Cephalopodophobie.

Spätestens in jenem Moment, als sie zum ersten Mal über den Tintenfisch sprach, hätte er es bemerken müssen. Sie waren acht oder elf Jahre ein Paar, und in dieser Zeit hatten sie nie über Tintenfische geredet. Nie. Tintenfische waren in ihrer Beziehung schlicht und einfach nicht präsent, waren kein Thema, standen nicht zur Debatte. Bis … Weiterlesen Cephalopodophobie.

Der Sündenbock.

Sie braucht ihn, braucht ihn dringend, braucht einen Sündenbock. Denn der Sündenbock ist das einzige Tier, das ihr helfen könnte, das einzige Tier, das sie retten könnte. Doch der Sündenbock, er ist des Einhorns finsterer Bruder, und wenn sie die Augen aufschlägt, zerfallen beide Kreaturen gleichermaßen im grellen Licht der Realität, fallen der Welt zum … Weiterlesen Der Sündenbock.

Moral und Anstand.

Um sich in Moral und Anstand zu üben, dürfte es wohl kaum einen besseren Lehrer geben als eine Person, die innerhalb einer Staatsregierung offiziell für diese Themen zuständig ist. Von Simon Lokodo müsste man also einiges lernen können, denn Simon Lokodo ist Minister für Moral und Anstand von Uganda. Der wunderbare und oftmals wunderbar unanständige … Weiterlesen Moral und Anstand.

Das Honigfest.

Um ihre Honigausbeute gebührend zu feiern, veranstalteten die Bären im Abstand von jeweils 63 Tagen ihr traditionelles Honigfest. Jedes Mal war ein anderer Bär für die Organisation zuständig, stellte seine Höhle als Festsaal zur Verfügung, sorgte für musikalische Unterhaltung, offerierte Getränke und Snacks. Man wechselte sich ab, in festgelegter Reihenfolge, jeder leistete einen Beitrag, niemand … Weiterlesen Das Honigfest.

Muskelzucken.

Es waren immer nur ein paar Muskeln, die sie bewegen musste, es kostete nichts und war keineswegs anstrengend, ihr Lächeln, sie zeigte es gern und oft, eigentlich fast immer, es war ein Geschenk, es war wie ein Blumenstrauß, den man kauft, wenn man eingeladen ist, weil man doch etwas mitbringen muss, aber nicht weiß, was … Weiterlesen Muskelzucken.

Einsturzgefahr.

Während die Linien sich allmählich wieder ordnen und die Konturen zurückkehren, während der Sturm sich legt und die Schwerkraft wieder wirkt, kaut sie auf ihrer Unterlippe, beißt ein wenig zu heftig in ihr Fleisch und schmeckt alsbald das Blut, ihr Blut, bittersüß und metallisch, nur ein Tropfen vielleicht, der sich vermischt mit dem salzigen Geschmack … Weiterlesen Einsturzgefahr.

Angst und Aluminium.

Schnittwunden und Dellen fangen das Licht, das Aluminium schmeckt wie Angst, das Adrenalin zieht uns näher, alles fluoresziert dort oben, alles ist sternenklar, doch nichts ist klar. Ein Brief, im Bus geschrieben, er erzählt von einer Flut, um das Blut zu verdünnen, von Absinth und Maria Callas, von den Sorgen im Atem; die Jungen und … Weiterlesen Angst und Aluminium.

Die Welt im Jahr 2000.

Damals, vor den Bartstoppeln, vor dem Stimmbruch, vor den Irritationen des fortschreitenden Lebens und vor dem Zurücksehnen nach dem verlorenen Kind, damals war das 21. Jahrhundert noch in weiter Ferne, und alles, was Modernität und Innovation ausstrahlen sollte, erhielt die Zahl 2000 als Begleiterin. Ein elektronisches Gerät, dessen Bezeichnung diese Zahlenfolge enthielt, war ein produktgewordener … Weiterlesen Die Welt im Jahr 2000.

Ohne Hut und Mantel.

Es war doch alles perfekt. In einer Welt, in der es keine Perfektion gibt, war sie so nahe dran, wie es nur geht. Sie hätte arm oder hässlich oder dumm oder ängstlich oder krank oder missbraucht oder benachteiligt sein können, ein Opfer der Umstände, doch sie war nichts davon, war kein Opfer. Viele der Dinge, … Weiterlesen Ohne Hut und Mantel.

Explosion.

Irgendwann fällt man vom Rad und bleibt liegen. Kein Knall, kein Geräusch, nur eine stumme Explosion, eine Detonation ohne Ton. Da werden Tage gestapelt, Wochen und Jahre, ein bunter Haufen aus Lebensfragmenten, man nimmt alles mit und speichert es ab, es sammelt sich an und häuft sich. Man baut sich ein Haus, man baut sich … Weiterlesen Explosion.

Dinosaurier.

Stegosaurus, Pterodactylus, Diplodocus, Spinosaurus, Triceratops, Tyrannosaurus Rex, Ceratosaurus – sie kannte sie alle, natürlich auch den Brachiosaurus, den mochte sie am liebsten, damals als Kind. Zwar hörte sie oft, dass Dinosaurier etwas für Jungs wären, während sie sich als Mädchen doch besser für Ponys und Pferde interessieren solle, doch Ponys und Pferde waren ihr vollkommen … Weiterlesen Dinosaurier.

Tanzen und spielen.

Der kleine Bär auf dem Bett riecht nach den erstarrten Stunden ihrer Kindheit. Die guten Zeiten sind alt geworden. Sie zündet eine Zigarette an, lässt den Rauch entweichen. Alles entweicht. Zurück bleibt der muffige Geruch, der sich in den Fragmenten der Welt festsetzt. Sie wollte Balletttänzerin werden. Sie hat es nicht geschafft. Du darfst nicht … Weiterlesen Tanzen und spielen.

Gelb.

Vielleicht ging es gar nie um die Strumpfhosen. Er meinte, die Farbe sei schrecklich und ihre Beine seien dick und krumm, er könne die gelben Dinger nicht mehr ertragen, sie seien eine Beleidigung für sein Auge. Er sprach mit einer süffisanten Selbstgefälligkeit in der Stimme, schleuderte ihr weitere unschöne Worte entgegen, und sie, sie schleuderte … Weiterlesen Gelb.

Im Kerker.

Alle reden von Freiheit, doch sie weiß nicht, was Freiheit bedeutet. Selbst die weitesten Felder sind ihr ein Gefängnis, jeder Raum ist ein Kerker, auch die größten Fenster tragen Gitter vor dem Glas. Sie will ihre Fesseln sprengen, doch die Handgelenke sind so kahl wie am ersten Tag, da sind keine Ketten, keine Seile. Der … Weiterlesen Im Kerker.

Unterwassertränen.

Da ist ein Knoten in der Zunge, wenn sie von Angst und Liebe spricht, aber sie versteht nicht, warum andere verstehen sollten, was sie selbst nicht versteht. Ihre Knochen sind Schwemmholz, ihre Haare wachsen algengleich in die Tiefe. Sie weint nur unter Wasser, das ist Vorsicht, das ist Rücksicht, das ist Absicht. Sie schwimmt nicht … Weiterlesen Unterwassertränen.

Die Auflösung.

Die Großmutter hatte in einem kleinen silbernen Gefäß Platz, das an eine Thermosflasche erinnerte. Daneben stand ein Mann mit einem ernsthaften Gesicht. Seine Stimme war laut und sonor. Von Erde bist du genommen, zu Erde sollst du werden. Ein rasselnder Husten unterbrach seinen Vortrag, dann sprach er weiter. Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub … Weiterlesen Die Auflösung.

B. schämend.

Seine Zähne seien ganz krumm, findet F. Kleine gelbliche Brocken, die irgendwie bizarr aus der Mundhöhle ragen. Er schämt sich für seine Zähne. Eine gute Freundin sagt ihm: Wenn du lächelst, gehen drei Sonnen auf. Doch F. tut es ungern, tut es selten, und wenn er es tut, dann lieber im Dunkeln. B. schämt sich … Weiterlesen B. schämend.

Sollbruchstelle.

Womöglich gab es eine Sollbruchstelle. Sie wusste nicht, wie laut das Knacken war, es wurde übertönt von einem Rauschen und einem tauben Gefühl. Die Entfernung, sie wuchs immer mehr, und damit auch der Leerraum dazwischen. Und irgendwann begann sie, von und zu sich selbst nur noch in der dritten Person zu sprechen. «Wer ist sie?» … Weiterlesen Sollbruchstelle.