Das Gift im Zahn.

Womöglich spielt es keine Rolle, wann es begann und weshalb. Die Details verlieren zunehmend an Relevanz. Im Vergleich zum Aufbau, zur Formung verläuft der Zerfall meistens in größeren Stücken, in groben Brocken, die sich lösen und zu Boden stürzen, häufig stumm und kaum bemerkt. Hin und wieder blättern sie in den alten Fotoalben auf der … Weiterlesen Das Gift im Zahn.

Nivellierung.

Eigentlich warst du ja nur zum Ficken gut, sagte er. Blies den Rauch seiner Zigarette in den Raum, lächelte sein arrogantestes Lächeln, schaute auf die Uhr und ging. Sie blieb zurück, allein in ihrer kleinen Wohnung, während um sie herum die Dämme brachen und die Säulen kollabierten. Dann zogen die Wolken auf. Sie strauchelte und … Weiterlesen Nivellierung.

Zwei streifen sich.

Eigentlich ist er ja nichts anderes als ein Gegenstand, sagt sie und meint ihren Körper. Ein Ding, ein Gefäß, in dem ein Mensch steckt. Und in diesem Gefäß stecke nun mal ich. Er ist ein Instrument, wie ein Cello. Ja, mein Körper ist mein Cello. Und ich spiele damit. Sie hakt ihren BH auf, lässt … Weiterlesen Zwei streifen sich.

Juri ist explodiert.

Als Juri schließlich explodierte, flogen die Fetzen bis zu fünfzig Meter weit, und man kann von Glück reden, dass niemand in seiner unmittelbaren Nähe stand, obschon es wohl ziemlich unpassend ist, von Glück zu reden, wenn es um die Explosion eines Menschen geht. Juri hatte alles versucht, hatte sein Bestes gegeben. Und tatsächlich war er … Weiterlesen Juri ist explodiert.

Ein Buchzeichen.

Eselsohren sind ihm verhasst. Es widerstrebt ihm, die Buchseiten zu knicken, sie dadurch zu verunstalten. Umso mehr mag er Buchzeichen. Hin und wieder sind es vollkommen banale Zettel ohne Wert, mit denen er die Stelle im Buch markiert, an welcher er die Lektüre unterbricht. Doch häufig erzählen die Buchzeichen ihre ganz eigene Geschichte. Manchmal sind … Weiterlesen Ein Buchzeichen.

Ein Traum in Weiß.

Er lag auf grünen Wiesen und stand auf grauen Parkplätzen, schwamm in blauen Ozeanen und sah rote Sonnen. Er traf auf bekannte Menschen mit unbekannten Gesichtern, auf fremde Freunde mit unfreundlichen Absichten. Manchmal wurde er verfolgt, manchmal wurde er erwischt. Manchmal sprang er von Häusern, manchmal wurde er hinuntergestoßen. Da waren Tiere, da waren Bäume, … Weiterlesen Ein Traum in Weiß.

Er steigt aus.

Zuerst glaubt er, ein leises Rauschen zu hören, als würde Luft aus einem Fahrradreifen entweichen. Es kommt nicht von draußen, es ist nur in seinem Kopf, denn wenn der Mann die Handflächen fest auf seine großen Ohren drückt, bleibt das Geräusch unverändert. Er wird ein wenig unruhig, blickt sich vorsichtig um, doch die anderen Passagiere … Weiterlesen Er steigt aus.

Schmelzwasser.

Sie fragt sich, was wohl geschehen würde, wenn ihr Platz dereinst leer bliebe, ihre Spuren nirgends mehr hinführten. Sie fragt sich, wer sich wundern und wer nach ihr fragen würde, wer enttäuscht wäre, sie nicht anzutreffen. Sie fragt sich, wann man ihr Fehlen bemerken würde und ob es überhaupt ein Fehlen wäre oder nicht nur … Weiterlesen Schmelzwasser.

Ein Bein ist kürzer.

Wir winden uns, so gut es geht, winden uns um alle Ecken und raus aus dem Gröbsten, wir geraten ins Trudeln und trunkene Wanken, obschon wir vollkommen nüchtern sind, vielleicht zu nüchtern für jedes Hier und Jetzt. Ein Bein ist kürzer als das andere, war es schon immer. Man hat uns damals nichts gesagt, man … Weiterlesen Ein Bein ist kürzer.

Fliegende Fenster.

Man sitzt im Zug, und vor dem Fenster fliegen die Fenster vorüber, kleine gelbe Vierecke, und hinter jedem Viereck eine Welt; irgendwo weint ein Kind, weil es das falsche Geschenk bekommen hat, irgendwo haben zwei Menschen Sex, ohne sich zu lieben, irgendwo lieben sich zwei Menschen, ohne Sex zu haben, irgendwo macht sich ein alter … Weiterlesen Fliegende Fenster.

Pluto.

Irgendwann verlor er das Gefühl in den Füssen und den Boden darunter, füllte die entstandene Leere mit Gift und Galle, starrte ins Nichts, und später, sehr viel später wachte er auf, die Haut trocken und spröde, die Hose zerschlissen, und er fragte sich, ob die Jahre, die er verloren hatte, je von jemandem gefunden werden … Weiterlesen Pluto.

Einhorn.

Selbst wenn immer wieder ein Sturm im Wasserglas tobt, spielt es irgendwann keine Rolle mehr, ob es halbvoll oder halbleer ist. Am Ende ist es ausgetrunken, der grimmige Barkeeper hat längst die Stühle auf die Tische gestellt und draußen wartet die Nacht. Am Ende ist es egal, wie lange man das Einhorn gejagt hat. Kein … Weiterlesen Einhorn.

Der Mord.

Ich habe einen Menschen getötet. Nun stehe ich in einer bedrückend stillen Wohnung, die nicht meine Wohnung ist, die ich aber trotzdem bestens zu kennen scheine, und versuche, die blutgetränkten Kleider, die ich in meinen zitternden Händen halte, irgendwo zu verstecken. Ich öffne eine kleine Tür, hinter der ich einen Abstellraum weiß, und will die … Weiterlesen Der Mord.

Eine Abweichung.

Sie weiß nicht, wann und wie es angefangen hat. Wahrscheinlich war es nur ein kleines Verbiegen der Wahrheit, eine minimale Abwandlung, eine unbemerkte Abweichung zwischen Erlebtem und Erzähltem, ein Schlenker im Interpretationsspielraum. Eine mikroskopisch kleine Lüge, wohl nur eine Flunkerei, doch sie veränderte die Richtung, verändert den Lauf der Zeit, den Lauf der Dinge. Zu … Weiterlesen Eine Abweichung.

In absentia.

Schon bei ihrer Geburt war sie nicht wirklich da. Zur Welt kam sie ohne Bewusstsein, und erst nach einigen Sekunden konnte ein Arzt ihre Atmung und ihren Kreislauf in Gang bringen. In der Schule betrat sie den Pausenplatz jeweils erst, wenn die Pause zu Ende ging, und häufig blieb sie den Unterrichtsstunden fern, sammelte lieber … Weiterlesen In absentia.

Darling.

Wir standen am Hafen von Travemünde und warteten darauf, dass sich die Schranken hoben und mein Vater unser Auto auf die Fähre steuern durfte. Bei unserer Ankunft hatten wir zu den ersten Passagieren gezählt, doch mittlerweile war die anfänglich ziemlich trostlos wirkende Zufahrt zum riesigen Schiff munter bevölkert. Die Strahlen der sommerlichen Sonne prallten lautlos … Weiterlesen Darling.

Es wird eng.

Es ist laut, schrecklich laut, es wird gebaut, zwischen den Rippen steht ein Kran, ein Bagger rumpelt über das Geröll im Kopf. Das Haus steht schon lange, und man sieht, dass es ein gutes Haus ist, doch noch immer wird gehämmert und gesägt, geschliffen und gemalt. Manchmal fragt er sich, wohin das alles führt und … Weiterlesen Es wird eng.