Ichs.

Bisweilen entfernt man sich von einer Version des eigenen Ichs so weit, dass man sich in den Erinnerungen kaum mehr zu erkennen vermag, und womöglich kehrt man in Gedanken zurück ins Kinderzimmer, sieht sich um und sucht nach vertrauten Bildern, doch alles bleibt vage und verschwommen, da sind keine greifbaren Formen, da ist keine Klarheit, … Weiterlesen Ichs.

Viersamkeit.

Man kennt sich seit Jahren, da ist jene Vertrautheit, die vieles selbstverständlich macht. Mara heißt eigentlich Maria, aber außer ihrer Mutter nennt sie niemand bei diesem Namen; alle haben akzeptiert, dass sie sich als Mara begreift, vor allem Felix, ihr langjähriger Freund und Vertrauter. Felix hat eine große krumme Nase, ist davon abgesehen aber ein … Weiterlesen Viersamkeit.

Wolken über Paris.

Am Abend zuvor stand die Vase noch nicht auf dem Tisch. Sie weiß es ganz genau, zumindest glaubt sie, dass sie es ganz genau weiß. Sie starrt auf das kleine Gefäß, auf die abgesplitterte Kante, auf die trockenen Blumen, als wäre darin eine Antwort zu finden, eine Gewissheit zu erlangen. Doch die Vase steht einfach … Weiterlesen Wolken über Paris.

Die alte Kälte.

Man mag ihn nicht, hat ihn nie gemocht. Vielleicht hat man es zu Beginn noch versucht, aber nie wirklich geschafft, und irgendwann hat man dann wohl aufgehört, es überhaupt in Betracht zu ziehen. Man hat sich damit abgefunden, dass man gewisse Menschen liebenswert oder sympathisch findet, er aber nicht zu diesen Menschen zählt. Die Abneigung, … Weiterlesen Die alte Kälte.

Pluto.

Irgendwann verlor er das Gefühl in den Füssen und den Boden darunter, füllte die entstandene Leere mit Gift und Galle, starrte ins Nichts, und später, sehr viel später wachte er auf, die Haut trocken und spröde, die Hose zerschlissen, und er fragte sich, ob die Jahre, die er verloren hatte, je von jemandem gefunden werden … Weiterlesen Pluto.

Ein Moment ohne Ort.

Jemand sagte ihr einst, ein Moment erhalte seine Form erst im Rückblick, im Erinnern. In der Gegenwart, also in ihm selbst, lasse sich der Moment gar nicht erfassen und greifen. Somit, denkt sie sich, müsste jedes Bild, das man von einem Moment hat, erst nach diesem Moment entstanden sein. Was bedeuten würde, dass es gar … Weiterlesen Ein Moment ohne Ort.

Finger.

Wir werden es alle gewusst haben, und auch wenn sich nichts ändern wird, und auch wenn es zu spät sein wird, werden wir sagen können, dass wir es gewusst haben, dass wir die Zeichen erkannt haben, dass es viele Zeichen waren, deutliche Zeichen, unzählige Fingerzeige, die eigentlich niemand hätte übersehen können, und wir werden sagen … Weiterlesen Finger.

Unstern.

Träge zerrinnen die Tage, der Schleim der Vergangenheit liegt über den Dingen, ein belangloses Dasein im fahlen Licht eines Unsterns. Es geht längst nicht mehr um halbvolle oder halbleere Gläser, sie sind alle ausgetrunken und liegen in Scherben, und all die Scherben der Welt, sie bringen kein Glück, sie schneiden nur in die Haut, reißen … Weiterlesen Unstern.

Super.

Als sie damals am frühen Morgen im Badezimmer stand und die Frau im Spiegel auf ihre Frage, wie sie sich fühle, mit dem Wort Super antwortete, hatte sie es noch gar nicht bemerkt. Doch dann wollte sie einen ziemlich schweren Tisch in ihrer Wohnung ein wenig zur Seite rücken und warf ihn stattdessen ungewollt an … Weiterlesen Super.

Akrophobie.

Eine rhythmisch blinkende Sternschnuppe gleitet langsam über den Himmel, der Mond steht zur Hälfte gefüllt über den fernen Hügeln, die Luft ist klar und kalt. Unter ihm das Wasser, ein unstillbares Rauschen, und vielleicht zum ersten Mal hat er Angst. Höhenangst. Früher konnte er auf dem Geländer sitzen, einige Male gar stehen, auf der unteren … Weiterlesen Akrophobie.

Vierzehn Sorten Milch.

Es ist Zeit für neue Definitionen. Die alten Erklärungen, sie taugen nicht mehr, sie haben vielleicht nie getaugt, sie riechen längst seltsam, es stinkt nach toter Materie, und er hat die Nase voll. Er sitzt auf seinem weißen Plastikstuhl auf dem Balkon und blickt nach unten auf den kleinen Spielplatz vor dem Haus, wo einige Kinder … Weiterlesen Vierzehn Sorten Milch.

Der Rebell.

Die Straße überquert er erst, wenn die Ampel in tiefstem Grün erstrahlt, und wenn die Ampel defekt ist, wird er sehr unsicher und zittert ein wenig. In seinem Kühlschrank sind zehn Thermometer an verschiedenen Stellen, und die Lebensmittel lagert er nur in jenen Bereichen, in welchen die Temperatur für das entsprechende Gut ideal ist. Manchmal … Weiterlesen Der Rebell.