Ungespielt.

Da wohnt niemand mehr, da klammert sich nur noch der Staub der vergangenen Zeit an die Dinge, da trägt jeder Widerhall nur noch ein ewiges Schweigen mit sich. Das Pulsieren ist vorbei, der Fluss ist ausgetrocknet, alles ruht. Irgendwo steht ein Klavier, doch wenn niemand mehr die weißen und schwarzen Tasten drückt, erklingt kein Ton … Weiterlesen Ungespielt.

Altpapier.

Sie wohnte im großen Backsteinhaus am Ende der Straße, in diesem unförmigen Brocken mit breiten Wänden und riesigen Fenstern. Hin und wieder sah er sie, wie sie auf hohen Schuhen über den Asphalt ging, ruhig und beinahe schwebend. Sie war schlank, ihr Rücken außergewöhnlich gerade, die hellen Haare flossen in sanften Wellen ihrem Gesicht entlang, … Weiterlesen Altpapier.

Dort, ein Buch.

Einst, vor vielen Jahren, stand ich in einer Buchhandlung im engen Raum zwischen den Regalen und blätterte in einem Buch. Der Autor hatte Briefe an Firmen oder bekannte Persönlichkeiten geschrieben. Diese Briefe und die Antworten darauf waren abgedruckt. Das Buch schien unterhaltsam zu sein, es lag in der Humor-Abteilung auf, neben anderen Büchern, die mit … Weiterlesen Dort, ein Buch.

Die Haut wirft Falten.

Wenn er nackt im kalten Badezimmer steht und seinem Körper entlang nach unten blickt, sieht er den Penis eines alten Mannes. Er nimmt ihn zwischen die Finger, dreht und wendet ihn lustlos. Er fühlt sich klein und fremd an, ein absonderliches Ding, die Haut wirft Falten, aber das tut sie am gesamten Körper. Das Hautkleid … Weiterlesen Die Haut wirft Falten.

Ein Traum in Weiß.

Er lag auf grünen Wiesen und stand auf grauen Parkplätzen, schwamm in blauen Ozeanen und sah rote Sonnen. Er traf auf bekannte Menschen mit unbekannten Gesichtern, auf fremde Freunde mit unfreundlichen Absichten. Manchmal wurde er verfolgt, manchmal wurde er erwischt. Manchmal sprang er von Häusern, manchmal wurde er hinuntergestoßen. Da waren Tiere, da waren Bäume, … Weiterlesen Ein Traum in Weiß.

Bussarde.

Die winterkalte Luft hängt starr und reglos zwischen den Hügeln, ein leichter Dunst hat sich vor den nahezu wolkenlosen Himmel geschoben. Ein Mann steht neben den klaren und präzisen Linien von Eisenbahngleisen und blickt unentwegt nach oben. Über einem nahen Feld kreisen zwei Bussarde. Ihre mächtigen Flügel kontrastieren das Graublau des Himmels, sie wirken wahrscheinlich … Weiterlesen Bussarde.

Schmelzwasser.

Sie fragt sich, was wohl geschehen würde, wenn ihr Platz dereinst leer bliebe, ihre Spuren nirgends mehr hinführten. Sie fragt sich, wer sich wundern und wer nach ihr fragen würde, wer enttäuscht wäre, sie nicht anzutreffen. Sie fragt sich, wann man ihr Fehlen bemerken würde und ob es überhaupt ein Fehlen wäre oder nicht nur … Weiterlesen Schmelzwasser.

Fliegende Fenster.

Man sitzt im Zug, und vor dem Fenster fliegen die Fenster vorüber, kleine gelbe Vierecke, und hinter jedem Viereck eine Welt; irgendwo weint ein Kind, weil es das falsche Geschenk bekommen hat, irgendwo haben zwei Menschen Sex, ohne sich zu lieben, irgendwo lieben sich zwei Menschen, ohne Sex zu haben, irgendwo macht sich ein alter … Weiterlesen Fliegende Fenster.

Wenn die Welt knirscht.

Manchmal sitzt man einfach da, ganz bei sich oder bei anderen, auf einem Hocker oder zwischen den Stühlen, rundum proben Menschen das Menschsein, und plötzlich ruht die Zeit. Die Welt knirscht und knattert und kommt dann zum Stillstand, dreht sich nicht mehr. Das alles währt nur einen Moment, und obschon niemand dessen Dauer genau ermessen … Weiterlesen Wenn die Welt knirscht.

Abhandenkommen.

Irgendwann werde ich nicht mehr da sein, sagt sie, und man kann kaum überrascht sein, auch wenn man leer schluckt und erfolglos nach Worten ringt. Es ist eine biologische Tatsache, unabwendbar und nachvollziehbar, außerdem kenn man den Satz seit Jahren, Jahrzehnten, hört ihn immer wieder aus ihrem Mund, manchmal seltener und beiläufiger, manchmal häufiger und … Weiterlesen Abhandenkommen.

Im Garten.

Wir wachsen wie Bäume nach oben, aber nie über uns hinaus, obschon wir gerne würden, und irgendwann kommen wir nicht mehr höher, wir verharren, wie sehr wir uns auch strecken, wir wären gerne größer und mächtiger, um weiter sehen und uns den Stürmen widersetzen zu können, uns nicht beugen zu müssen, doch wir schwanken, wir … Weiterlesen Im Garten.