Schwimmer.

Das Wasser ist kalt. Der Ozean ist zu groß und zu tief, als dass es jemals warm genug werden könnte. Sie weiß das und er weiß das und dennoch frieren sie. Daran kann man nicht viel ändern. Es wird angenehmer, wenn man sich bewegt. Irgendwie wird dann die Heizung unter der Haut aufgedreht. Schwimm mit … Weiterlesen Schwimmer.

Tempi passati.

«Ich hätte nicht gedacht, dich hier zu sehen», sagt er. Ich lächle ein wenig gequält und zucke mit den Schultern, was vielleicht ahnungslos wirken soll, doch natürlich weiß ich genau, was er meint. Ein wenig betreten blickt er zu Boden, seine Schuhspitze schiebt einen kleinen Stein über den staubigen Asphalt. Ich mag ihn noch immer … Weiterlesen Tempi passati.

Porzellan.

Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, und die Porzellankiste, sie fragt Vorsicht immer wieder, wer denn ihr Vater sei, doch Vorsicht schweigt, und die Porzellankiste wirft ihre Frage in immer größere Runden, doch niemand scheint eine Antwort zu kennen oder sich um die Ungewissheit der Porzellankiste zu scheren, und dieser schlägt die offensichtliche Vaterlosigkeit ziemlich … Weiterlesen Porzellan.

Tausend Jahre.

Sie ist tausend Jahre alt. Das Wasser schleift die Steine, trägt die Felsen ab, tiefe Furchen ziehen sich durch das Terrain, alles erodiert. Das Knacken im Gebälk, das Knirschen der Gelenke, und sie merkt, wie sie immer kleiner wird, gebückter geht. Das Blut droht zu gerinnen, kriecht zäh wie Honig durch die schmalen Kanäle. Sie … Weiterlesen Tausend Jahre.

Ohne Maja und Nils.

Als Kind mochte sie die Biene Maja, die war so frech und klug und gewitzt. Sie mochte den kleinen Maulwurf, der war so fröhlich und aufgeweckt. Sie mochte Nils Holgersson, der so viele Abenteuer erleben und mit den Wildgänsen fliegen konnte. Sie mochte die Figuren, sie mochte die flauschig weichen Geschichten, und obwohl sie wusste, … Weiterlesen Ohne Maja und Nils.

Das Honigfest.

Um ihre Honigausbeute gebührend zu feiern, veranstalteten die Bären im Abstand von jeweils 63 Tagen ihr traditionelles Honigfest. Jedes Mal war ein anderer Bär für die Organisation zuständig, stellte seine Höhle als Festsaal zur Verfügung, sorgte für musikalische Unterhaltung, offerierte Getränke und Snacks. Man wechselte sich ab, in festgelegter Reihenfolge, jeder leistete einen Beitrag, niemand … Weiterlesen Das Honigfest.

Muskelzucken.

Es waren immer nur ein paar Muskeln, die sie bewegen musste, es kostete nichts und war keineswegs anstrengend, ihr Lächeln, sie zeigte es gern und oft, eigentlich fast immer, es war ein Geschenk, es war wie ein Blumenstrauß, den man kauft, wenn man eingeladen ist, weil man doch etwas mitbringen muss, aber nicht weiß, was … Weiterlesen Muskelzucken.

Niemand sagt Gesundheit.

Die kahlen Gassen, die ausgetrockneten Venen der Stadt, weit hinter dem Herz. Manche wohnen hier, niemand lebt hier. Ab und an stolpern Betrunkene über die stumpfen Kanten, die Einsamen schieben ihre Hände tiefer in die Manteltaschen, gefallene Engel trinken die salzigen Tropfen von den Lippen, und manchmal muss jemand niesen, doch niemand sagt Gesundheit. Dampf … Weiterlesen Niemand sagt Gesundheit.

Einsturzgefahr.

Während die Linien sich allmählich wieder ordnen und die Konturen zurückkehren, während der Sturm sich legt und die Schwerkraft wieder wirkt, kaut sie auf ihrer Unterlippe, beißt ein wenig zu heftig in ihr Fleisch und schmeckt alsbald das Blut, ihr Blut, bittersüß und metallisch, nur ein Tropfen vielleicht, der sich vermischt mit dem salzigen Geschmack … Weiterlesen Einsturzgefahr.

Drei belanglose Sätze.

Es ist wohl belanglos, doch womöglich auch nicht, ihr ist sehr häufig schwindlig, vielleicht stimmt etwas mit dem Kreislauf nicht, vielleicht sollte sie zum Arzt, vielleicht ist sie ernsthaft krank, vielleicht ist sie auch einfach unterzuckert oder übermüdet, doch eben, vielleicht auch nicht, und sie hat Angst davor, tatsächlich zu erkranken, sie hat Angst vor … Weiterlesen Drei belanglose Sätze.

Die Lüge der Zeit.

Manchmal hört er die alten Lieder. Einige klingen seltsam dumpf, als spielte man sie in einer Höhle oder unter einer Decke. Andere hingegen hallen im Innern wieder, der ganze Körper ist ein Resonanzkasten, alles ist so präsent, so gegenwärtig. Musik, wie auch Filme oder Bücher oder Bilder, sie altern nicht linear und gleichmäßig. Er ist … Weiterlesen Die Lüge der Zeit.

Von Kopf bis Fuß.

Der Kopf. Alles beginnt hier, in und mit ihm, ob er durch die Wand geht oder hinein in die Welt. Jedes Wort und jede Lüge, jede Angst und jedes Bild, jeder Traum und jeder Lapsus, jede Leere, jede Erfüllung, jede Wut und jeder Mut, alles beginnt hier. Jedes Ende sowieso, denkt sie und beißt sich … Weiterlesen Von Kopf bis Fuß.

Die Welt im Jahr 2000.

Damals, vor den Bartstoppeln, vor dem Stimmbruch, vor den Irritationen des fortschreitenden Lebens und vor dem Zurücksehnen nach dem verlorenen Kind, damals war das 21. Jahrhundert noch in weiter Ferne, und alles, was Modernität und Innovation ausstrahlen sollte, erhielt die Zahl 2000 als Begleiterin. Ein elektronisches Gerät, dessen Bezeichnung diese Zahlenfolge enthielt, war ein produktgewordener … Weiterlesen Die Welt im Jahr 2000.

Alles treibt aus.

Die Haut ist fettig und schmierig, wie ein alter Fisch, wie die unappetitliche Schicht auf den Schalen einiger Apfelsorten im Supermarkt. Sonderbares Glänzen in synthetischem Licht, einige Lampen flackern. Zitternde Finger drücken und tasten, dann folgt ein stiller Ekel, ein unterdrückter Schauder. Vielleicht ist es gesund, vielleicht natürlich, vielleicht auch nicht. Vielleicht ist es eine … Weiterlesen Alles treibt aus.

Der unsichtbare Teil.

Zuerst gibt es ihn nicht. Was man nicht sieht, ist nicht da, das Ende der Welt beginnt dort, wo das Blickfeld aufhört. Wenn Zeit und Raum sich langsam ins Bewusstsein tasten, wird er zu einem nebulösen Konstrukt, abstrakt oder bedrohlich, oftmals beides. Zwar reift eine gewisse Gewissheit, doch in dieser Gewissheit bleibt eine Ungewissheit bestehen, … Weiterlesen Der unsichtbare Teil.

Rauch und Rauschen.

Irgendwann stellte man sich die notwendige Frage, warum Frau K. durch das geöffnete Schiebedach in den Mercedes von Herrn F. defäkiert hatte. Es schien ein reichlich unkonventionelles Vorgehen, das unweigerlich auf ein vorangegangenes Ereignis schließen ließ, das Frau K. in einer Weise gekränkt hatte, die so heftig war, dass ihr keine andere Reaktion einfiel, als … Weiterlesen Rauch und Rauschen.

Ohne Hut und Mantel.

Es war doch alles perfekt. In einer Welt, in der es keine Perfektion gibt, war sie so nahe dran, wie es nur geht. Sie hätte arm oder hässlich oder dumm oder ängstlich oder krank oder missbraucht oder benachteiligt sein können, ein Opfer der Umstände, doch sie war nichts davon, war kein Opfer. Viele der Dinge, … Weiterlesen Ohne Hut und Mantel.

Im Duftbäumchenwald.

Wahrscheinlich war er kein wirklicher Freund, nur ein temporärer Gefährte. Er war etwa zwei Meter groß, dünn und schlaksig, mit langen Armen und langen Fingern und langen Beinen, an deren Ende riesige Füße nach vorne ragten, während in seinem schmalen Gesicht eine mächtige Nase alles andere in den Schatten stellte. Wenn er durch die Gänge … Weiterlesen Im Duftbäumchenwald.