Grund und Boden.

Das Leben war dort draußen, die Stunden hingen in den Räumen, die Tage schlichen achtlos und müde über die Fassaden der Welt, als sie aufhörte, sich zu behaupten und zu erklären. Betäubt lief sie los, hinaus aus dem Haus und der Stadt und hinein in den Wald, hinein in das Feuchte und Dunkle, das Ungewisse. … Weiterlesen Grund und Boden.

Hiroshima.

Da ist dieses Mädchen namens Hiroshima, obwohl, ein Mädchen ist sie nicht, sie ist eine junge Frau, eine durchaus attraktive, faszinierende Frau, doch einerseits ist sie trotzdem ein Mädchen, wird es immer bleiben, während sie andererseits viel zu früh aufhören musste, eines zu sein, und nun ist sie weder das eine noch das andere, eine … Weiterlesen Hiroshima.

Nach dem Kampf.

Sie weiß nicht mehr, wann es begann, weiß nicht mehr, wann sie aufhörte, sich zu wehren, sich zu entrüsten, aufzuschreien, doch damals ließ sie es nicht einfach geschehen, damals widersetzte sie sich, kämpfte mit allen Kräften, doch dieses Damals ist längst vorbei und verendet, vergraben unter den Jahren, sie ist des Kämpfens müde, und nun … Weiterlesen Nach dem Kampf.

Nathanael und die Liebe.

Die Mutter fluchte und blutete, als Nathanael das Licht der Welt erblickte. Er verstand keines der Worte, die sie ähnlich gewaltsam zwischen ihren schmalen Lippen herauszupressen schien wie zuvor bereits seinen kleinen Körper zwischen ihren Schenkeln, doch sie klangen höchst unzufrieden, die Worte, und Nathanael hatte ein schlechtes Gewissen. Sein Vater war nicht zugegen. Später … Weiterlesen Nathanael und die Liebe.

Analphabeten.

A schreit und B schreit lauter, denn A glaubt, dass B etwas hat, was A gehört, während B darauf beharrt, dass es B zusteht, und C möchte derweil etwas von B, kann aber nur davon flüstern, denn eigentlich ist C auf der Seite von A, weil B etwas anderes glaubt als A und C, was … Weiterlesen Analphabeten.

Haltentgleiten.

Man kann sie halten, die Dinge, ohne dem Halten einen Gedanken zu schenken, alles ist ruhig, alles ist gut. Man hält den Teller, den Taschenspiegel, man hält das gefüllte Weinglas, alles ist klar, alles selbstverständlich. Im Moment des Entgleitens ist es bereits zu spät, es gibt kein Zurück mehr, und während das Weinglas fällt, verharrt … Weiterlesen Haltentgleiten.

Sitzgelegenheit.

Da ist diese Sitzgelegenheit, und er nimmt die Gelegenheit wahr, und nun sitzt er da, am Bahnhof, inmitten von Menschen, die er nicht kennt, Menschen, die ihm eigentlich nichts bedeuten, und doch geben sie ihm viel, sie füllen die leere Zeit, von der er Unmengen hat, und das Gemurmel der Leute und das Stöckelschuhgeklapper, das … Weiterlesen Sitzgelegenheit.

Frieren für dich.

Deine Haare, sie tanzen nicht, wenn der Wind weht; die Tropfen, sie glitzern nicht auf deiner Haut, wenn der Regen fällt; deine Lippen, sie zittern nicht, wenn es kalt ist; die Schneeflocken, sie schmelzen nicht auf deiner Hand, wenn der Winter kommt. Du frierst nicht, nicht mehr, nie mehr. Ich friere für dich. Ich friere, … Weiterlesen Frieren für dich.

Der Sturm der Ruhe.

Ein Hund bellt in der Ferne. Er klingt traurig, seltsam müde. Er klagt und klagt an, wen oder was auch immer. Vielleicht liegen seine Besitzer im Bett, trunken von billigem Bier und schlechtem Fernsehen, und all der Schmutz in ihrem Leben verstopft ihre Ohren, lässt sie taub werden und das Winseln ungehört verhallen. Vielleicht auch … Weiterlesen Der Sturm der Ruhe.

Eingekleidet.

Wir kommen nackt zur Welt und verlassen sie im Anzug, und dazwischen werden wir eingekleidet, erst von elterlichen Händen, dann von der Vorstellung, wie wir auszusehen haben, was wir wo und wann und wie zu tragen haben, und wir kleiden und verkleiden uns, vielleicht zur Tarnung, vielleicht zum Schutz, wovor auch immer, und wir bedecken … Weiterlesen Eingekleidet.

Ein Satz über ein fragiles Gemälde auf ihrem Bauch.

Die Sonne wirft ihr Licht durch ein Fenster und zeichnet ein Rechteck auf ihre Haut, und sie spürt die Wärme, mit leicht zitternden Fingern folgt sie den Konturen der Form, streichelt sie behutsam, wie ein fragiles Gemälde auf ihrem Bauch, und langsam tastet sie sich hin zu ihren Brüsten, beinahe zaghaft gleiten ihre Fingerspitzen nach … Weiterlesen Ein Satz über ein fragiles Gemälde auf ihrem Bauch.

Menschen aus Stein.

Er steht am Eingang zum Friedhof, verharrend am eisernen Tor, und raucht eine Zigarette. Hier ist also der Ort, denkt er, an dem man Frieden findet, die letzte Ruhe, die eigentlich auch die erste und einzige ist. Irgendwo in diesem Garten aus Stein ist sein Platz, und er stellt sich vor, wie fremde Männer sein … Weiterlesen Menschen aus Stein.

Denksagung.

Er denkt: Was denkst du? Er sagt: Was denkst du? Sie denkt: Du willst wirklich wissen, was ich denke? Sie sagt: Nichts. Er denkt: Wenn du sagst, du denkest nichts, denkst du in der Regel nichts Gutes. Er sagt: Das glaube ich nicht. Sie denkt: Eigentlich solltest du wissen, was ich denke. Sie sagt: Kannst … Weiterlesen Denksagung.

Muttermal, 15:15.

Es ist viertel nach drei Uhr nachmittags. Ich stehe in der Dunkelheit des fensterlosen Korridors und blicke durch die leicht geöffnete Tür zum Schlafzimmer. Auf dem Bett liegt Christina, meine Frau. Sie ist nackt, ihre Augen sind geschlossen. Sonnenstrahlen klammern sich an kleine Schweisstropfen auf ihrer Haut. Sie atmet schwer, stöhnt leise. Wenn ich einen … Weiterlesen Muttermal, 15:15.