Wenigstens den Sand.

Draußen scheißt der Hund auf den Bürgersteig. Scheißhund, sagt sie leise, doch niemand ist da, um sie zu hören. Sie schaut weiterhin aus dem Fenster und schüttelt langsam ihren Kopf. Natürlich kann der Hund nichts dafür. Kein Mensch ist zu sehen, nur der Hund. Vielleicht ist dann gar niemand schuld. Manchmal wünscht sie sich, die … Weiterlesen Wenigstens den Sand.

Wolf.

Ein Fensterladen hängt schief in den Angeln. Das ist nicht neu, das ist schon seit Jahren so, und eigentlich müsste man ihn reparieren, vielleicht sogar ersetzen, aber sie tun es nicht. Ach, das lohnt sich gar nicht mehr, sagen sie, falls sie überhaupt etwas sagen und nicht nur mit den alten Schultern zucken. Sie, das … Weiterlesen Wolf.

Das Schweigen der Stadt.

Die Konturen der fernen Landschaft sind unverändert, die Zeit hat höchstens einige Dellen hinterlassen. Aber schon am Rand der kleinen Stadt ist nahezu nichts mehr so wie früher, die Erinnerungen scheinen Trugbilder zu sein, die charmanten Holzhäuser mussten grauen Klötzen weichen. Sie fährt ihren kleinen Fiat an den Straßenrand und steigt aus, legt die Unterarme … Weiterlesen Das Schweigen der Stadt.

Der traurige Hund ist tot.

Da ist ein trauriger Hund am Himmel, mit hängendem Kopf blickt er über den nahen See. In einiger Entfernung ist eine Atombombe explodiert, daneben hockt ein dünnes Kaninchen. Schon in einer Stunde wird alles anders sein, morgen werden andere Wolken am Himmel stehen, irgendwann wird alles vorüber sein, und er fragt sich, ob es zu … Weiterlesen Der traurige Hund ist tot.

Kanten.

Er gibt sich wirklich Mühe. Er lässt sich Zeit. Er hat Kerzen angezündet, mit Vanilleduft. Sie verspürt einen leichten Brechreiz, aber er hat es zweifellos gut gemeint. Seine feuchten Lippen eilen über ihren Bauch. Hin und wieder ertönt ein sabberndes Geräusch, es klingt, als würde ein sehr alter Hund abgestandenes Wasser aus einem Edelstahlnapf schlürfen. … Weiterlesen Kanten.

Widerstand.

Einer sitzt im Fußballstadion, mit zwanzigtausend anderen Menschen, und manchmal singen sie, manchmal rufen sie, manchmal klatschen sie. Als die Heimmannschaft ein Tor schießt, springen alle auf und jubeln, nur er nicht. Er bleibt sitzen und sieht sich um, stumm und still. Später gleicht die gegnerische Mannschaft aus, und andere Menschen jubeln, doch er bleibt … Weiterlesen Widerstand.

Revolution und Weisheit.

Ein wohl etwa 50 Jahre alter, aber sehr sportlich und dynamisch wirkender Zahnarzt mit akkurat gepflegtem Haupthaar und eleganter Designerbrille zertrümmerte einst Leos Weisheitszahn. Er sagte, anders hätte er ihn nicht entfernen können. Der Zahnarzt fuhr einen großen schwarzen BMW, einen Geländewagen, obwohl er gar nicht im Gelände wohnte, sondern in der Stadt, in jenem … Weiterlesen Revolution und Weisheit.

Jenseits der Schnellstraße.

Seine Frisur war fürchterlich. Er wohnte nebenan, war drei Jahre jünger als ich, und damals waren diese drei Jahre von gigantischen Dimensionen, sie ließen sich kaum einschätzen. Sein Name war Thomas, und eigentlich mochte ich Thomas nicht. Er war nicht nur schrecklich jung, sondern auch schrecklich langweilig, ziemlich dumm und zugleich ziemlich laut. Und eben, … Weiterlesen Jenseits der Schnellstraße.

Figlock.

Ihr Vater sagte ihr einst, es sei keine Schande, zu weinen, solange die Tränen dem Herzen entsprängen und nicht dem Kopf. In seinen Worten und mit seiner Stimme klang das so wichtig und richtig, so weise und wahrhaftig. Wenn sie den Satz auf ein Blatt Papier schreibt, fällt es ihr mitunter schwer, überhaupt zu verstehen, … Weiterlesen Figlock.

Neun Augenblicke.

Ein Mann fährt allein in seinem Mitsubishi auf der Autobahn, als er ein anderes Fahrzeug überholt, an dessen Steuer ein Mann sitzt, der genau gleich aussieht wie er, zumindest der Kopf und das Gesicht scheinen identisch; sogar der leichte Knick im Nasenrücken ist da, und während sich die Blicke der beiden Männer treffen, gerät der … Weiterlesen Neun Augenblicke.

Amadou.

Die Rollen sind klar verteilt. Man hat unter anderem die Aufgabe, bei Bedarf Kleider an Bewohner der Flüchtlingsunterkunft abzugeben, strikt nach Anweisung durch die Zentrumsleitung. Er braucht eine Hose und ein Shirt oder Hemd und wurde deshalb in den Raum geschickt, den sie hier Boutique nennen. Sein Name ist Amadou. Seine Haut ist tiefschwarz, die … Weiterlesen Amadou.

Fünf Minuten.

Sie reden von Flüchtlingsströmen, von einer Flut, die uns überrollt. Sie reden von Grenzschutz, von Verteidigungsmaßnahmen, gerade so, als wäre man im Krieg. Sie reden von Überfremdung, von Migrationsdruck, von Wirtschaftsflüchtlingen. Sie reden von Islamismus, von Terrorismus, von Invasion, von brutalen Horden. Sie reden von nationaler Identität, von einem drohenden Kollaps, vom Ende Europas. Sie … Weiterlesen Fünf Minuten.

Gerinnung.

Mit dem Kopf gegen die Wand, mit dem Kopf gegen den Spiegel, immer wieder. Ein Gesicht in Scherben, zersplittertes Leben, einige Tropfen Blut vielleicht. Alles gerinnt, trocknet ein, trocknet aus. Das Lächeln ist eine Lüge, doch was ist überhaupt noch wahr? Der Blick klammert sich an vage Punkte in der Ferne, dann wieder an einen … Weiterlesen Gerinnung.

Fallende Klaviere.

Sein Leben war gar wunderlich wunderbar, es gab nichts, woran ihm mangelte, sowohl in materieller als auch in immaterieller Hinsicht war er mit nahezu grenzenlosem Reichtum gesegnet, und selbst die kühnsten Träume und Sehnsüchte waren bei ihm lediglich Vorboten einer Realität, die sich früher oder später manifestieren und dabei die besagten Träume und Sehnsüchte an … Weiterlesen Fallende Klaviere.

Auf der Flucht.

Niemand ist uns auf den Fersen, nichts hat uns vertrieben, kein Krieg, kein Beben; dennoch sind wir auf der Flucht, wir beide gemeinsam, denn diesen Fluchtweg geht man nicht alleine, und so liegen wir in der kühlen Dunkelheit eines Zimmers und entfernen uns zugleich von selbigem, entfernen uns von Raum und Zeit; wir sind auf … Weiterlesen Auf der Flucht.

Am Dorfbach.

Jeder im Dorf kennt den J. Der J. ist einer, den man ein Original nennt, einen richtigen Typen. Der J. ist schon sehr früh alt geworden, doch er ist noch lange nicht alt genug, um zu sterben. Er arbeitet nicht mehr, und obwohl er sein Leben lang geschuftet hat, muss er nun vegetieren wie ein … Weiterlesen Am Dorfbach.

Wenn, dann.

Wenn man nicht noch die Nase hätte putzen müssen, dann wäre man früher aus dem Haus gekommen und hätte das Pony mit den kurzen Beinen nicht gesehen, das zügellos über die Straße lief. Wenn man nur einen halben Meter weiter rechts gegangen wäre, dann wäre man nicht auf dem Glatteis ausgerutscht. Wenn man nichts gesagt … Weiterlesen Wenn, dann.

Konservendosen.

Ein mittelgroßer Supermarkt hat das Haus, in dem sie aufwuchs, vollständig verschlungen; wo früher ihr Schlafzimmer war, sind heute die Konservendosen mit den winzigen Möhren und dem Mexiko-Mais-Mix und den Senfgurken und den kleinen Maiskolben, und während sie vor dem Regal steht und sich fragt, ob Mexiko-Mais-Mix in Mexiko auch Mexiko-Mais-Mix heißt, spürt sie einen … Weiterlesen Konservendosen.

Das verlorene Schloss.

Man fährt beinahe täglich, mit dem Zug oder mit dem Auto, daran vorüber, an jenem verwitterten Schild, das den Weg durch den Wald zu einem Schloss weist. Das Schild hat Rost angesetzt, eine Ecke ist leicht abgeknickt. Das Schloss selbst steht in einer Waldlichtung auf einer kleinen Anhöhe. Im Sommer, wenn die Bäume ihr dichtes … Weiterlesen Das verlorene Schloss.