Das Atmen der Körper.

Die Welt brennt und wütet, alles ist Schall und Rauch, doch in der Dunkelheit des Raumes ist es still, beinahe, nur das Atmen der Körper ist zu hören; ihre Haut ist warm und weich, mehr als eine Hülle, und nachtblind folgen seine Hände den Konturen, den unsichtbaren Wegen durch vertraute Formen; sie drängen zueinander, wie … Weiterlesen Das Atmen der Körper.

Irrende Ameisen

Je mehr man sich von uns entfernt, desto lächerlicher wird unser Treiben, unsere Bedeutung schwindet mit wachsender Distanz. Wir werden von Körpern und Köpfen zu irrenden Ameisen, zu einzelnen Punkten, dann zu einem kollektiven Schimmer und schließlich zu einem Klumpen. Je näher wir uns kommen, desto lächerlicher wird das Treiben der Welt, unsere Bedeutung wächst … Weiterlesen Irrende Ameisen

Oskar.

«Ach, wissen Sie, Frau Rosenthal, da können Sie noch so wild mit Ihrem kleinen jüdischen Köpfchen wackeln, Ihr Sohnemann ist und bleibt eine Null. Der steht sich doch vor Aufregung selbst auf den Schwanz, wenn er Futter wittert. Und hässlich ist er auch, Ihr Sohn! Vor allem im Vergleich zu meinem Jungen.» Die Nase von … Weiterlesen Oskar.

Sehnen, Entzündung.

Vereinzelte Klaviertöne erzählen von einer Zeit, die es längst nicht mehr gibt, von einer Zeit vor der Zeit, vergraben unter den Dingen, die sich häufen und ansammeln, unaufhörlich, und vielleicht gibt es ihn, den Moment im Leben, den man sehnlichst erreichen will, wenn man jünger ist, und an den man sich zurücksehnt, wenn man älter … Weiterlesen Sehnen, Entzündung.

Analphabeten.

A schreit und B schreit lauter, denn A glaubt, dass B etwas hat, was A gehört, während B darauf beharrt, dass es B zusteht, und C möchte derweil etwas von B, kann aber nur davon flüstern, denn eigentlich ist C auf der Seite von A, weil B etwas anderes glaubt als A und C, was … Weiterlesen Analphabeten.

Die Verschwörung und der Mann vom Schlüsseldienst.

Ich kannte ihn kaum, zumindest nicht gut genug, um mich heute noch an seinen Namen erinnern zu können. Wir verbrachten eine Woche in unfreiwilliger, staatlich diktierter Gemeinschaft, sahen uns danach vielleicht noch zwei oder drei Mal. Er rauchte die gleichen Zigaretten wie ich, manchmal reicht das schon aus, um die Fremdheit zu besiegen. Ich weiß … Weiterlesen Die Verschwörung und der Mann vom Schlüsseldienst.

Der Mann auf der Mauer.

Die Kälte atmet Wolken aus, das grelle Neonlicht vertreibt die Dunkelheit des frühen Morgens vom Bahnhofsgelände und macht die Gesichter weiß. Liebende küssen sich, als wäre der Abschied für immer, sehr wichtige Menschen sind sehr in Eile, leere Blicke fallen ins Nichts, alles wartet, alles schweigt, nur ein Mann sitzt auf einer kleinen Mauer, trinkt … Weiterlesen Der Mann auf der Mauer.

Emanzipation im Autohaus.

Eine Frau, ausgestattet mit einem zeitgemäßen Quantum an weiblichem Selbstvertrauen, betritt ein Autohaus. Sie will einen neuen Wagen kaufen und hat sich bereits für eine Marke entschieden, beim Modell und der Motorisierung ist sie jedoch noch unschlüssig. Darum ist sie hier, sie möchte sich kompetent beraten lassen. Im Verkaufsraum befinden sich keine anderen Kunden, aber … Weiterlesen Emanzipation im Autohaus.

Wie es kommt.

Wie kommt es, dass wir uns die Liebe nicht erklären können, aber tausend Gründe finden, um andere zu hassen? Wie kommt es, dass wir unsere Kinder lehren und belehren, aber als Erwachsene aufgegeben haben, aus Fehlern und überhaupt zu lernen? Wie kommt es, dass wir stets zu wissen glauben, was falsch läuft, aber in der … Weiterlesen Wie es kommt.

Gleich verschieden.

Wir sind alle gleich, doch wir sind alle gleich erzürnt, sobald jemand anders ist. Wir wären so gern einzigartig und finden es eigenartig, wenn jemand andersartig ist. Wir wollen Grenzen überschreiten, doch wir setzen Grenzen, wer die Grenze zu uns überschreiten darf. Wir gestatten jedem seine Meinung, doch wer unsere Meinung nicht teilt, dem sagen … Weiterlesen Gleich verschieden.

Womöglich Konjunktiv.

Womöglich hätte bereits ein weiteres Falschabbiegen genügt. Womöglich würde er dann in zerfetzten Kleidern durch den Morast seiner Existenz waten. Womöglich wäre diese Existenz dann auch gar nicht mehr existent. Womöglich hätte er dann mehr verletzt und wäre mehr verletzt worden. Womöglich könnte er dann viel weniger fühlen. Womöglich wäre die Liebe dann nur in … Weiterlesen Womöglich Konjunktiv.

Nackter.

Jeder Gedanke zerpflückt, jedes Wort analysiert, jede Geste bewertet, jeder Blick einsortiert, und trotzdem das Bohren in Wunden, das Schürfen nach Dingen, die nicht existieren, und wenn alles gesagt ist, wird nur noch gesprochen, wird nur noch geweint, und was klein ist, wird groß, und was groß ist, wird alles, und was alles ist, droht … Weiterlesen Nackter.

Trotz allem.

Kristalle haften an den Halmen, die Luft ist kalt und riecht nach dem Tod der alten Tage, vereinzelte Nebelfetzen hängen reglos über dem Boden, während die fernen Klagelaute eines verletzten Tieres die Stille zerschneiden. Das Feld ist karg und weit und leer. Man kann in jede Richtung gehen und kommt in jeder Richtung trotz allem … Weiterlesen Trotz allem.

Und stumm.

Unter der Zunge die Dornen, die Lippen zusammengepresste Mauersteine, unsichtbare Lichter zucken vor den schwindenden Farben des sterbenden Tages, im Hals ein unförmiger Klumpen und hinter den Augäpfeln drängen die Tränen, ständiges Blinzeln verzerrt die Zeit, irgendwo ein Schmerz, nur kurz, stechend und lähmend, einige Sterne in hektischem Tanz, der vergebliche Versuch, die Trockenheit zu … Weiterlesen Und stumm.

Winzige Diamanten.

Mit feinen Nadeln dringt die Kälte unter seine Haut, die Muskeln angespannt, um den Körper vor stetem Zittern zu bewahren. Im fahlen Schein einer alten Straßenlaterne glitzert der Asphalt vor ihm, winzige Diamanten auf schwarzem Grund, und er weiß nicht, ob der Boden lediglich feucht ist oder sich eine Eisschicht gebildet hat. Die kahlen Bäume … Weiterlesen Winzige Diamanten.