Nichts zu sehen.

Die Menschen sind über die banalen Sessel gestreut, ein Eisenbahnwagen voller Existenzen, die sich nicht berühren; man lebt und atmet hier nebeneinanderher und aneinander vorbei, und wahrscheinlich ist es allen recht so. Man ist sich fremd, aber zumindest ist man vereint im Fremdsein. Zwischen all den Gesichtern, die keine Geschichten erzählen mögen, ist eines, das … Weiterlesen Nichts zu sehen.

Eine mögliche Bewegung.

Da war eine Bewegung, ein Schatten womöglich, oder ein Teil eines Körpers, ein Fragment eines Menschen. Nur ganz kurz war es zugegen, im Augenwinkel, in dieser nebulösen Zone neben den Dingen, die sich klar zeigen, wenn man die Welt mit Blicken ordnet. Die Bewegung, sie ereignete sich in einem Haus in einer gewissen Entfernung, aber … Weiterlesen Eine mögliche Bewegung.

Krieg und Frieden.

Eine Insel im Meer, vor der kroatischen Küste, dort, wo früher Jugoslawien war, vor dem Krieg, und diese Insel, sie ist erst seit einigen Jahren wieder frei zugänglich, zuvor war sie ein militärischer Stützpunkt, in manchen Kriegen, und überhaupt von großer strategischer Bedeutung, in allen Kriegen, in allen Konfliktsituationen, denn sie liegt wohl vorteilhaft, ein … Weiterlesen Krieg und Frieden.

Tropfen.

Sie steht in der Küche und blickt mit starren Augen auf den Wasserhahn. Nichts geschieht. Keine Regung. Sie ist zu Gast in einem Standbild. Mit ihren schmalen Fingern ertastet sie das Ventil des Hahns. Es ist trocken und kalt, nur ein wenig Kalk bröckelt ab. Sie dreht das Wasser auf und gleich wieder ab, das … Weiterlesen Tropfen.

Flirren.

Die Hitze ist ein hechelnder Hund, die Zunge hängt wie ein Stück Stoff aus dem Maul. In der starren Luft stecken Staubfäden im Gefüge fest, die hölzernen Wände schwitzen Jahre aus. Draußen liegt ein Flirren über dem Asphalt, in der Ferne bauen sie Wolkentürme für ein Gewitter, das dann doch nicht kommt. Eigentlich ist jede … Weiterlesen Flirren.

Der Bauer Herrmann.

Jemand hat dem Bauern Herrmann eine Kuh umgeworfen. Das macht man nicht, sagt der Bauer Herrmann, das zeugt von Respektlosigkeit. Er grummelt noch ein wenig in seinen Bart, es ist ein imposanter, ein dichter, wuchtiger Bart, und dann sagt Bauer Herrmann, das sei sicher einer von den Negern gewesen. Bauer Herrmann sagt Neger, weil es … Weiterlesen Der Bauer Herrmann.

Nein.

Sie greift sich ein wenig Haut am Oberschenkel, klemmt sie zwischen Daumen und Zeigefinger, presst sie zusammen, doch nichts geschieht. Es tut nicht weh, und wenn sie nicht hinsieht, verfärbt sich auch die Haut nicht. Er schenkt seiner Mutter Blumen, schließlich ist Muttertag. Er schenkt ihr manchmal auch an anderen Tagen Blumen, schließlich ist sie nicht … Weiterlesen Nein.

Wenigstens den Sand.

Draußen scheißt der Hund auf den Bürgersteig. Scheißhund, sagt sie leise, doch niemand ist da, um sie zu hören. Sie schaut weiterhin aus dem Fenster und schüttelt langsam ihren Kopf. Natürlich kann der Hund nichts dafür. Kein Mensch ist zu sehen, nur der Hund. Vielleicht ist dann gar niemand schuld. Manchmal wünscht sie sich, die … Weiterlesen Wenigstens den Sand.

Wolf.

Ein Fensterladen hängt schief in den Angeln. Das ist nicht neu, das ist schon seit Jahren so, und eigentlich müsste man ihn reparieren, vielleicht sogar ersetzen, aber sie tun es nicht. Ach, das lohnt sich gar nicht mehr, sagen sie, falls sie überhaupt etwas sagen und nicht nur mit den alten Schultern zucken. Sie, das … Weiterlesen Wolf.

Das Schweigen der Stadt.

Die Konturen der fernen Landschaft sind unverändert, die Zeit hat höchstens einige Dellen hinterlassen. Aber schon am Rand der kleinen Stadt ist nahezu nichts mehr so wie früher, die Erinnerungen scheinen Trugbilder zu sein, die charmanten Holzhäuser mussten grauen Klötzen weichen. Sie fährt ihren kleinen Fiat an den Straßenrand und steigt aus, legt die Unterarme … Weiterlesen Das Schweigen der Stadt.

Der traurige Hund ist tot.

Da ist ein trauriger Hund am Himmel, mit hängendem Kopf blickt er über den nahen See. In einiger Entfernung ist eine Atombombe explodiert, daneben hockt ein dünnes Kaninchen. Schon in einer Stunde wird alles anders sein, morgen werden andere Wolken am Himmel stehen, irgendwann wird alles vorüber sein, und er fragt sich, ob es zu … Weiterlesen Der traurige Hund ist tot.

Kanten.

Er gibt sich wirklich Mühe. Er lässt sich Zeit. Er hat Kerzen angezündet, mit Vanilleduft. Sie verspürt einen leichten Brechreiz, aber er hat es zweifellos gut gemeint. Seine feuchten Lippen eilen über ihren Bauch. Hin und wieder ertönt ein sabberndes Geräusch, es klingt, als würde ein sehr alter Hund abgestandenes Wasser aus einem Edelstahlnapf schlürfen. … Weiterlesen Kanten.

Widerstand.

Einer sitzt im Fußballstadion, mit zwanzigtausend anderen Menschen, und manchmal singen sie, manchmal rufen sie, manchmal klatschen sie. Als die Heimmannschaft ein Tor schießt, springen alle auf und jubeln, nur er nicht. Er bleibt sitzen und sieht sich um, stumm und still. Später gleicht die gegnerische Mannschaft aus, und andere Menschen jubeln, doch er bleibt … Weiterlesen Widerstand.

Revolution und Weisheit.

Ein wohl etwa 50 Jahre alter, aber sehr sportlich und dynamisch wirkender Zahnarzt mit akkurat gepflegtem Haupthaar und eleganter Designerbrille zertrümmerte einst Leos Weisheitszahn. Er sagte, anders hätte er ihn nicht entfernen können. Der Zahnarzt fuhr einen großen schwarzen BMW, einen Geländewagen, obwohl er gar nicht im Gelände wohnte, sondern in der Stadt, in jenem … Weiterlesen Revolution und Weisheit.

Jenseits der Schnellstraße.

Seine Frisur war fürchterlich. Er wohnte nebenan, war drei Jahre jünger als ich, und damals waren diese drei Jahre von gigantischen Dimensionen, sie ließen sich kaum einschätzen. Sein Name war Thomas, und eigentlich mochte ich Thomas nicht. Er war nicht nur schrecklich jung, sondern auch schrecklich langweilig, ziemlich dumm und zugleich ziemlich laut. Und eben, … Weiterlesen Jenseits der Schnellstraße.

Figlock.

Ihr Vater sagte ihr einst, es sei keine Schande, zu weinen, solange die Tränen dem Herzen entsprängen und nicht dem Kopf. In seinen Worten und mit seiner Stimme klang das so wichtig und richtig, so weise und wahrhaftig. Wenn sie den Satz auf ein Blatt Papier schreibt, fällt es ihr mitunter schwer, überhaupt zu verstehen, … Weiterlesen Figlock.

Neun Augenblicke.

Ein Mann fährt allein in seinem Mitsubishi auf der Autobahn, als er ein anderes Fahrzeug überholt, an dessen Steuer ein Mann sitzt, der genau gleich aussieht wie er, zumindest der Kopf und das Gesicht scheinen identisch; sogar der leichte Knick im Nasenrücken ist da, und während sich die Blicke der beiden Männer treffen, gerät der … Weiterlesen Neun Augenblicke.

Amadou.

Die Rollen sind klar verteilt. Man hat unter anderem die Aufgabe, bei Bedarf Kleider an Bewohner der Flüchtlingsunterkunft abzugeben, strikt nach Anweisung durch die Zentrumsleitung. Er braucht eine Hose und ein Shirt oder Hemd und wurde deshalb in den Raum geschickt, den sie hier Boutique nennen. Sein Name ist Amadou. Seine Haut ist tiefschwarz, die … Weiterlesen Amadou.

Fünf Minuten.

Sie reden von Flüchtlingsströmen, von einer Flut, die uns überrollt. Sie reden von Grenzschutz, von Verteidigungsmaßnahmen, gerade so, als wäre man im Krieg. Sie reden von Überfremdung, von Migrationsdruck, von Wirtschaftsflüchtlingen. Sie reden von Islamismus, von Terrorismus, von Invasion, von brutalen Horden. Sie reden von nationaler Identität, von einem drohenden Kollaps, vom Ende Europas. Sie … Weiterlesen Fünf Minuten.

Gerinnung.

Mit dem Kopf gegen die Wand, mit dem Kopf gegen den Spiegel, immer wieder. Ein Gesicht in Scherben, zersplittertes Leben, einige Tropfen Blut vielleicht. Alles gerinnt, trocknet ein, trocknet aus. Das Lächeln ist eine Lüge, doch was ist überhaupt noch wahr? Der Blick klammert sich an vage Punkte in der Ferne, dann wieder an einen … Weiterlesen Gerinnung.