Der Tschingg.

Salvatore war ein Tschingg. Viele Menschen nannten ihn damals so, ihn und die anderen, deren Eltern aus Italien in die Schweiz eingewandert waren. Ich nannte ihn Salvatore, schließlich war dies sein Name, und dafür waren Namen doch da, um Personen zu benennen. Ich weiß nicht, ob ich ihn mochte. Er war so alt wie ich … Weiterlesen Der Tschingg.

Ungelegenheiten.

Gelegenheit macht Diebe, Gelegenheit macht Liebe, doch sie hat jede Gelegenheit verpasst, hat keine beim Schopf gepackt, und gelegentlich war sie so sehr in ihre Angelegenheiten verstrickt, dass sie die Gelegenheiten gar nicht als solche erkennen konnte, und all die Dinge, die man nur einmal im Leben macht, hat sie getan, ohne zu bemerken, dass … Weiterlesen Ungelegenheiten.

Dinosaurier.

Stegosaurus, Pterodactylus, Diplodocus, Spinosaurus, Triceratops, Tyrannosaurus Rex, Ceratosaurus – sie kannte sie alle, natürlich auch den Brachiosaurus, den mochte sie am liebsten, damals als Kind. Zwar hörte sie oft, dass Dinosaurier etwas für Jungs wären, während sie sich als Mädchen doch besser für Ponys und Pferde interessieren solle, doch Ponys und Pferde waren ihr vollkommen … Weiterlesen Dinosaurier.

Tanzen und spielen.

Der kleine Bär auf dem Bett riecht nach den erstarrten Stunden ihrer Kindheit. Die guten Zeiten sind alt geworden. Sie zündet eine Zigarette an, lässt den Rauch entweichen. Alles entweicht. Zurück bleibt der muffige Geruch, der sich in den Fragmenten der Welt festsetzt. Sie wollte Balletttänzerin werden. Sie hat es nicht geschafft. Du darfst nicht … Weiterlesen Tanzen und spielen.

Dreharbeiten.

Es gibt kein Drehbuch, keine vorgefertigte Geschichte, keinen Produktionsplan. Auf Mitwirkende hat man nur eingeschränkten Einfluss, ebenso auf deren Verhalten und auf den Verlauf einzelner Episoden. Man kann zwar Ideen einbringen, sich engagieren und gewisse Modifikationen initiieren, doch wirklich steuern lässt sich der Handlungsablauf nicht. Bild reiht sich an Bild, was eben noch eine Komödie … Weiterlesen Dreharbeiten.

Raketenrucksack.

Es war 1984, im Fernsehen lief eine Zusammenfassung der Eröffnungszeremonie der Olympischen Sommerspiele in Los Angeles. Irgendwann schwebte ein Mann ins Stadion. Die Stimme im Fernseher nannte das Ding auf seinem Rücken wahrscheinlich Jetpack. Für mich war es ein Raketenrucksack. Dieser Raketenrucksack war die Zukunft. Meine Zukunft. Ich war überzeugt, dass sich bald alle Menschen … Weiterlesen Raketenrucksack.

Das Gift der Biene.

Wenn sie den Atem anhält und die Augen schließt, hört sie das Summen, spürt das sanfte Vibrieren. Manchmal wohnt einem Flügelschlag die gewaltigste Kraft inne. Manchmal erzählt eine kleine Bewegung eine größere Geschichte als jedes Buch. Und manchmal überdauert eine Berührung alle Zeiten. Bienen verfügen über eine visuelle Erinnerung, eine Art Landkarte im Gedächtnis. Damals … Weiterlesen Das Gift der Biene.

Auf Allgemeinplätzen.

(Man liegt auf einer Wiese in einer Nacht voller Sterne, und wenn man den Kopf schnell bewegt, gehen tausend Sternschnuppen nieder, doch man wünscht sich nichts, weil man weiß, dass es keinen Zweck hat, und vielleicht auch, weil man betrunken ist, die Stimmen schwirren durch die warme Luft, alles klingt vertraut und fremd zugleich, und … Weiterlesen Auf Allgemeinplätzen.

38317.

Ein anderes Kind erzählte ihm, er solle mal die Zahl 38317 in den Taschenrechner eingeben, das Gerät dann umdrehen und damit die Zahl auf dem Kopf stellen. Er tat es, und dann stand da ein Wort, und er wusste eigentlich gar nicht so richtig, was es bedeutete, doch er wusste, es war etwas Schönes. Dann … Weiterlesen 38317.

8848.

Er ist kein Bergsteiger. War er nie, wird er nie. Schon der Blick von einem Balkon in der dritten Etage lässt einen gewissen Schwindel entstehen und Schweiß ausbrechen. Er ist nicht Edmund Hillary, und er ist nicht Tenzing Norgay. Die beiden standen als erste Menschen auf dem Mount Everest, 8848 Meter über Meer. Natürlich waren … Weiterlesen 8848.

Die Biologieprüfung.

Der Kopf war groß. Zwar waren seine Ausmaße keineswegs grotesk, die Dimensionen sprengten nicht alle Grenzen. Einige aber schon, darunter die Grenzen der Normalität in den Augen der anderen Kinder. Sie nannten ihn Wasserkopf oder Riesenkopf, vielleicht waren auch andere Nettigkeiten zu hören, doch ich sah davon ab, in den Kanon einzustimmen. Mir schien der … Weiterlesen Die Biologieprüfung.

Ein Satz über Toilettenpapier.

Vor gefühlten hundert Jahren und mindestens einem Dutzend durchlaufener Phasen meines Seins schrieb ich einen Text über Toilettenpapier, aus vollkommen unerfindlichem Grund, auch heute noch habe ich keine Ahnung, weshalb ich dies tat, womöglich war mir die auslösende Idee bei einem Akt der Defäkation gekommen, jedenfalls entstand dieser Text, eine muntere Ansammlung von Gedanken über … Weiterlesen Ein Satz über Toilettenpapier.

Der Bademeister.

Er klammert sich an sein Glas, der Rotwein klebt an den bauchigen Wänden, seine dicken Finger zittern ein wenig, ebenso der Kopf, eine graue Haarsträhne bebt unentwegt, bewegt von einem Wind, der hier in dieser Kneipe nicht weht. «Manchmal erinnert man sich an seltsame Dinge», sagt er, die Worte langsam und mit Bedacht in eine … Weiterlesen Der Bademeister.

Fünf Gespräche über Kichererbsen.

Das dritte Gespräch über Kichererbsen «Deine Halskette ist merkwürdig. Sind das Kichererbsen?» «Ja.» «Ich mag Kichererbsen nicht. Finde sie auch nicht lustig. Keine Ahnung, warum sie kichern.» «Der Name hat nichts mit Kichern zu tun.» «Ach ja?» «Kommt vom lateinischen Wort für Erbse, cicer. Darum bedeutet Kichererbse eigentlich Erbsenerbse.» «Aha.» «Ja. Ist ein Pleonasmus.» «Was?» … Weiterlesen Fünf Gespräche über Kichererbsen.

Verbrannte Erde.

Wenn die Schlachten geschlagen und die Schreie verstummt sind, wenn das Blut längst geronnen ist und Fahnen wieder wehen, wenn die Feuer gelöscht und die Toten begraben sind, ist vieles vorbei, aber nicht alles zu Ende, und einiges fängt gerade erst an. Manchmal sind es ganze Völker, die sich bekämpfen, manchmal Nationen, Familien, Glaubensgemeinschaften, manchmal … Weiterlesen Verbrannte Erde.

Fuzzy.

Sie erkennt den Song nach drei Sekunden, nach fünf kann sie ihn einordnen. Dann kommen die Tränen. Der Song heißt Fuzzy und stammt von Grant Lee Buffalo. Es war ein Sonntag, als sie ihn zum letzten Mal hörte. Draußen regnete es in Strömen. Natürlich regnete es. Zu den ersten Takten hatte sie die Maus in … Weiterlesen Fuzzy.

Akrophobie.

Eine rhythmisch blinkende Sternschnuppe gleitet langsam über den Himmel, der Mond steht zur Hälfte gefüllt über den fernen Hügeln, die Luft ist klar und kalt. Unter ihm das Wasser, ein unstillbares Rauschen, und vielleicht zum ersten Mal hat er Angst. Höhenangst. Früher konnte er auf dem Geländer sitzen, einige Male gar stehen, auf der unteren … Weiterlesen Akrophobie.

Nachtgedacht.

0:53. Der Versuch der Beeinflussung. Nicht denken. Nicht denken. Nicht denken. Ein stetiges Suggerieren, der Versuch, sich selbst zu manipulieren, doch der Versuch, er misslingt, sie liegt wach, und in ihrem Kopf eilen die Gedanken wie Ameisen über sandiges Gelände. Das Zimmer ist dunkel, die Fensterläden sind geschlossen, und das einzige Licht entstammt der kleinen … Weiterlesen Nachtgedacht.

Abspann.

Der Film beginnt. Ein kurzer Vorspann, dann die Exposition, die Vorstellung zweier Personen. Die Frau. Der Mann. Sie begegnen sich in einem Raum voller Menschen, sie sind einander unbekannt. Es ist laut, es ist hektisch, die Musik dröhnt, doch dann blicken sich die Frau und der Mann in die Augen, und alles verstummt, alles erstarrt, … Weiterlesen Abspann.

Kleptomane.

Eigentlich müsste ich ihn hassen, ihn zutiefst verabscheuen, müsste ihn verdammen für die Dinge, die er tat, und für die Dinge, die er unterließ. Er ist ein Räuber, ein Dieb, er hat gestohlen wie ein Kleptomane. Auch Geld. Auch Sachwerte. Aber vor allem Möglichkeiten. Zeit. Leben. Vor allem Leben. Jeden Tag blickte er mir in … Weiterlesen Kleptomane.