Tempi passati.

«Ich hätte nicht gedacht, dich hier zu sehen», sagt er. Ich lächle ein wenig gequält und zucke mit den Schultern, was vielleicht ahnungslos wirken soll, doch natürlich weiß ich genau, was er meint. Ein wenig betreten blickt er zu Boden, seine Schuhspitze schiebt einen kleinen Stein über den staubigen Asphalt. Ich mag ihn noch immer … Weiterlesen Tempi passati.

Tausend Jahre.

Sie ist tausend Jahre alt. Das Wasser schleift die Steine, trägt die Felsen ab, tiefe Furchen ziehen sich durch das Terrain, alles erodiert. Das Knacken im Gebälk, das Knirschen der Gelenke, und sie merkt, wie sie immer kleiner wird, gebückter geht. Das Blut droht zu gerinnen, kriecht zäh wie Honig durch die schmalen Kanäle. Sie … Weiterlesen Tausend Jahre.

Ohne Maja und Nils.

Als Kind mochte sie die Biene Maja, die war so frech und klug und gewitzt. Sie mochte den kleinen Maulwurf, der war so fröhlich und aufgeweckt. Sie mochte Nils Holgersson, der so viele Abenteuer erleben und mit den Wildgänsen fliegen konnte. Sie mochte die Figuren, sie mochte die flauschig weichen Geschichten, und obwohl sie wusste, … Weiterlesen Ohne Maja und Nils.

Die Lüge der Zeit.

Manchmal hört er die alten Lieder. Einige klingen seltsam dumpf, als spielte man sie in einer Höhle oder unter einer Decke. Andere hingegen hallen im Innern wieder, der ganze Körper ist ein Resonanzkasten, alles ist so präsent, so gegenwärtig. Musik, wie auch Filme oder Bücher oder Bilder, sie altern nicht linear und gleichmäßig. Er ist … Weiterlesen Die Lüge der Zeit.

Die Welt im Jahr 2000.

Damals, vor den Bartstoppeln, vor dem Stimmbruch, vor den Irritationen des fortschreitenden Lebens und vor dem Zurücksehnen nach dem verlorenen Kind, damals war das 21. Jahrhundert noch in weiter Ferne, und alles, was Modernität und Innovation ausstrahlen sollte, erhielt die Zahl 2000 als Begleiterin. Ein elektronisches Gerät, dessen Bezeichnung diese Zahlenfolge enthielt, war ein produktgewordener … Weiterlesen Die Welt im Jahr 2000.

Alles treibt aus.

Die Haut ist fettig und schmierig, wie ein alter Fisch, wie die unappetitliche Schicht auf den Schalen einiger Apfelsorten im Supermarkt. Sonderbares Glänzen in synthetischem Licht, einige Lampen flackern. Zitternde Finger drücken und tasten, dann folgt ein stiller Ekel, ein unterdrückter Schauder. Vielleicht ist es gesund, vielleicht natürlich, vielleicht auch nicht. Vielleicht ist es eine … Weiterlesen Alles treibt aus.

Was man tun muss.

Man muss doch den Müll trennen, die alten Zeitungen in die Altpapiersammlung geben, die leeren Flaschen in den Glascontainer werfen und Batterien in die dafür vorgesehenen Behälter. Man muss doch kompostieren. Man muss doch seine Träume leben, nach Höherem streben, nach vorne und hinein in die Zukunft. Man muss doch jeden Moment auskosten, jeden Tag … Weiterlesen Was man tun muss.

Explosion.

Irgendwann fällt man vom Rad und bleibt liegen. Kein Knall, kein Geräusch, nur eine stumme Explosion, eine Detonation ohne Ton. Da werden Tage gestapelt, Wochen und Jahre, ein bunter Haufen aus Lebensfragmenten, man nimmt alles mit und speichert es ab, es sammelt sich an und häuft sich. Man baut sich ein Haus, man baut sich … Weiterlesen Explosion.

Tränen in der Sahara.

Man verliert sich aus den Augen, aus den Augen aus dem Sinn, die Entfernung zwischen dem besinnungslos Bedingungslosen und dem sinnlosen Ding wird oftmals in Jahren gemessen, mitunter in Monaten, Wochen, Tagen, und die Jahre und Tage versickern im Boden wie Tränen im Sand, und wenn sich die Zeit zwischen Menschen drängt, liegt selbst das … Weiterlesen Tränen in der Sahara.

Stavros.

Letzthin sah ich Stavros. Er trug Arbeitskleidung und stieg gerade aus einem Auto und ging zu einem Kiosk und sah noch immer genau gleich aus wie früher. Nun sehen nahezu alle Menschen gleich aus wie früher, wenn dieses Früher fünfzehn Minuten zurückliegt, doch in diesem Fall reichte das Früher rund fünfzehn Jahre in die Vergangenheit. … Weiterlesen Stavros.

Dinosaurier.

Stegosaurus, Pterodactylus, Diplodocus, Spinosaurus, Triceratops, Tyrannosaurus Rex, Ceratosaurus – sie kannte sie alle, natürlich auch den Brachiosaurus, den mochte sie am liebsten, damals als Kind. Zwar hörte sie oft, dass Dinosaurier etwas für Jungs wären, während sie sich als Mädchen doch besser für Ponys und Pferde interessieren solle, doch Ponys und Pferde waren ihr vollkommen … Weiterlesen Dinosaurier.

Ein Fötus im Aufzug ohne Zeit und Gewicht.

Ein seltsames Knirschen, ein Knacken, dann der ruckartige Stopp, das kurzzeitige Flackern der Neonbeleuchtung. Und schließlich Stille. Der Aufzug steckt zwischen den Stockwerken, im architektonischen Niemandsland. Ein Kasten aus Kunststoff und Metall, verharrend zwischen den einzelnen Fragmenten der Zeit, einer Zeit, die ausgesperrt bleibt, wie alles andere. Er überlegt kurz, ob er sich unwohl fühlt, … Weiterlesen Ein Fötus im Aufzug ohne Zeit und Gewicht.

Gelb.

Vielleicht ging es gar nie um die Strumpfhosen. Er meinte, die Farbe sei schrecklich und ihre Beine seien dick und krumm, er könne die gelben Dinger nicht mehr ertragen, sie seien eine Beleidigung für sein Auge. Er sprach mit einer süffisanten Selbstgefälligkeit in der Stimme, schleuderte ihr weitere unschöne Worte entgegen, und sie, sie schleuderte … Weiterlesen Gelb.

Unstern.

Träge zerrinnen die Tage, der Schleim der Vergangenheit liegt über den Dingen, ein belangloses Dasein im fahlen Licht eines Unsterns. Es geht längst nicht mehr um halbvolle oder halbleere Gläser, sie sind alle ausgetrunken und liegen in Scherben, und all die Scherben der Welt, sie bringen kein Glück, sie schneiden nur in die Haut, reißen … Weiterlesen Unstern.

Raketenrucksack.

Es war 1984, im Fernsehen lief eine Zusammenfassung der Eröffnungszeremonie der Olympischen Sommerspiele in Los Angeles. Irgendwann schwebte ein Mann ins Stadion. Die Stimme im Fernseher nannte das Ding auf seinem Rücken wahrscheinlich Jetpack. Für mich war es ein Raketenrucksack. Dieser Raketenrucksack war die Zukunft. Meine Zukunft. Ich war überzeugt, dass sich bald alle Menschen … Weiterlesen Raketenrucksack.

Das Gift der Biene.

Wenn sie den Atem anhält und die Augen schließt, hört sie das Summen, spürt das sanfte Vibrieren. Manchmal wohnt einem Flügelschlag die gewaltigste Kraft inne. Manchmal erzählt eine kleine Bewegung eine größere Geschichte als jedes Buch. Und manchmal überdauert eine Berührung alle Zeiten. Bienen verfügen über eine visuelle Erinnerung, eine Art Landkarte im Gedächtnis. Damals … Weiterlesen Das Gift der Biene.