Bodenlose Liebe.

Es ist schwierig, von Liebe zu schreiben, ohne sich in Peinlichkeiten und Limitierungen zu verlieren. Kaum ein anderes Wort muss sich so viel gefallen lassen, kaum eines kommt so inflationär zum zweifelhaften Einsatz wie eben jene Liebe. Ein örtlicher Kleinbetrieb ist auf Teppiche spezialisiert und wirbt mit dem Versprechen: Sie werden Ihren Boden lieben. Ich … Weiterlesen Bodenlose Liebe.

Fallende Vasen.

Die Vase. Sie steht auf dem Tisch, scheinbar robust, mit Mustern bemalt, mit Blumen gefüllt. Wo sie ist, gehört sie hin, es ist ihr Platz in der Welt. Doch dann, vielleicht eine unglückliche Bewegung, ein unsachgemäßer Umgang, eine Unachtsamkeit, und die Vase, sie fällt zu Boden, zerbricht in einzelne Teile, kleine Fragmente splittern ab. Scherben … Weiterlesen Fallende Vasen.

Das Leben, ein Haus.

Jeder Mauerstein erzählt von der Zeit und den Dingen, die sie mit sich trug. Jeder Dachziegel ist Zeuge der Jahreszeiten, der kalten Winde und der heißen Sommertage. Die Wände, sie zeigen ihre Wunden, die Holzbalken ächzen hin und wieder unter dem Gewicht, und der Boden, er knarrt an gewissen Stellen ob des Drucks. Das Haus, … Weiterlesen Das Leben, ein Haus.

Nathanael und die Liebe.

Die Mutter fluchte und blutete, als Nathanael das Licht der Welt erblickte. Er verstand keines der Worte, die sie ähnlich gewaltsam zwischen ihren schmalen Lippen herauszupressen schien wie zuvor bereits seinen kleinen Körper zwischen ihren Schenkeln, doch sie klangen höchst unzufrieden, die Worte, und Nathanael hatte ein schlechtes Gewissen. Sein Vater war nicht zugegen. Später … Weiterlesen Nathanael und die Liebe.

Gut ist, was zählt.

Wir hadern damit, dass die Liebe kein Monopol hat, dass wir sie fühlen und trotzdem weinen, trotzdem wüten, und das Leben, das wir leben, ist so, wie es sein soll, und dennoch reibt es uns auf, in gewissen Momenten, der kalte Wind schlägt uns ins Gesicht, lässt Lächeln gefrieren, und manchmal öffnen wir Ventile, der … Weiterlesen Gut ist, was zählt.

Das Atmen der Körper.

Die Welt brennt und wütet, alles ist Schall und Rauch, doch in der Dunkelheit des Raumes ist es still, beinahe, nur das Atmen der Körper ist zu hören; ihre Haut ist warm und weich, mehr als eine Hülle, und nachtblind folgen seine Hände den Konturen, den unsichtbaren Wegen durch vertraute Formen; sie drängen zueinander, wie … Weiterlesen Das Atmen der Körper.

Fünf Monate.

Eines Tages kam die Meldung. Man sei sich sicher, es gebe keine Zweifel. Die Welt werde untergehen, vollkommen, in sechs Monaten. Die Menschen, sie mochten es zuerst nicht glauben, beharrten auf einem Irrtum, doch immer mehr stellte sich Gewissheit ein. Panik breitete sich aus, blinde Wut entlud sich, wo sie nur konnte. Dann verfiel alles … Weiterlesen Fünf Monate.

Die bessere Hälfte.

Erst du machst mich komplett. Ohne dich bin ich nicht ganz. Bin nur ein halber Mann. Das klingt doch wahnsinnig romantisch. Es klingt vor allem wahnsinnig. Und ziemlich unsinnig. Halbe Männer – und auch halbe Frauen – sehen sich nicht nur beim Fahrradfahren mit ungemütlichen Einschränkungen konfrontiert. Frustrationen beim Kleiderkauf sind vorprogrammiert, von sexuellen Aktivitäten … Weiterlesen Die bessere Hälfte.

Ein, aus, dich.

Von der Stelle hinter deinem Ohr über die Wange hin zum zarten Duft deines Halses; einatmen, ausatmen, dich atmen; von den Schulterknochen über das leise Beben deines Brustkorbs hin zu den sanften Rundungen deine Brüste; einatmen, ausatmen, dich atmen; von deinem warmen Bauch über das leichte Heben deiner Hüften hin zum zarten Flaum in deinem … Weiterlesen Ein, aus, dich.

Brief an Erich Fried.

Geschätzter Herr Fried Aus stetig aktuellem Anlass versuche ich, ein Gedicht zu schreiben. Es soll von der Liebe handeln, sie aber nicht beim Namen nennen, es soll dieses Gefühl in Worte der Lyrik kleiden, oder in Prosa, ganz bestimmt in Buchstabenansammlungen. Bereits habe ich unzählige Federn zerschlissen, doch die richtigen Sätze, sie gedeihen nicht. Und … Weiterlesen Brief an Erich Fried.

Ein Krokodil, eine Libelle, zwei Körper.

Ein Krokodil am Himmel; langsam öffnet es sein gewaltiges Maul, sein Schwanz windet sich. Eine Libelle in der Luft; unaufhörlich folgt sie ihrer Route, verharrt nur manchmal in der Schwebe. Zwei Körper auf einer Wiese; nackte Haut, keine Zwischenräume, jede Bewegung verdichtet das Spiel. Das Krokodil schnappt zu, gelassen und träge, verschlingt seine unsichtbare Beute. … Weiterlesen Ein Krokodil, eine Libelle, zwei Körper.

Ein Satz über das letzte Wort.

Man sagt oft, Frauen hätten das letzte Wort, und angesichts der Tatsache, dass die statistische Frau einige Jahre länger lebt als der statistische Mann und somit noch sprechen kann, wenn der geschlechtliche Kontrahent längst verstummt ist, wohnt diesem Klischee durchaus ein Körnchen Wahrheit inne, doch ich kenne keine statistische Frau, übrigens auch keinen statistischen Mann … Weiterlesen Ein Satz über das letzte Wort.

Das vierte Bein.

Schon seit Stunden trottet ein unbekannter dreibeiniger Hund neben ihm her, sein viertes Bein im Maul. Es ist ein trauriges Bild, und der alte Mann mag es nicht mehr sehen. Also nimmt er dem Hund das Bein aus dem Maul und schiebt es sich selbst zwischen die Zähne. In der Hand tragen will er es … Weiterlesen Das vierte Bein.