Die Party brummte wie ein schlafender Hund, als Yvan kam. Yvan hatte eine kleine, aber zum Bersten gefüllte Plastiktüte mit Gras dabei, was wenig überraschend war. Ein beträchtlicher Teil von Yvans respektabler Stellung im gesellschaftlichen Gefüge war seiner Bereitschaft zu verdanken, brummende Partys mit Gras zu bereichern. Nach wenigen Minuten waren die ersten Joints gedreht und machten die Runde. Lisa saß auf dem Parkettboden und versuchte, die winzigen Buchstaben auf der Rückseite einer bunten Chipstüte zu entziffern, hielt sich die Tüte abwechselnd unmittelbar vor die Augen und dann wieder mit ausgestrecktem Arm weit von sich weg. Dann griff sie hinein, schob sich einige Chips in den Mund und kaute. Wenn sie nichts zu kauen hatte, verzog sich ihr Mund zu einem seligen Grinsen.
Carla saß zwischen Theo und Henry auf einem grünen Sofa und erklärte Henry mit feierlichem Unterton, warum sie noch nie mit einem Mann geschlafen habe.
«Jetzt wird gevögelt!», rief Theo und kippte seitlich vom Sofa.
Carla warf Theo einen vernichtenden Blick zu und schaute wieder in Henrys Gesicht, das im Licht einer Energiesparlampe golden leuchtete. Sie bekam nicht mit, wie sich Theo aufrappelte und zurück aufs Sofa kletterte, und sagte leise zu Henry, dass sie jungfräulich in die Ehe wolle.
«Jetzt wird geheiratet!» Theo fiel erneut vom Sofa, blieb dieses Mal aber liegen und bettete den Kopf auf seinen Unterarm. Henry schaute Carla an und seufzte, stand dann auf und machte sich einen Vodka Orange. Jemand drückte an der Musikanlage herum. Aus den Lautsprechern dröhnte History Repeating von den Propellerheads mit Shirley Bassey. Lisa stand auf und begann zu tanzen, doch niemand tanzte mit, also hörte auch Lisa wieder damit auf.
«Phil ist da!», rief eine Frau, deren Namen man stets vergaß, und zeigte mit einem gekrümmten Finger zur Tür. Tatsächlich stand da Phil, groß und grinsend, eine freche Locke auf der Stirn. Während Yvan seine Plastiktüte mit Gras brauchte, um für Begeisterung zu sorgen, war Phil lediglich auf sich selbst angewiesen, und sich selbst hatte er meistens dabei. Die Frauen liebten Phil, weil er gleichzeitig ein Bad Boy und ein lieber Kerl war, große blaue Augen hatte und etwas, was man im Fachjargon ein gewinnendes Lächeln nennt. Die Männer hingegen begegneten Phil zu gleichen Teilen mit hündischer Verehrung und schlecht kaschiertem Neid, jedoch stets mit jener Art von Unterwürfigkeit, die nicht gut für die Rückenmuskulatur ist. Phil beschenkte alle Anwesenden auf der Party mit einem Zahnpastalächeln und ging zum Getränketisch, wo sich zwei junge Frauen darum prügelten, wer ihm den Gin Tonic mixen durfte. Die Gewinnerin konnte ihren Triumph nur kurz genießen, denn Theo drängte sich zwischen sie und Phil, legte beiden einen Arm über die Schulter und erbrach sich lautstark in die Früchtebowle.
«Jetzt wird gekotzt!», brüllte Theo, nachdem er den seltsamen Geschmack im Mund mit einem Schluck Bier heruntergespült hatte. Jemand zog ihn seitlich weg und schob ihn durch eine Tür, die zuvor niemandem aufgefallen war, in ein anderes Zimmer, das rein architektonisch gar nicht existieren konnte.
Yvan saß auf einem blauen Sofa, steckte seinen kleinen Finger in ein kleines Loch im Polster, zog an seinem Joint und blickte sich um. Lisa stand auf der anderen Seite des Raumes, und Yvans Blick musste mehrere Umwege gehen, um sie zu erreichen, doch es lohnte sich. Yvan hatte Lisa schon immer gemocht. Sie war eine Frau, mit der man gerne seit Kindergartentagen befreundet sein wollte. Yvan war zwar nicht seit Kindergartentagen mit Lisa befreundet, aber er schaute sie schon seit Kindergartentagen mit jenem Blick an, der auch jetzt den Weg an sein Ziel gefunden hatte. Normalerweise geschah mit seinem Blick das, was mit einem Tropfen auf einem heißen Stein passierte, doch dieses Mal erwiderte Lisa den Blick, schaute direkt in seine Richtung. Yvan zog langsam den kleinen Finger aus dem Loch im Polster. Nur Kinder steckten den kleinen Finger in ein Loch im Polster, und Yvan war kein Kind mehr. Jedenfalls wollte er in Lisas Augen keines sein. Und diese Augen, Lisas Augen, kamen nun näher, wie überhaupt die ganze Person, die gesamte Lisa bewegte sich in seine Richtung. Irgendwo zwischen seinem Hals und seinem Bauch war plötzlich eine Maschine eingeschaltet worden, die laut polterte und vibrierte, und Yvan hatte zunächst tatsächlich Mühe, das Poltern und Vibrieren richtig einzuschätzen. Er war sich ein solches Gebaren seines Herzens nicht gewohnt.
«Darf ich auch mal?» fragte Lisa, als sie direkt vor ihm stand. Yvan war überrascht. Nicht nur, dass Lisa offenbar gemerkt hatte, dass er seinen Finger in das kleine Loch im Polster gesteckt hatte. Sondern vor allem, dass sie das befriedigende und befreiende Gefühl dieser Erfahrung zweifellos kannte und es nun ebenfalls zu genießen gedachte. Er machte mit seiner Hand eine Bewegung zum Loch, als wolle er Lisa bedeuten, dass er ihr dessen Nutzung großzügig überlasse. Doch dann bemerkte er, dass der Finger, den Lisa ihm entgegenreckte, nicht auf das Loch zeigte, sondern auf den Joint in seiner anderen Hand.
«Ach so», brachte Yvan hervor und lachte das Lachen eines Menschen, der nicht wusste, wie Lachen funktionierte. Lisa setzte sich neben ihn, schaute ihn an, und Yvan versuchte, sich an irgendeine ähnliche Szene aus irgendeinem Film zu erinnern, an irgendeinen Satz, den ein cooler und schlagfertiger Mann in seinem solchen Moment sagte, um eine Frau zum Lachen zu bringen. Doch ihm fiel nur Humphrey Bogart in Casablanca ein, und eigentlich wollte er nicht wie Humphrey Bogart wirken, zudem war es ihm unangenehm, aus einem Schwarz-Weiß-Film zu zitieren. Yvan versuchte, Lisa zumindest tief in die Augen zu schauen, musste dann aber feststellen, dass Lisas Blick nicht auf sein Gesicht gerichtet war. Er hatte den Joint fast vergessen, doch nun hielt er ihn Lisa so ruckartig hin, dass sie erschrocken zusammenzuckte.
«Entschuldigung», murmelte Yvan, doch Lisa hatte sich bereits weder gefangen und sich zudem des Joints behändigt. Sie schob ihn zwischen ihre vollen Lippen, zog daran, inhalierte tief und ließ den Rauch schließlich erstaunlich langsam entweichen. Yvan beobachtete fasziniert, wie sich die Rauchschwaden stetig verformten, zunächst wie ein Elefant aussahen und dann an einen Drachen erinnerten.
«Du weißt schon, dass ich mal in dich verliebt war, oder?»
Yvan wunderte sich, warum sich sein Wunschdenken so echt anhörte, auch war er ein wenig überrascht, dass diese Frage plötzlich in seinem Kopf aufgetaucht war, denn da war eigentlich schon eine andere Frage präsent, nämlich die Frage, was Lisa zu trinken wünsche, denn Yvan hatte fest vor, ihr eben diese Frage zu stellen und dann den entsprechenden Wunsch zu erfüllen. Dass nun ohne Vorwarnung diese andere Frage aufgetaucht war, konnte er sich nicht erklären, ebenso wenig, warum die Stimme nicht stimmte. Vielleicht war das Gras zu stark. Oder aber…
«Hast du mich gehört?»
Diese Frage war eindeutig zwischen Lisas tatsächlich sehr vollen Lippen hindurch in den Raum gelangt, und Yvan vermutete mit einer gewissen Gewissheit, dass auch die vorherige Frage von ihren Stimmbändern erzeugt worden war.
«Du warst mal in mich verliebt?», fragte er und musste ein Husten unterdrücken.
«Ja. War ich. Vor ein paar Jahren. Aber du warst damals mit Simone zusammen, und außerdem hast du mich kaum angeschaut.»
«Ich… Ich hätte nie gedacht, dass du dich für mich interessieren könntest. Ich dachte, du hättest was mit Phil.»
«Mit Phil? Ich bin wohl eine der wenigen Frauen in diesem Raum, die nie etwas mit Phil hatten.»
Yvan hätte sich einen durchschnittlich großen Wortschatz attestiert, doch in jenem Moment war dieser Schatz in tiefsten Tiefen begraben. Ihm fiel nichts ein, was er hätte sagen können, also sagte er nichts.
«Das muss ein spannendes Filmchen sein», meinte Lisa und deutet mit nickendem Kopf zu einer kleiner Gruppe Menschen, die nebeneinanderstanden und auf einige Handys schauten. Allzu lustig schien das Gebotene nicht zu sein, denn die Gesichter zeigten weder Begeisterung noch Freude. Sie waren seltsam starr, die Gesichter, und Carla, die ganz am Rand stand, hatte ihre Hand vor den Mund geschoben.
Yvan sah sich um. Am Getränketisch standen drei Frauen bei Phil, doch auch sie interessierten sich erstaunlicherweise weniger für ihn als für das Handy in seiner Hand. Phils Blick war ebenfalls auf das kleine Gerät gerichtet, und man musste kein professioneller Lippenleser sein, um festzustellen, dass er das Wort «Scheiße» formulierte.
Die Musik – es lief gerade I Will Survive von Gloria Gaynor – stoppte abrupt, und jemand rief in die plötzlich eingetretene Stille.
«Schaltet den Fernseher ein.»
«Welchen Sender?»
«Egal. Es läuft auf jedem Sender.»
Alle schauten gebannt auf den großen Bildschirm, der zwischen zwei Gummibäumen an der Wand befestigt war. Ein Sprecher versuchte, die Videoaufnahmen, die zu sehen waren, zu kommentieren. Immer wieder stockte die Stimme, verhaspelte sich, wiederholte Satzfragmente. «Schrecklich», sagte der Sprecher. «Schrecklich. Es sind schreckliche Bilder, die uns hier erreichen. Es ist… einfach nur schrecklich.»
«Fuck», entfuhr es Yvan.
Der Sprecher nannte Zahlen und den Namen einiger Städte, doch seine Worte ergaben keinen Sinn. Die Stimme überschlug sich, stolperte und wurde alsbald ganz leise, beinahe flüsternd. Irgendwann verstummte sie, und man hörte nur noch ein merkwürdiges Rauschen oder Dröhnen, hin und wieder ein Grollen und Zischen.
Yvan spürte etwas Warmes an seiner Handfläche, und erst nach einigen Sekunden merkte er, dass Lisa ihre Hand in seine gelegt hatte. Er drückte instinktiv zu und schaute sie an, doch sie starrte unbeirrt auf den Fernseher.
«Jetzt wird getanzt!» Niemand hatte mitbekommen, dass Theo wieder aufgetaucht war und die Stereoanlage erneut eingeschaltet hatte. Einige schauten rasch zu ihm hin und sahen ihm dabei zu, wie er im Rhythmus der Musik zuckte. Dann richteten sich alle Augenpaare wieder auf das Geschehen auf dem Bildschirm. Als es im Raum irgendwann rumpelte, stand Yvan auf, stieg über den hingefallenen Theo und schaltete die Musik aus. Nachdem er sich wieder auf das Sofa gesetzt hatte, griff er umgehend nach Lisas Hand. Sie schaute ihn an. Er schaute sie an. Dann schauten sie zusammen auf den Fernseher. Yvan spürte, wie sich Lisas Fingernägel in sein Fleisch bohrten. Es tat ein wenig weh. Doch das war ihm egal.
