentäre Züge in einem banalen Gesicht. Man tritt zu ihm hin, fragt ihn, ob alles in Ordnung sei und warum er denn hier liege. Er … Weiterlesen Vier Finger.

Er steigt aus.

Zuerst glaubt er, ein leises Rauschen zu hören, als würde Luft aus einem Fahrradreifen entweichen. Es kommt nicht von draußen, es ist nur in seinem Kopf, denn wenn der Mann die Handflächen fest auf seine großen Ohren drückt, bleibt das Geräusch unverändert. Er wird ein wenig unruhig, blickt sich vorsichtig um, doch die anderen Passagiere … Weiterlesen Er steigt aus.

Guadalajara.

Guadalajara. Guadalajara. Guadalajara. Sie wiederholt das Wort immer wieder, einem Mantra gleich. Sie hat keine Ahnung von Guadalajara. Es ist eine Stadt in Mexiko. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1986 fanden dort Spiele statt, 1992 kam es zu einem Explosionsunglück im Kanalnetz der Stadt. Mehr weiß sie nicht über Guadalajara. Und trotzdem flüstert sie dieses Wort unaufhörlich … Weiterlesen Guadalajara.