Ein Satz über das letzte Wort.

Man sagt oft, Frauen hätten das letzte Wort, und angesichts der Tatsache, dass die statistische Frau einige Jahre länger lebt als der statistische Mann und somit noch sprechen kann, wenn der geschlechtliche Kontrahent längst verstummt ist, wohnt diesem Klischee durchaus ein Körnchen Wahrheit inne, doch ich kenne keine statistische Frau, übrigens auch keinen statistischen Mann … Weiterlesen Ein Satz über das letzte Wort.

Die lächerliche und fiktive Biografie von Francesco.

Vor gefühlten Jahrzehnten, als Unmengen von Zeit in meiner Welt herumlagen, die es totzuschlagen galt, um mich von Gedanken an meine Arbeitslosigkeit und die Irrelevanz meiner Existenz abzulenken, gewöhnte ich mir an, diesem Totschlagen die Form von täglichen Ausflügen zum Supermarkt meines Vertrauens zu geben, der glücklicherweise nur wenige Gehminuten von meiner Wohnung entfernt lag. … Weiterlesen Die lächerliche und fiktive Biografie von Francesco.

Hinter Gittern.

Man muss kein Verbrechen begehen, um im Gefängnis zu landen, es bedarf keiner Mordwaffe, keines Blutvergiessens, um sich der Freiheit zu berauben, und auch ohne Prozess und Schuldspruch kann man zum Leben hinter Gittern verurteilt werden, ein Leben auf wenigen Quadratmetern, zwischen stummen Mauern, und da ist nicht genug Raum, um nach hinten fallen zu … Weiterlesen Hinter Gittern.

Leben in Zahlen.

Man kann vorsichtig schätzen, wie viele Jahre man als Lebewesen verbringen wird, kann diesen Wert in Tage umrechnen, das Resultat als Nenner festlegen und so zumindest in der Theorie die bruchteilhafte Bedeutung eines Tages im Vergleich zum ganzen Leben definieren. Man kann die Dauer des Schlafes in Relation zu den Stunden eines Tages stellen und … Weiterlesen Leben in Zahlen.

Sie erzählen von der Welt.

Sie erzählen vom pulsierenden Leben in den Strassen von New York und von den endlosen Sandstränden auf den Malediven. Sie erzählen von friedvoller Ruhe in den Wäldern Norwegens und von gestillter Abenteuerlust in Australien. Sie erzählen von der Welt und sie lügen. Die Postkarten, sie hängen in unseren Küchen und Fluren, kleine Fenster, ein Ausblick … Weiterlesen Sie erzählen von der Welt.

Wir müssen aufpassen, dass wir keine Finger im Ärmel verlieren.

Als ich seinen kleinen Arm sanft in den Ärmel führe, sage ich ihm in gespieltem Ernst, wir müssten aufpassen, dass die Hand nicht im Ärmel verloren gehe. Er hat keine Angst, doch er schaut gespannt auf die Öffnung am Ende des weichen Stofftunnels, und als die ersten Finger auftauchen, lacht er laut auf, und wir … Weiterlesen Wir müssen aufpassen, dass wir keine Finger im Ärmel verlieren.

Gefrässige kleine Monster.

Was ist von Bedeutung? Wäre jeder Moment kostbar, würde das Leben aus allen Nähten platzen. Hätte jede Erinnerung enormen Wert, würde die Gegenwart verblassen und verkümmern. Womöglich ist es erschreckend, sich zu fragen, was wirklich wichtig ist, und erkennen zu müssen, wie kurz die Antwort sein kann. Womöglich scheut man deshalb die Frage. Oder sie … Weiterlesen Gefrässige kleine Monster.

Das vierte Bein.

Schon seit Stunden trottet ein unbekannter dreibeiniger Hund neben ihm her, sein viertes Bein im Maul. Es ist ein trauriges Bild, und der alte Mann mag es nicht mehr sehen. Also nimmt er dem Hund das Bein aus dem Maul und schiebt es sich selbst zwischen die Zähne. In der Hand tragen will er es … Weiterlesen Das vierte Bein.

Im Rahmen.

Es mag unendlich sein, das Universum, doch das Bild, das wir uns davon machen, rahmen wir ein. Wir entscheiden, was wir sehen wollen und wo dieser Anblick seine Grenzen finden soll. Alles hat im Rahmen zu bleiben; im Rahmen des Möglichen, im Rahmen des Machbaren, im Rahmen unserer Vorstellungen. Wer aus dem Rahmen fällt, der … Weiterlesen Im Rahmen.

In der Nacht zwischen gestern und heute.

Gestern war alles so leicht, so frei, so bunt auch, beseelt von Unbeschwertheit, manchmal für Augenblicke zerstört, jedoch umgehend regeneriert. Gestern, das war ein leerer Plastiksack, tanzend im Wind, das waren Pusteblumen und Staumauern im Bach, die Welt hörte am Horizont auf und war dennoch unendlich. Heute schleppen wir unsere gepackten Koffer, mähen den Rasen … Weiterlesen In der Nacht zwischen gestern und heute.

Die Welt ein Rechteck.

Sie ist immer da, in ihrem Rechteck, jeden Tag, vom Erwachen bis zum letzten Licht. Es ist ein Fenster in der obersten Etage des Altersheimes. Manchmal steht sie, auf das Fensterbrett gestützt. Sie ist klein und breit. Manchmal sitzt sie, dann ist nur ein Teil des Kopfes sichtbar. Doch sie ist immer da, in ihrem … Weiterlesen Die Welt ein Rechteck.

Drei Tage nach Halbmond.

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, blüht jede Weisheit auch und jede Tugend zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern. Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne, um sich in Tapferkeit und ohne Trauern in neue, and’re Bindungen zu geben. Und … Weiterlesen Drei Tage nach Halbmond.

Haltentgleiten.

Man kann sie halten, die Dinge, ohne dem Halten einen Gedanken zu schenken, alles ist ruhig, alles ist gut. Man hält den Teller, den Taschenspiegel, man hält das gefüllte Weinglas, alles ist klar, alles selbstverständlich. Im Moment des Entgleitens ist es bereits zu spät, es gibt kein Zurück mehr, und während das Weinglas fällt, verharrt … Weiterlesen Haltentgleiten.

Sitzgelegenheit.

Da ist diese Sitzgelegenheit, und er nimmt die Gelegenheit wahr, und nun sitzt er da, am Bahnhof, inmitten von Menschen, die er nicht kennt, Menschen, die ihm eigentlich nichts bedeuten, und doch geben sie ihm viel, sie füllen die leere Zeit, von der er Unmengen hat, und das Gemurmel der Leute und das Stöckelschuhgeklapper, das … Weiterlesen Sitzgelegenheit.

Auf dem schmalen Grat.

Wir gehen auf dem schmalen Grat, denn es gibt keinen anderen Weg, dies ist unsere Route, und die Wegweiser, sie zeigen nicht nach Norden oder Westen, sondern stets auf uns. Da ist kein Handlauf, keine Brüstung, kein Seil, das uns sichert, und wenn wir fallen, fallen wir tief. Niemand wacht über uns, niemand fängt uns … Weiterlesen Auf dem schmalen Grat.

Raupen sind doof.

Raupen sind doof, Raupen sind nimmersatt, machen Salatblätter löchrig und Salatzüchter wütend. Schmetterlinge sind schön, sind herzerwärmend, kein anderes Tier darf in unseren Bäuchen fliegen. Wir preisen die inneren Werte, nichts sei uns wichtiger; jede Oberflächlichkeit bestreiten wir heftig, unser Sozialverhalten erscheint uns distinguiert, wir haben immer Recht, und sollten wir einmal falsch liegen, ist … Weiterlesen Raupen sind doof.

Du da.

Wenn all der Ballast wegfällt, wenn Tand und Trödel von den Regalen geräumt und leere Becher entsorgt sind, wenn der Zierrat verschwunden und jeder Fetzen Papier zerknüllt ist, wenn alles, was nicht benötigt wird, auch nicht mehr gebraucht wird, wenn alles, was nicht da sein muss, auch tatsächlich nicht mehr hier ist, bleibt das, was … Weiterlesen Du da.