Die Luft ist draußen.

Es ist still, das Wasser verschlingt jedes Geräusch, bevor es entsteht. Er ist abgetaucht. Wie ein träger Astronaut schwebt er unter dem Spiegel, schroff eingerahmt von fernen Ufern. Einige Pflanzen tanzen langsam und taktlos vor seinem Auge, hin und wieder leuchtet kurz das Schuppenkleid eines Fisches auf. Mehr ist nicht da, das ist alles, was … Weiterlesen Die Luft ist draußen.

Die Totengräberin.

Wahrscheinlich begann es mit Gandhi. So hieß ihr Hamster, der erste und einzige. Als er sich eines Tages nicht mehr rührte, waren ihre Tränen so bitter wie nie zuvor. Ihre Mutter nahm sie in den Arm, strich sanft über ihr Haar. Dann sagte ihr Vater, er würde Gandhi nun wegbringen, und Vera erstarrte, das Schluchzen … Weiterlesen Die Totengräberin.

Hoppla.

«Die Zeit wird dich retten», flüstert er, und sie lächelt, doch sie glaubt ihm nicht. «Es liegt keine Rettung in der Zeit», erwidert sie, «die Zeit rettet niemanden, und niemand rettet sich vor der Zeit.» Er steht neben ihr, sie blicken in entgegengesetzte Richtungen. Er sieht ihr Gesicht nicht, doch er bemerkt, dass sie weint, … Weiterlesen Hoppla.

Vielleicht Unkraut.

Er glaubte, er sei auf dem richtigen Weg. Man geht ja meistens auf verschiedenen Straßen gleichzeitig durchs Leben, und diese schien zu den guten Straßen zu zählen. Der Asphalt war robust, wenn auch an einigen Stellen Unkraut aus großen Ritzen wuchs, doch ohne Unkraut geht es nicht, Unkraut ist auch Leben, ist wahr und echt. Er … Weiterlesen Vielleicht Unkraut.

Fuzzy.

Sie erkennt den Song nach drei Sekunden, nach fünf kann sie ihn einordnen. Dann kommen die Tränen. Der Song heißt Fuzzy und stammt von Grant Lee Buffalo. Es war ein Sonntag, als sie ihn zum letzten Mal hörte. Draußen regnete es in Strömen. Natürlich regnete es. Zu den ersten Takten hatte sie die Maus in … Weiterlesen Fuzzy.

Akrophobie.

Eine rhythmisch blinkende Sternschnuppe gleitet langsam über den Himmel, der Mond steht zur Hälfte gefüllt über den fernen Hügeln, die Luft ist klar und kalt. Unter ihm das Wasser, ein unstillbares Rauschen, und vielleicht zum ersten Mal hat er Angst. Höhenangst. Früher konnte er auf dem Geländer sitzen, einige Male gar stehen, auf der unteren … Weiterlesen Akrophobie.

Nachtgedacht.

0:53. Der Versuch der Beeinflussung. Nicht denken. Nicht denken. Nicht denken. Ein stetiges Suggerieren, der Versuch, sich selbst zu manipulieren, doch der Versuch, er misslingt, sie liegt wach, und in ihrem Kopf eilen die Gedanken wie Ameisen über sandiges Gelände. Das Zimmer ist dunkel, die Fensterläden sind geschlossen, und das einzige Licht entstammt der kleinen … Weiterlesen Nachtgedacht.

Abspann.

Der Film beginnt. Ein kurzer Vorspann, dann die Exposition, die Vorstellung zweier Personen. Die Frau. Der Mann. Sie begegnen sich in einem Raum voller Menschen, sie sind einander unbekannt. Es ist laut, es ist hektisch, die Musik dröhnt, doch dann blicken sich die Frau und der Mann in die Augen, und alles verstummt, alles erstarrt, … Weiterlesen Abspann.

Mit anderen Augen.

Der Spiegelschrank im Badezimmer lässt sich kaum mehr schließen, die schmalen Regalflächen sind überfüllt, unzählige Hautlotionen in bunten Plastikflaschen, und manche duften sehr angenehm, doch keine davon wirkt, weder jene, die rasch durch die Poren dringen, noch jene, die einen zähen Film bilden. Wie viele Schichten sie auch aufträgt, sie fühlt sich nicht wohl in … Weiterlesen Mit anderen Augen.

Skizzen im Museum.

Wir sind unscharfe Skizzen, dem Tagebuch entrissen, fein säuberlich aus dem Poesiealbum getrennt, wir sind Zettel mit Worten, mit zerfetzten Gedanken, und setzen wir die einzelnen Teile zusammen, hat das Große und Ganze zumeist keinen Sinn, aber Sinn muss doch sein, sonst ist es kein Leben, kann es nicht geben, sinnlos heißt eben auch meistens … Weiterlesen Skizzen im Museum.

Kleptomane.

Eigentlich müsste ich ihn hassen, ihn zutiefst verabscheuen, müsste ihn verdammen für die Dinge, die er tat, und für die Dinge, die er unterließ. Er ist ein Räuber, ein Dieb, er hat gestohlen wie ein Kleptomane. Auch Geld. Auch Sachwerte. Aber vor allem Möglichkeiten. Zeit. Leben. Vor allem Leben. Jeden Tag blickte er mir in … Weiterlesen Kleptomane.

Kein halber Liter.

Der Mond ist eine Sichel, die Klinge schneidet Ritzen in den Himmel, in denen sich die Sterne verstecken können, wenn sie mögen. Auch sie versteckt sich. Versteckt sich vor den Augen, den stechenden, den musternden. Versteckt sich vor den Händen, den schubsenden, den haltenden, den streichelnden und schlagenden. Versteckt sich vor den Stimmen, den rufenden … Weiterlesen Kein halber Liter.

Ein Nachmittag im Gras.

Sie war eine gute Freundin, eine der besten, die ich je kennen durfte. Sie war klug und witzig und liebenswert, einer jener Menschen, deren Wärme ansteckend ist. Schon als Kind erkrankte sie an Leukämie, konnte aber erfolgreich behandelt werden. Irgendwann brach die Krankheit erneut aus, und sie musste sich einer langwierigen Therapie unterziehen. Im Gespräch … Weiterlesen Ein Nachmittag im Gras.

Hannas Geschirrtuch.

Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg, sagte ihr Vater, er sagte es immer wieder, und die Mutter sagte es auch, sie stickte es sogar auf ein Geschirrtuch, und das Geschirrtuch hat Hanna lange Zeit behalten, manchmal trocknete sie damit ihre Weingläser, zumindest versuchte sie es, doch immer blieb ein feuchter Film zurück, … Weiterlesen Hannas Geschirrtuch.

Der Fahrtwind der Zeit.

Kein Augenblick kann den Moment überleben, und jeder Moment stirbt. Alle Gegenwart wird unmittelbar fortgeweht vom Fahrtwind der Zeit. Was bleibt, sind die Bilder, und mit diesen Bildern bepflanzen wir unsere Vergangenheit. Ein wucherndes Fundament aus Begebenheiten, ein reiches Feld, in welchem die Erinnerungen mal energisch, mal zaghaft aus dem Boden wachsen, sobald wir uns … Weiterlesen Der Fahrtwind der Zeit.

Die letzte Schicht.

Die Zeit nagt an den Schichten ihrer Haut, und irgendwann wird sich die letzte Schicht vom Fleisch gelöst haben, irgendwann wird jeder Moment ihres Daseins unter Staub begraben liegen, irgendwann wird sich jede Erinnerung in einzelne Moleküle auflösen, irgendwann wird ihr Bild in anderen Köpfen und Herzen verblassen und ausbluten. Irgendwann wird dieses Irgendwann zum … Weiterlesen Die letzte Schicht.

Norbert streichelt.

Er hat soeben die Straße überquert, da kommt Norbert eine Katze entgegen. Getrieben von einem offensichtlich instinktiven Verlangen nach Liebkosung nähert sich ihm das Tier mit raschen Schritten und wirft sich mit hochgestelltem Schwanz an seine Beine. Zuerst möchte Norbert die Katze abschütteln, ihm ist nicht nach derartigem Zeitvertreib. Doch dann bleibt er stehen, lächelt … Weiterlesen Norbert streichelt.

Zwischen den Stühlen.

Ihr Freund übergibt sich auf den Teppich, und sie ist entzückt, denn die zähe Masse aus Lebensmittelderivaten und Lagerbier ist in beeindruckender Form. «Oh, Schatz, schau!» japst sie begeistert. «Du hast ein Herz gekotzt! Das sieht doch aus wie ein Herz, oder?» Er nickt müde, doch er sagt nichts, es käme wohl nichts Gutes dabei … Weiterlesen Zwischen den Stühlen.

Der Streichholzmann.

Wann und weshalb es begann, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Am Anfang waren es lediglich einige Streichhölzer, die er aufeinanderlegte und sich freute, wenn ein kleiner Turm entstand. Dann räumte er sie wieder weg und ging aus, traf sich mit Freunden, lebte sein Leben. Es war ein gutes Leben, manchmal etwas schroff an den … Weiterlesen Der Streichholzmann.

Grand Canyon.

Bei der Geburt war noch Weite. Da waren unermessliche Dimensionen, und sie wuchsen sogar noch an mit den Jahren, und als man ihr irgendwann sagte, dass die Welt nicht dort aufhöre, wo der Himmel den Baumwipfeln begegne, war sie verwirrt. Schon die Dinge, die sie sehen konnte, passten nicht in ihren Kopf, waren zu üppig, … Weiterlesen Grand Canyon.