Das relative Meer.

Sie war noch nie am Meer, und wenn sie das sagt, sind die Leute überrascht. Echt jetzt? Aufrichtiges Erstaunen. Wirklich? Der Klang der Stimmen erzählt von Ungläubigkeit und Verwunderung, aber nicht selten auch von einer gewissen Herablassung, von den unliebsamen Seiten des Mitleids, von einem Ungleichgewicht in den Biografien. Danach folgt meistens das Belehrende. Da … Weiterlesen Das relative Meer.

T. und Raumschiff.

Irgendwann stand es einfach da, auf einem grünen Feld, weit hinter den Straßen und den Bürgersteigen, weit weg von den Dächern und gepflegten Gärten. Niemand wusste, woher es gekommen war und wer sein Auftauchen veranlasst hatte. Man war überzeugt, dass ein solches Unterfangen keinesfalls hätte unbemerkt bleiben können, und doch fiel das Raumschiff erst auf, … Weiterlesen T. und Raumschiff.

Ein Moment ohne Ort.

Jemand sagte ihr einst, ein Moment erhalte seine Form erst im Rückblick, im Erinnern. In der Gegenwart, also in ihm selbst, lasse sich der Moment gar nicht erfassen und greifen. Somit, denkt sie sich, müsste jedes Bild, das man von einem Moment hat, erst nach diesem Moment entstanden sein. Was bedeuten würde, dass es gar … Weiterlesen Ein Moment ohne Ort.

William Wilson und das ungewisse Etwas.

Der Satz steht da, auf einem Stück Papier, das an der Wand hängt, ausgeschnitten aus der Modestrecke eines populärkulturellen Magazins, wo es seltsam unpassend wirkte, weitaus unpassender als hier an der Wand. «Bis ans Ende der Welt floh ich vergebens.» Ein Fragment aus «William Wilson», einer Geschichte von Edgar Allen Poe. Ein Zusammenhang des Satzes … Weiterlesen William Wilson und das ungewisse Etwas.

Vera.

Sie konnte alles haben, konnte jeden haben, und Vera tat, was Vera konnte, obwohl es nicht war, was Vera wollte. Sie wollte gar nicht alles haben. Auch nicht jeden. Irgendwann ist alles zu wenig. Und irgendwann riechen alle Männer gleich. Manchmal hätte sie Blumen pflücken wollen. Äpfel stehlen. Die Fenster putzen. Die einfachen Dinge. Sie … Weiterlesen Vera.

Enttäuschende, Kinder.

In einem wunderbaren Film erzählt eine junge Frau davon, wie sie von ihrem Vater physisch und psychisch missbraucht wurde, doch sie schildert nicht die Fakten, sondern liest eine kurze Kindergeschichte vor, die sie geschrieben hat, und diese Kindergeschichte, sie handelt von einem Oktopus, der einen Freund sucht und glaubt, diesen in einem Hai gefunden zu … Weiterlesen Enttäuschende, Kinder.

Der Sündenbock.

Sie braucht ihn, braucht ihn dringend, braucht einen Sündenbock. Denn der Sündenbock ist das einzige Tier, das ihr helfen könnte, das einzige Tier, das sie retten könnte. Doch der Sündenbock, er ist des Einhorns finsterer Bruder, und wenn sie die Augen aufschlägt, zerfallen beide Kreaturen gleichermaßen im grellen Licht der Realität, fallen der Welt zum … Weiterlesen Der Sündenbock.

Muskelzucken.

Es waren immer nur ein paar Muskeln, die sie bewegen musste, es kostete nichts und war keineswegs anstrengend, ihr Lächeln, sie zeigte es gern und oft, eigentlich fast immer, es war ein Geschenk, es war wie ein Blumenstrauß, den man kauft, wenn man eingeladen ist, weil man doch etwas mitbringen muss, aber nicht weiß, was … Weiterlesen Muskelzucken.

Die Lüge der Zeit.

Manchmal hört er die alten Lieder. Einige klingen seltsam dumpf, als spielte man sie in einer Höhle oder unter einer Decke. Andere hingegen hallen im Innern wieder, der ganze Körper ist ein Resonanzkasten, alles ist so präsent, so gegenwärtig. Musik, wie auch Filme oder Bücher oder Bilder, sie altern nicht linear und gleichmäßig. Er ist … Weiterlesen Die Lüge der Zeit.

Was man tun muss.

Man muss doch den Müll trennen, die alten Zeitungen in die Altpapiersammlung geben, die leeren Flaschen in den Glascontainer werfen und Batterien in die dafür vorgesehenen Behälter. Man muss doch kompostieren. Man muss doch seine Träume leben, nach Höherem streben, nach vorne und hinein in die Zukunft. Man muss doch jeden Moment auskosten, jeden Tag … Weiterlesen Was man tun muss.

Fünf Minuten vor Ladenschluss.

Die adrett gekleideten Staatsmänner, sie schütteln sich die frisch gewaschenen Hände und gratulieren sich gegenseitig zum Erreichen einer Übereinkunft, die den schönen Schein wahrt. Der erschöpfte Langstreckenläufer weint Tränen des Glücks, während ein konserviertes Sinfonieorchester seine Rührung mit einer pathetischen Hymne untermalt, um seinen Sieg zu zelebrieren. Ein Gameshow-Kandidat ballt die Faust und reckt sie … Weiterlesen Fünf Minuten vor Ladenschluss.

Gedachte Teile.

Oft fragt man sich, was eigentlich los ist, was eigentlich geschieht, und eigentlich ist die Antwort ziemlich egal, es geht nicht um die Antwort, es geht um die Frage, die man sich stellt, denn solange man noch fragt, beweist man Interesse, ist noch am Leben oder zumindest nah dran. Man könnte sich seinen Teil denken, … Weiterlesen Gedachte Teile.

Unterwassertränen.

Da ist ein Knoten in der Zunge, wenn sie von Angst und Liebe spricht, aber sie versteht nicht, warum andere verstehen sollten, was sie selbst nicht versteht. Ihre Knochen sind Schwemmholz, ihre Haare wachsen algengleich in die Tiefe. Sie weint nur unter Wasser, das ist Vorsicht, das ist Rücksicht, das ist Absicht. Sie schwimmt nicht … Weiterlesen Unterwassertränen.

Auf Allgemeinplätzen.

(Man liegt auf einer Wiese in einer Nacht voller Sterne, und wenn man den Kopf schnell bewegt, gehen tausend Sternschnuppen nieder, doch man wünscht sich nichts, weil man weiß, dass es keinen Zweck hat, und vielleicht auch, weil man betrunken ist, die Stimmen schwirren durch die warme Luft, alles klingt vertraut und fremd zugleich, und … Weiterlesen Auf Allgemeinplätzen.

Undenkbar.

«Was denkst du?» will sie wissen, und er zuckt zusammen, denn er hat mit der Frage gerechnet, weiß aber trotzdem nicht, was er darauf antworten soll. Zwar ist es nicht so, dass er nichts denkt, doch er schätzt es sehr, seine Gedanken innerhalb der sicheren Grenzen seines Kopfes zu wissen, und ist nicht sonderlich erpicht … Weiterlesen Undenkbar.