Brüchig.

Du kennst die Straßen, kennst jede Kreuzung, jede Biegung, jede Steigung. Du bist dort, wo du schon früher warst, gehst jene Wege, die du schon immer gegangen bist, begegnest Formen und Farben, die seit Anbeginn unverändert sind. Dennoch fehlt dir jede Orientierung, du weißt nicht, wo du stehst und wohin es dich treibt. Dein Kompass … Weiterlesen Brüchig.

Lena rennt.

Sie rennt und rennt, rennt und rennt, und während sie rennt, hört sie es dumpf in ihren Ohren pochen, hört den Rhythmus ihres Herzschlags, er klingt wie ein elektronischer Beat, und sie denkt an den Film Lola rennt und an die treibende Musik darin und daran, dass Lola rennt, weil sie Geld besorgen will, das … Weiterlesen Lena rennt.

Permafrost.

Es ist kalt geworden, ungemütlich, garstig, es knirscht und knackt im Gebälk. Die Kälte dringt unerbittlich durch ihre Seidenpapierhaut, tausend kleine Pfeile durchstoßen die dünne Schicht, graben sich tief hinein in ihr Innerstes, klammern sich an ihre Knochen. Ihr Skelett versteift sich, ihre Muskeln verhärten sich, jeder Atemzug scheint nach ihrem Herz zu greifen. Sie … Weiterlesen Permafrost.

Im Hinterzimmer.

Irgendwo in einem Hinterzimmer in ihrem Kopf springt ein Hund an ihr hoch, und der Hund hat schmutzige Pfoten, schrecklich schmutzige Pfoten, und die schmutzigen Pfoten lassen Spuren auf ihrem hellen Kleid zurück, und sie denkt, na toll, jetzt ist mein Kleid schmutzig, wie sieht das denn aus, und das alles nur wegen diesem dummen … Weiterlesen Im Hinterzimmer.

Alles so leicht.

Die hohen Grashalme neigen sich leicht im Wind und der Wind ist warm und die Wärme ist spürbar auf der Haut, die Sonnenstrahlen dringen durch die Poren, durch Fleisch und Blut bis tief hinein ins Innerste, und die wenigen Wolken hängen in Fetzen am Himmel, jede von ihnen wirkt wie eine wilde und freie Kreatur, … Weiterlesen Alles so leicht.

Kaninchen.

Du bist das Kaninchen im Scheinwerferlicht, wie in dem Song, den Thom Yorke singt, und im Musikvideo zum Song läuft ein Mann durch einen Straßentunnel, wird immer wieder angefahren, fällt hin, wird beschimpft, und schließlich stellt er sich mitten auf die Straße, mit nacktem Oberkörper, breitet die Arme aus und wird von einem Auto erfasst, … Weiterlesen Kaninchen.

Im Boden ist ein Loch.

Wenn sie auf ihre nackten Füße schaut, sieht sie, was die meisten Menschen sehen, wenn sie auf ihre nackten Füße schauen. Zehn Zehen, zwei Mittelfüße, darüber zwei Schienbeine, überhaupt zwei Beine. Sie ist eine Zweibeinerin, und beide Beine funktionieren wie vorgesehen. Sie steht auf diesen beiden Beinen auf dem Boden. So kennt sie ihr Leben. … Weiterlesen Im Boden ist ein Loch.

Der Gast.

Man hat ihn nicht eingeladen. Man hat ihn nicht zu sich gewinkt, hat ihm nicht die Tür geöffnet, hat ihm keinen roten oder andersfarbigen Teppich ausgerollt, überhaupt hat man ihm nichts dargebracht, sich ihm nicht einmal zugewendet. Man hat ihn in keiner Weise glauben lassen, er sei willkommen. Dennoch sitzt er nun da, ein weiteres … Weiterlesen Der Gast.

Gazpacho.

Draußen hängt die Hitze zwischen den Zweigen der Birke im Garten des Nachbarn. Die Hitze hängt auch im Brombeerbusch, im Gestrüpp neben den Briefkästen, über dem Asphalt der kleinen Quartierstrasse, zwischen den Speichen des alten Fahrrads, das offensichtlich niemandem gehört und stumm vor sich hin rostet. Die Hitze, sie hängt überall, nur in Lena hängt … Weiterlesen Gazpacho.

Unvollendet.

Es ist nicht fertig geworden. Es ist nicht fertig geworden, das Buch, denn jener, der es schrieb, ist nicht fertig geworden, bevor er starb. Obwohl, das Buch, es ist eigentlich fertig geworden, es ist gedruckt, es ist veröffentlicht, man hält es in Händen, doch der Untertitel bezeichnet es als unvollendeten Roman. Ein Fragment, vielleicht, doch … Weiterlesen Unvollendet.

Judith, Judith Hermann und das Immergleiche.

In einer Kurzgeschichte erzählt Judith Hermann davon, wie ihre Eltern – oder die Eltern ihres literarischen Ichs – zu reisen begannen, nachdem die Kinder erwachsen geworden waren. Sie reisten nach Griechenland, nach Frankreich, nach Italien, waren oft wochenlang unterwegs. In der Geschichte geht es vornehmlich darum, wie die Eltern von Judith Hermann nach Venedig gereist … Weiterlesen Judith, Judith Hermann und das Immergleiche.

Hohlraum.

Die Wachtel war schon längere Zeit krank gewesen. Als sie eines Tages ihre Augen nicht mehr aufschlug, war ihr wohl ein beträchtliches Gewicht von den Schultern genommen worden. Man dachte das Wort Erlösung, doch man sagte es nicht, denn die restlichen Wachteln hätten es nicht verstehen, geschweige denn einordnen können. Man wollte von den übrigen … Weiterlesen Hohlraum.

Die Verkabelung.

Sie wohnt in einem gefährlichen Haus. Da sind morsche Balken, knarrende Dielen. Da sind Löcher im Dach und kleine Ritzen in der Fassade, durch die der Wind pfeift. Doch vor allem ist da die Verkabelung. Die elektrischen Installationen sind nicht sicher. Sie sind alt und brüchig. Obwohl sie die Kabel nicht sehen kann, weil sie … Weiterlesen Die Verkabelung.

Sieben Sekunden.

Die Zeit platzt bisweilen aus ihren Nähten. Von den vierundzwanzig Stunden, die den Rhythmus ihres Daseins strukturieren, kann die Frau zumeist nur deren vier oder fünf entbehren, um sich in ihrem lieblosen Schlafzimmer einen lieblos gezimmerten Schlaf zu gönnen. Die übrigen Stundenbruchteile sind gefüllt mit den Dingen des Alltags, mit Druck und Erwartungen, von anderen … Weiterlesen Sieben Sekunden.

Wider die Klarheit.

Der Wein ist günstig, aber nicht billig. Darauf legt sie Wert. Sie trinkt keinen Fusel, würde nie Fusel trinken, will den Wein nicht als bloßes Mittel zum Zweck verstehen. Doch dieses Präzisieren und Insistieren ist eigentlich haltlos. Sie muss niemandem Rechenschaft ablegen, nur sich selbst, und das kommt am Ende aufs Gleiche heraus. Obwohl es … Weiterlesen Wider die Klarheit.

Ein altes, müdes Tier.

Die Welt flackert, eine Bildstörung, flüchtige Irrlichter in der Dämmerung. Dein rechtes Auge, es zuckt wieder. Das Zucken gehört zu dir wie deine Stimme, dein Gang, dein Schniefen, wenn du erkältet bist. Du streichst dir eine Haarsträhne aus dem Gesicht, doch sie fällt sofort zurück. Du versuchst es nochmals. Scheiterst erneut. Also gibst du auf. … Weiterlesen Ein altes, müdes Tier.

Die helle Seite.

Ihre Finger gleiten über die weiche Oberfläche, schiebend und drückend, tastend und streichelnd. Sie fertigt kleine Figuren aus schwarzer Knetmasse, schmale, feingliedrige, geschlechtslose Wesen, mit ähnlichen Proportionen und minimalen Unterschieden in Körperhaltung und Ausdruck. Sie stellt die Figuren auf ein langes Regalbrett an der Wand, eine neben die andere; eine schweigende Prozession der Gesichtslosen, eine … Weiterlesen Die helle Seite.

Sie ist.

Ich bin eine 25-jährige Frau. Nein, ich bin eine 39-jährige Frau. Nein, ich bin ein kleiner Junge, der im Körper einer 39-jährigen Frau wohnt. Nein, ich bin eine 52-jährige Frau, die sich vorstellt, ein kleiner Junge zu sein, der im Körper einer 39-jährigen Frau wohnt, die gerne eine 25-jährige Frau wäre. Ich bin ziemlich verwirrt. … Weiterlesen Sie ist.