Der Konsul von Gambia.

Er hatte ein kleines Unternehmen aufgebaut, und als Kraft und Motivation allmählich schwanden, legte er es in die Hände seines Sohnes, der es in seinem Sinne weiterführte. Der Vater, er war von ruhelosem Geist, auch wenn sich dies nie in aufdringlicher Weise zeigte. Er wirkte stets besonnen und geduldig, würdevoll. Nach dem beruflichen Rückzug konzentrierte … Weiterlesen Der Konsul von Gambia.

Das relative Meer.

Sie war noch nie am Meer, und wenn sie das sagt, sind die Leute überrascht. Echt jetzt? Aufrichtiges Erstaunen. Wirklich? Der Klang der Stimmen erzählt von Ungläubigkeit und Verwunderung, aber nicht selten auch von einer gewissen Herablassung, von den unliebsamen Seiten des Mitleids, von einem Ungleichgewicht in den Biografien. Danach folgt meistens das Belehrende. Da … Weiterlesen Das relative Meer.

Abhandenkommen.

Irgendwann werde ich nicht mehr da sein, sagt sie, und man kann kaum überrascht sein, auch wenn man leer schluckt und erfolglos nach Worten ringt. Es ist eine biologische Tatsache, unabwendbar und nachvollziehbar, außerdem kenn man den Satz seit Jahren, Jahrzehnten, hört ihn immer wieder aus ihrem Mund, manchmal seltener und beiläufiger, manchmal häufiger und … Weiterlesen Abhandenkommen.

T. und Raumschiff.

Irgendwann stand es einfach da, auf einem grünen Feld, weit hinter den Straßen und den Bürgersteigen, weit weg von den Dächern und gepflegten Gärten. Niemand wusste, woher es gekommen war und wer sein Auftauchen veranlasst hatte. Man war überzeugt, dass ein solches Unterfangen keinesfalls hätte unbemerkt bleiben können, und doch fiel das Raumschiff erst auf, … Weiterlesen T. und Raumschiff.

Die Seiltänzerin.

Die Luft ist staubig, so durchdringend staubig, dass man sich kaum vorstellen kann, wie das Bild ohne Staub aussähe. Der Boden wirkt sandig, so allgegenwärtig sandig, dass man sich in einer Wüste wähnt, und sehr viel, was man sieht, ist Boden. Das war nicht immer so, doch die Häuser, sie wurden eben diesem Boden gleichgemacht, … Weiterlesen Die Seiltänzerin.

Billy.

Man macht Fotos und stellt sie in die Regale aus lackiertem Holzfurnier, und während die Zeit unaufhörlich schrumpft, sammelt sich der Staub, setzt sich fest auf der Oberfläche, und mehr ist da nicht, mehr bleibt nicht übrig, alles ist Oberfläche, auch das Bild hat keine Tiefe, es ist nur ein erstarrter Moment in einem kleinen … Weiterlesen Billy.

Ein Moment ohne Ort.

Jemand sagte ihr einst, ein Moment erhalte seine Form erst im Rückblick, im Erinnern. In der Gegenwart, also in ihm selbst, lasse sich der Moment gar nicht erfassen und greifen. Somit, denkt sie sich, müsste jedes Bild, das man von einem Moment hat, erst nach diesem Moment entstanden sein. Was bedeuten würde, dass es gar … Weiterlesen Ein Moment ohne Ort.

An einem Sonntagabend.

Da war diese Frau. Nach dem Versinken des Tageslichts tauchte sie auf. Jeden Sonntagabend, immer wieder, ohne Unterlass, schon seit Wochen. Am Anfang ließ sich Besorgnis in den Augen der Leute ausmachen, eine kleinmütige Anteilnahme. Da waren Fragezeichen, zwar kümmerlich und in schludriger Schrift skizziert, aber immerhin. Warum ist sie nackt? Warum weint sie stumm? … Weiterlesen An einem Sonntagabend.

William Wilson und das ungewisse Etwas.

Der Satz steht da, auf einem Stück Papier, das an der Wand hängt, ausgeschnitten aus der Modestrecke eines populärkulturellen Magazins, wo es seltsam unpassend wirkte, weitaus unpassender als hier an der Wand. «Bis ans Ende der Welt floh ich vergebens.» Ein Fragment aus «William Wilson», einer Geschichte von Edgar Allen Poe. Ein Zusammenhang des Satzes … Weiterlesen William Wilson und das ungewisse Etwas.

Neun oder acht oder zehn.

An jedem vierzehnten Februar verschenkt sie neun oder acht oder zehn Blumensträuße, denn der Valentinstag ist schließlich der Tag der Liebe, und sie liebt neun Menschen, in manchen Jahren auch nur acht, in anderen sogar zehn, das ändert sich, zumindest ein wenig, fast alles ändert sich, verändert sich, da ist es gut, wenn manches bleibt, … Weiterlesen Neun oder acht oder zehn.

Großmutter ist müde.

Genug ist genug, sagt die Großmutter, ich bin müde, ich bin lebensmüde, und dann lacht sie kurz und wirkt dabei wie ein Kind, sie mag die Doppeldeutigkeit von Lebensmüdigkeit, auch ist sie gern amüsiert, das war schon immer so, sie war stets ein ziemlich fröhlicher Mensch, trotz allem, neben den Narben immer die Lachfalten, doch … Weiterlesen Großmutter ist müde.

Ein Mann mit Hut.

Er steht dort oben, der einsamste Mensch der Welt, alles ist dunkel, nur er ist erleuchtet, beleuchtet, das Scheinwerferlicht lässt Schweißtropfen aus seinen Poren dringen, mit dem Handrücken wischt er sich das fettige Glänzen von der Stirn und schiebt dabei den Hut ein wenig nach oben, es ist eine Melone, niemand trägt mehr Melonen in … Weiterlesen Ein Mann mit Hut.

Und sie wartet.

Der Tag beginnt schon, als die Nacht noch nicht zu Ende ist. Sie schlägt die Augen auf und die Decke zurück. Viel zu schnell steht sie auf, Schlaftrunkenheit raubt Gleichgewicht, sie wankt, aber sie fällt nicht. Draußen ist die Welt noch schwarz, die Dunkelheit fließt als zähe Masse in ihr Zimmer. Sie tritt ans Fenster … Weiterlesen Und sie wartet.

Terra.

Wir sind hier und jetzt, sind im Hier und im Jetzt, wir fühlen uns wohl hier und jetzt, was auch nicht verwundert, denn hier und jetzt ist es ziemlich flauschig und bequem. Wir liegen im gemütlichen Bett, mit einer warmen Decke und frisch gewaschenem Laken. Wenn wir schlafen, tun wir es mit einem Lächeln auf … Weiterlesen Terra.

Wartburg.

Er steht alleine am Rand der Autofähre, die grummelnd über den Bodensee gleitet. Es ist kalt und nass, vielleicht November oder Dezember, vielleicht auch Februar. Es ist egal, wie der Monat heißt, irgendwann spielen die Namen keine Rolle mehr. Joseph ist der einzige Passagier auf der Fähre. Da sind er und sein Wartburg und vielleicht … Weiterlesen Wartburg.

Vera.

Sie konnte alles haben, konnte jeden haben, und Vera tat, was Vera konnte, obwohl es nicht war, was Vera wollte. Sie wollte gar nicht alles haben. Auch nicht jeden. Irgendwann ist alles zu wenig. Und irgendwann riechen alle Männer gleich. Manchmal hätte sie Blumen pflücken wollen. Äpfel stehlen. Die Fenster putzen. Die einfachen Dinge. Sie … Weiterlesen Vera.

Chiaroscuro.

Da ist dieses Bild, wenn er die Augen schließt, ein Bild von ihr, ein Bild, das keine Flächen kennt, ein Bild mit mehr als zwei Dimensionen, da ist nicht nur Chiaroscuro, da ist mehr als nur die starke Kontrastierung von Hell und Dunkel, da ist die plastische Wirkung eines Bildes, er schließt die Augen und … Weiterlesen Chiaroscuro.