Spucken in diesem Zusammenhang.

Männer spucken eben manchmal, findet A., seine Frau jedoch verbittet es sich, dass er seine oralen Absonderungen in der Wohnung deponiert, also geht A. im freundlichen Licht eines jungen Morgens auf den kleinen Balkon, auf welchem sich die Müllsäcke stapeln, lehnt seinen massigen Körper über die Brüstung und lässt seinem Mund einen beeindruckenden Speichelfetzen entweichen, … Weiterlesen Spucken in diesem Zusammenhang.

Das Cello.

Man sagte, sie sei seltsam. Sie sei ein wenig verrückt. Sie habe nicht mehr alle Tassen im Schrank. Man sagte, sie sei ein armes Ding, und es sei doch unglaublich schade, sie sei so eine hübsche junge Frau, und dann das. Man sagte, jemand müsste ihr doch helfen, aber man tat es nicht, man hatte … Weiterlesen Das Cello.

Aufstehen.

Der Schlossplatz in St. Petersburg. Bogside in Derry. Der Tian’anmen-Platz in Peking. Der Taksim-Platz in Istanbul. Die Plätze ändern ihre Namen. Was auf ihnen geschieht, bleibt sich gleich. Viele Menschen mit wenig Macht protestieren gegen wenige Menschen mit viel Macht, und die wenigen Menschen untermauern ihre Macht gegenüber den vielen Menschen mit allem, was in ihrer … Weiterlesen Aufstehen.

Der Protest.

Niemand konnte genau sagen, wann sie aufgetaucht oder woher sie gekommen war. Plötzlich stand sie da, am Rand des Waldes, neben einem Gehweg. Die vereinzelten Passanten musterten sie mit Blicken voller Neugier und Verwunderung, mitunter mischten sich auch Entrüstung oder eine gewisse Lüsternheit in die Augen der Betrachter. Zu Beginn wagte niemand, sie anzusprechen, nur … Weiterlesen Der Protest.

Münchhausen lacht.

Wenn man trotzdem lacht, ist es nicht immer Humor, häufig ist es keineswegs amüsant, und wenn das Scheinwerferlicht erlischt, verschmieren Tränen die Schminke des Clowns, und es muss kein böses Spiel sein, wenn die gute Miene nur ein Trugbild ist, nicht selten sind es einfach die Dinge der Zeit, die das Gesicht zur Maske gefrieren … Weiterlesen Münchhausen lacht.

Der Postbote.

Er kam jeden Vormittag um elf Uhr fünfundzwanzig. Nicht vierundzwanzig, nicht sechsundzwanzig. Genau elf Uhr fünfundzwanzig, jeden Tag, von Montag bis Freitag, und die Atomuhr, sie mag das Uhrzeitdiktat für sich beanspruchen, will genauer sein als alle anderen Uhren, doch gegen seine Präzision hätte sie nichts ausrichten können. Er war die Definition von Pünktlichkeit in … Weiterlesen Der Postbote.

Ka(t)rin.

Karin lässt ihre Hand über das Laken gleiten. Sanft und zitternd. Etwas könnte zerbrechen. Dann graben sich die Finger in den Stoff. Katrin hat das Licht gedimmt und die Kerzen angezündet, sie duften nach Rosen und Sandelholz. Sie hat die CD von Portishead eingelegt, die Musik tröpfelt leise in den Raum. Als Katrin ihren Namen … Weiterlesen Ka(t)rin.

Helden.

Martin war ein Prediger, und eines Tages stand er vor einer Viertelmillion Menschen und sagte, er habe einen Traum, und die Menschen hörten zu, und die Menschen träumten mit, und Martin erzählte weiter, erzählte von seinem Traum, und die Menschen nannten ihn einen Helden, und fünf Jahre später war er tot, und er träumte nicht … Weiterlesen Helden.

Helena.

Sie war wunderschön. Sie war damals die Schönste, schöner als der ganze Rest, und wenn es mir möglich war, sie zu sehen, war sie die einzige Frau der Welt. Es gab keine anderen Frauen mehr, nirgends. Nur sie. Helena. Helena stand am Strand eines Meeres, das ich nicht kannte. Sie trug lediglich ein Bikini-Höschen, sonst … Weiterlesen Helena.

Der Boxer.

Er wollte Forscher werden, Archäologe vielleicht. Er mochte Dinosaurier, mochte die Welt, wie sie vor Jahrmillionen war, und nur zu gerne hätte er nach Reliquien gegraben, nach Überresten aus der Kreidezeit. Später wollte er dann Langlaufprofi werden, oder Lehrer, womöglich Sportlehrer, obwohl er sich in Turnhallen merklich unwohl fühlte. Während sich seine Freunde eine Zukunft … Weiterlesen Der Boxer.

Subtraktion. Ein Tanz.

Die aufgeschürfte Stelle am Kinn. Die ungelesenen Bücher im Regal. Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Den Körper ihrer Katze, den sie damals als Kind auf der Straße fand. Die leeren Stellen in ihrer Biografie. Das Knarren der Dielen, bevor er kam. Den Hunger. Die Sehnsucht nach Wärme. Den toten Vater. Ihr Spiegelbild im ausgeschalteten Fernseher. … Weiterlesen Subtraktion. Ein Tanz.

Gegenüber.

Sie sitzen sich gegenüber, und sie sind nackt. Zwischen ihren Brüsten liegt ein Schatten, ein dunkles Tal, das über ihren Bauch zu ihrem Schoss führt. Seine Hände gleiten über ihren Körper, vorsichtig und leicht zitternd, als wäre die Haut aus dünnem Papier. Sie sind nackt. Jedoch wären sie es auch, wenn sie bekleidet wären. Sie … Weiterlesen Gegenüber.

Butter ilch.

-1- Sie sagen, sie solle doch nicht so viel Buttermilch trinken. Sie müsse sich endlich einen Fernseher anschaffen, das sei doch kein Leben ohne Fernseher. Sie solle nicht so häufig vor ihren Puzzles sitzen. Sie könne doch nicht immer so hastig gehen, da käme ja niemand mit. Sie solle doch nicht jeden Tag so früh … Weiterlesen Butter ilch.

Landschaft Eins.

Man erschafft sich seine eigene Landschaft. Den objektiven Blickwinkel gibt es nicht, man schaut immer durch die gleichen beiden Löcher aus dem Kopf hinaus in die Welt, und diese Welt, sie dringt durch die gleichen beiden Löcher hinein in den Kopf. Und dort entsteht sie, die Landschaft. DIE LANDSCHAFT IM INNERN. Es ist nicht selten … Weiterlesen Landschaft Eins.

Landschaft Zwei.

Man erschafft sich seine eigene Landschaft, und für Nichtgötter klingt das mühsam, strapaziös, doch eine Landschaftserschaffung ist eigentlich ganz einfach, man braucht keine teuren Gartengerätschaften aus dem Baumarkt und auch keinen Löffelbagger, man muss gar nicht viel tun, nur hinsehen, hersehen, herbeisehnen, sich hingeben, hineinbegeben, denn die Landschaft, sie beginnt immer dort, wo man selbst … Weiterlesen Landschaft Zwei.

Landschaft Drei.

Man erschafft sich seine eigene Landschaft. Seinen eigenen Hügel, den eigenen Buckel im Terrain. Und dann, beim Betrachten dieses Hügels, denkt man an die Beule, die man sich als kleines Kind zuzog, als man mit dem Dreirad durch die Wohnung raste und sich eine Schwelle in den Weg stellte, wodurch man an eine Ecke im … Weiterlesen Landschaft Drei.

Der kleine Polizist.

Wir nannten ihn den kleinen Polizisten. Klein war er tatsächlich, kaum größer als wir Kinder es damals waren. Und er war alt. Schon immer. Niemand konnte sich vorstellen, dass er einst ein junger Mann gewesen sein musste. Ein Polizist war er derweil nicht. Dennoch trug er eine Uniform. Sie bestand aus einem grauen Jackett, einer … Weiterlesen Der kleine Polizist.