Und am Schluss will es dann wieder niemand gewesen sein, niemand will die Verantwortung tragen, jeder und jede schiebt jeder und jedem die Schuld in die Schuhe, und jene, die üblicherweise geräuschvoll verlauten lassen, dass sie das ganze Jahr über am liebsten barfuß gehen, machen noch viel vehementer auf die Absenz von Schuhwerk aufmerksam, um jeglichen Vorwurf eines Missverhaltens von sich abzuwenden, und wenn man sie doch in Schuhen antrifft, stammeln sie eine rudimentär zurechtgezimmerte Erklärung und fabulieren von Erfrierungen an kleinen Zehen, bis ihnen jemand erfolgreich klarmacht, dass es sich beim Schieben von Schuld in irgendwelche Schuhe nicht um eine tatsächliche Handlung handelt, sondern vielmehr um ein Sinnbild, eine Redewendung, die aus dem Mittelalter stammt und auf reisende Handwerksgesellen oder Herbergsgäste zurückgeht, die sich ein Zimmer teilten, wobei einer der Gäste einen Diebstahl begangen hatte und bei der folgenden polizeilichen Durchsuchung des Zimmers das Diebesgut schnell im Schuh eines Mitreisenden versteckte, um den Verdacht auf diesen zu lenken, und obwohl Handelsreisende heutzutage zumeist in Einzelzimmern nächtigen, hat der Ausdruck den Lauf der Zeit überdauert, wie so viele Redewendungen aus dem Mittelalter auch noch in der Jetztzeit Bestand haben, denn ganz egal, ob man etwas im Schilde führt oder für jemanden eine Lanze bricht, mit offenem Visier kämpft oder die Felle davonschwimmen sieht, den Braten riecht oder den Löffel abgibt, man kann sich dabei stets auf einen mittelalterlichen Ursprung der Formulierung berufen, auch wenn man im Fall des abgegebenen Löffels über keine derartigen Fähigkeiten mehr verfügt, schließlich beschreibt diese Lücke in der Besteckschublade den Tod, den alles zunichte machenden Tod, doch um den Tod soll es hier ja nicht gehen, sondern darum, dass heutzutage niemand mehr Verantwortung übernehmen mag, oder zumindest fast niemand, denn es gibt durchaus Menschen, die Verantwortung übernehmen, mitunter sogar sehr viel davon, manche haben sich so viel Verantwortung aufgebürdet, dass ihr Rücken ganz krumm ist, doch abgesehen von jenen Menschen, die Verantwortung übernehmen, mag heutzutage niemand mehr Verantwortung übernehmen, viel lieber richtet man den Fokus auf andere Leute, und man erkennt, dass der Zeigefinger nicht grundlos zu seinem Namen kam, denn er eignet sich hervorragend, um zu zeigen, auf Dinge und Undinge und vor allem auf andere Menschen und Unmenschen, es sieht viel überzeugender aus, mit dem Zeigefinger auf Menschen zu zeigen als mit dem Ringfinger oder mit dem kleinen Finger, und natürlich könnte man den beliebten Mittelfinger einsetzen, aber jener zeigt in der Regel und genau genommen nicht auf Menschen und Unmenschen, sondern nach oben, gen Himmel, also dorthin, wo manch gottesfürchtige Person ein höheres Wesen verortet, und eigentlich ist es merkwürdig, dass man einem Gegenüber eine akut empfundene Missachtung mitteilen möchte, dabei aber buchstäblich in höhere Sphären zeigt, doch auch darum soll es hier ja nicht gehen, sondern darum, wie man sich allenthalben um die Verantwortung drückt, sich um die Verantwortung foutiert, um mal ein hübsches Wort mit Wurzeln in der französischen und lateinischen Sprache zu gebrauchen, und es ist durchaus erstaunlich, wie schwer es sehr vielen Menschen fällt, neben Strickmode von Lacoste und Handtaschen von Louis Vuitton zumindest auch noch ein wenig Verantwortung zu tragen, und zwar geschieht dieses Schwerfallen in ganz unterschiedlichen Bereichen und Zusammenhängen, das fängt ja bei Plastiktüten in kleinen Supermärkten an und hört bei Plastiktüten in großen Einkaufszentren noch lange nicht auf, und es geht ja nicht nur um die Verantwortung gegenüber Natur und Umwelt, gegenüber Bienen und Delfinen, sondern auch um die Verantwortung gegenüber anderen Menschen, denn ja, bei all den Farbnuancen der Haut und den Sprachen unserer Zungen, die uns voneinander unterscheiden, bei all den verinnerlichten Glaubensbekenntnissen und den tradierten Meinungen, die uns im Geiste trennen, sind wir doch der gleichen Gattung angehörig, eben dieser Gattung Mensch, und auch in dieser Zusammengehörigkeit liegt doch eine Art von Verantwortung, jene Verantwortung nämlich, aufeinander achtzugeben, einander zugetan zu sein, denn auch wenn sie über acht Milliarden Köpfe zählt, ist die Menschheit doch nichts anderes als eine Familie, die größtmögliche Familie zwar, eine fürchterlich zerrissene und zerrüttete Familie dazu, aber eben doch eine Familie, und in einer Familie sollte das Thema Verantwortung eigentlich auf den Tisch kommen dürfen, neben dem leicht angebrannten Kartoffelauflauf und dem gedünsteten Blumenkohl, irgendwo zwischen halbleerem Weinglas und halbvollem Bierkrug sollte die Verantwortung doch genügend Raum erhalten, doch auch da fällt es uns schwer, sie aufzubringen und wahrzunehmen, wir entziehen uns ihr, wie wir uns häufig auch den unbequemen Diskussionen am Familientisch entziehen, wir flüchten uns auf Nebenschauplätze, stolpern über kommunikatives Brachland, oder aber wir machen, was wir so gut und gerne machen, wir heben unsere Zeigefinger und richten sie in alle Richtungen, links und rechts, oben und unten, wir zeigen immer genau dorthin, wohin wir die Verantwortung drängen und schieben möchten, und wenn die Tochter eine Prüfung vermasselt, zeigen wir auf den Lehrer, und wenn der Sohn verquere Meinungen kundtut, zeigen wir auf einen toxischen Trottel in den ach so sozialen Medien, und wenn draußen Mülltonnen brennen, zeigen wir auf einen Anzugträger im Fernsehen, und wenn wir traurig oder wütend oder frustriert sind, zeigen wir auf alle anderen, zeigen einfach sehr weit weg von uns selbst, und sehr häufig streiten wir miteinander, denn das Streiten bietet sich bereitwillig an, wenn andere Kommunikationsmöglichkeiten erschöpft sind, doch mit dem Streiten ist es wie mit dem Fernsehprogramm oder mit den großen Modehäusern, Quantität geht vor Qualität, und zwar so weit vor, dass man Qualität längst aus den Augen verloren hat, denn auch wenn wir häufig streiten, tun wir es selten gut, viele von uns können nur sehr schlecht streiten, unsere Streitkompetenzen sind mindestens streitbar und zum Teil äußerst kümmerlich entwickelt, was schade ist, denn aus einem guten Streit kann etwas wachsen und gedeihen, während ein schlechter Streit vor allem sein destruktives Potenzial zu entfalten vermag, und auch da sind stets die anderen schuld, man selbst sagt ja nur und man meint ja nur und man verkündet schließlich die Wahrheit, zumindest die eigene Fassung davon, und wenn das Gegenüber eine andere Wahrheit, eine andere Meinung zum Ausdruck bringt, kommt man zum vermeintlich logischen Schluss, dass jene Wahrheit und jene Meinung falsch sein müssen, da sie sich nicht mit der eigenen Wahrheit und der eigenen Meinung decken, nicht ganz kongruent sind, und schon bei Prüfungen im Geometrieunterricht wurde es als Fehler angekreidet, wenn die Kongruenz nicht gegeben war, und aus den schlechten Noten hat man gelernt und hält fortan lediglich für richtig und korrekt, was übereinstimmend und deckungsgleich ist, und das betrifft nicht nur Meinungen und Wahrheiten, aber dort zeigt es sich besonders stark, und das ist vielleicht auch ein Grund, warum die Sache mit der Verantwortung uns so häufig misslingt, denn womöglich vermag man nur Verantwortung übernehmen und tragen für das, was dem eigenen Bild der Welt entspricht, was hineinpasst, sich einfügt in dieses Bild, denn das eigene Bild der Welt ist das einzig richtige Bild der Welt, das muss so sein, und schon Pippi Langstrumpf erklärte, sie mache sich die Welt, wie sie ihr gefällt, obwohl Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf wohl kaum das richtige Beispiel ist, wenn es um fehlendes Verantwortungsgefühl geht, im Gegenteil, das sommersprossige Mädchen mit den roten Zöpfen ist vielleicht nicht der beste, aber ein sehr guter Beweis dafür, dass es eigentlich ein Kinderspiel wäre, zumindest ein grundlegendes Maß an Verantwortung zu tragen, dafür muss man nicht einmal Pferde hochstemmen können oder dergleichen, es braucht nur ein wenig Mut und Überzeugung, aber das schreibt sich so leicht, überhaupt schreibt sich vieles leicht, ist aber alles andere als leicht in die Tat umzusetzen, und eigentlich ist das Verantwortungsbewusstsein doch in unserem Menschengeschlecht verinnerlicht, ist grundsätzlich angelegt, aber wohl oftmals verborgen und verschüttet, und das nicht erst seit gestern, denn das Auseinandersetzen und Hadern mit dem Mangel an Verantwortung hat historische Ausmaße, und schon Seneca stellte fest, dass «niemand ethisch verantwortungsvoll leben kann, der nur an sich denkt und alles seinem persönlichen Vorteil unterstellt», und er meinte zudem «Du musst für den anderen leben, wenn du für dich selbst leben willst», und wahrscheinlich hätten sich Seneca und Pippi Langstrumpf erstaunlich gut verstanden, hätten vielleicht manche Probleme lösen und Differenzen ausgleichen können, doch der eine ist seit bald zwei Jahrtausenden tot und die andere eine fiktive Figur, also bleibt es uns überlassen, angemessen mit der Verantwortung umzugehen, die uns allen obliegt, es liegt an uns, sie zu schultern, sie zu tragen, ihr gerecht zu werden, aber das diesbezügliche Scheitern zieht sich durch unsere gemeinsame Geschichte wie ein roter Faden, verwebt sich zu einem roten Tuch, obschon eine weißer Stoff sinnvoller wäre, ein weißer Stoff wäre vielleicht ein Anfang, eine weiße Leinwand, auf der man ein neues Bild der Welt malen könnte, aber niemand schickt sich an, die Staffelei aufzustellen, niemand ist bereit, das weiße Tuch in den Rahmen zu spannen, niemand fühlt sich verantwortlich, mit dem Anfang anzufangen, und am Schluss will es dann wieder niemand gewesen sein.
