Sie flüstert.

Zuweilen ist der Klang einer Berührung das lauteste Geräusch der Welt. Die Finger, warm und sanft, sie streicheln nur leicht ihre Haut, das Seidenpapier, das sie umhüllt, und dennoch dringen sie tief in sie ein. Nicht wie Nadeln und Messer, nicht wie üblich. Diese Finger, ihre Finger, sie sind lebendige Kreaturen, aus denen eine körperlose … Weiterlesen Sie flüstert.

Von Mäusen und Menschen.

Letzthin lief mir eine Maus über die Leber. Lief einfach drüber, ohne Vorwarnung. Ich erschrak ein wenig, denn man rechnet ja nicht mit derartigen Passanten. Eine Laus wäre zweifellos weniger überraschend gewesen, zumal in Sprichwörterbüchern von solchen Ereignissen berichtet wird. Leider werden Sprichwörterbücher von Mäusen und Menschen nur selten gelesen, weshalb wohl auch mein ungebetener … Weiterlesen Von Mäusen und Menschen.

Die dritte Person.

Sie weiß, dass man vorwärts schauen muss. Dass man kämpfen muss. Dass man all die Tränen und bitteren Pillen schlucken muss. Sie weiß, was man tun muss, um mit der Zeit Schritt halten zu können, doch sie weiß auch, dass dieses «man» in der dritten Person steht, sie selbst aber in der ersten. Wenn sie … Weiterlesen Die dritte Person.

Eine Skizze.

Alles ist bewegt, alles ist so rührig und eifrig, jeder Mensch, den sie sieht, scheint sich zu engagieren, sich einer Aufgabe zu widmen, die ihn definiert, jeder ist definiert, nur sie fühlt sich seltsam vage und obskur, als ob sie lediglich in groben Strichen skizziert worden wäre, sie ist ungenau, ein schemenhafter Entwurf, dem jede … Weiterlesen Eine Skizze.

Das Fehlen.

Der Frühling kommt. Die Blumen beginnen zu sprießen, die Vögel singen schon beim ersten Licht des erwachenden Tages, alles blüht auf, die Natur und die Menschen, vor allem die Menschen. Man lacht wieder mehr. Die Haut hängt nicht mehr so schwer an den Knochen, die Schultern und Gesichtszüge entspannen sich. Und während das Leben mit … Weiterlesen Das Fehlen.

Seltsam.

«Sag, liebst du mich?» fragt sie, und die Stimme zittert, doch das tut sie schon seit Jahrzehnten. Er schaut sie an, aus diesen dunklen und warmen Augen, die immer ein wenig wässrig sind, und lächelt. Dann ergreift er ihre Hand und küsst die fleckige Haut, ganz sanft, als wäre sie aus dünnem Papier. «Sieh doch, … Weiterlesen Seltsam.

Paris, merde.

Sie war damals wohl etwa zwanzig und damit zwei oder drei Jahre älter als ich, sie hieß Patricia, mit c, war sehr klein und dünn und laut, doch ich mochte sie trotzdem, schon allein, weil sie mich beachtete, mit mir sprach, und womöglich war ich sogar ein wenig verliebt, wenn auch nicht allzu heftig und … Weiterlesen Paris, merde.

Immer die Wellen.

Flugrost an der Decke, die Gischt im Gesicht, die Gischt darunter, und dann die Wellen, immer die Wellen, schlagend und peitschend, eine schreiende Wut, stoisch und emotionslos, kalt wie das Wasser, und sie treibt im Raum, alles ist Raum, bis zu den Mauern und dahinter das Nichts, immer das Nichts, ein kahle Kühle umklammert ihre … Weiterlesen Immer die Wellen.

Rauschen, Schweigen.

Da sind Linien in der Haut der Bäume, tief eingekerbte Namen von Liebenden, und die Bäume schreien stumm, sie haben keine Stimme, und alles, was man hört, ist Rauschen. Da sind Linien in der Haut der Körper, tief eingekerbte Dramen von Leidenden, und die Körper schreien stumm, sie haben keine Stimme, und alles, was man … Weiterlesen Rauschen, Schweigen.

Der braune Fleck.

Zum ersten Mal traf ich Matthias in der Berufsschule. Ich trug eines jener T-Shirts, auf welchem ein Strichmännchen aufgedruckt ist, das ein Hakenkreuz in einen Papierkorb wirft. Ich trug es wohl, weil ich wenig sprach und dennoch etwas sagen wollte. Jedenfalls kam er zu mir hin und fragte mich, ob ich wirklich gegen Nazis sei. … Weiterlesen Der braune Fleck.

Der kleine Unterschied.

Nur wenige Themen scheinen für Autoren von humoristisch angehauchten Sachbüchern so interessant zu sein wie die Unterschiede zwischen Mann und Frau. Ob gut zuhörend oder schlecht einparkend, Bier saufend oder Schuhe kaufend, Gefühle zeigend oder verbergend, kopulierend oder kuschelnd – was man fühlt und tut, hängt ausschließlich davon ab, ob sich zwischen den Beinen ein … Weiterlesen Der kleine Unterschied.

Mitte mit Tee.

Finde deine Mitte, steht auf dem kleinen Fetzen Papier, der an einem dünnen Faden am Teebeutel hängt, und obschon ich von Teebeutelphilosophie vielleicht noch weniger halte als von Tee an sich, folge ich der befehlsmäßigen Aufforderung, zumal das Finden als grundsätzlich erfüllende Tätigkeit nicht selten ein schönes Erlebnis darzustellen vermag, außer man findet seinen Meister … Weiterlesen Mitte mit Tee.

Mondmenschen.

Jeder sei ein Mond und habe eine dunkle Seite, die er niemandem zeige, behauptete Mark Twain, und wie so oft ist anzunehmen, dass er Recht hatte. Das Lachen ist ein guter Lügner. Und oftmals ist es breit genug, um schwindelerregende Abgründe hinter sich zu verbergen. Die Augen sind der Wahrheit weitaus stärker verpflichtet. Doch nicht … Weiterlesen Mondmenschen.

Grund und Boden.

Das Leben war dort draußen, die Stunden hingen in den Räumen, die Tage schlichen achtlos und müde über die Fassaden der Welt, als sie aufhörte, sich zu behaupten und zu erklären. Betäubt lief sie los, hinaus aus dem Haus und der Stadt und hinein in den Wald, hinein in das Feuchte und Dunkle, das Ungewisse. … Weiterlesen Grund und Boden.

Nichts.

Sie fragten ihn, weshalb er den Türrahmen mit seiner Hand zertrümmert habe und dabei auch die Hand selbst, und er sagte nichts. Er betrachtete die blutigen Stellen an seinen Knöcheln und umklammerte seinen Unterarm, ließ ihn schlapp nach unten hängen und räusperte sich geräuschvoll. Schließlich spuckte er auf den Teppich und verstrich den Speichel mit … Weiterlesen Nichts.

Die Fackel hoch.

Am Anfang war alles so einfach, so widerstandslos, jeder Schritt war ein Schritt nach vorne, hinein in eine Verheißung, die sich jeden Tag aufs Neue erfüllte, und die Sonne schien ihr warm in den Rücken, die Sonne schien ihr warm ins Gesicht, dann blinzelte sie jeweils kurz, und alles blieb sich gleich, blieb gleich gut, … Weiterlesen Die Fackel hoch.

Unterholz.

Er ist skeptisch. Das ist er ständig, und zumeist erfährt seine Skepsis eine unheilvolle Bestätigung. Dann steht er für Sekundenbruchteile starr und stumm in der gefrorenen Zeit, bevor er dem Moment entflieht und ins Unterholz hastet, um seine Wunden zu lecken. Wunden gibt es immer. Man gewöhnt sich an sie, und dennoch tut man es … Weiterlesen Unterholz.

Im Wald so kalt.

Sie fühle sich wie ein nacktes Mädchen im Wald, sagte sie. Ungeschützt und bebend, starr vor Kälte. Sie friere immer, erzählte sie, sogar in der Hitze des Sommers. Sie wolle einfach ein wenig Wärme. Eine Wolldecke vielleicht, oder einen Mantel, irgendetwas, um sich einzuhüllen. Wenn alles so kalt sei, meinte sie, dann könne man doch … Weiterlesen Im Wald so kalt.

Zwischen den Halmen.

Sie haben die Möbel vor das Heim gestellt, auf die Wiese mit den Unmengen an Hundekot, und vielleicht ist einer der Männer mit den schweren Stiefeln in ein solches Häufchen getreten, aber nur vielleicht. Was von ihrem Leben übriggeblieben ist, steht nun zwischen den Halmen, und ihr Atem liegt noch über den Dingen, wie ein … Weiterlesen Zwischen den Halmen.