Frau K. spuckte. Nicht nur hin und wieder, nicht nur ein wenig. Sondern riesige Mengen. Bei jedem Wort. Das war mehr als nur eine feuchte Aussprache. Es grenzte an ein Wunder, dass sie beim Reden neben all dem Speichel auch noch Wörter zwischen ihren schmalen Lippen hindurch ins Klassenzimmer zu befördern vermochte. Wer sich als richtig lustig bezeichnete, legte einen Regenschirm auf das Pult, wenn Unterrichtsstunden in Deutsch oder Französisch bei Frau K. auf dem Plan standen. Natürlich war dies übertrieben, natürlich war es auch nicht wirklich witzig. Noch weniger witzig war jedoch die Tatsache, dass man bei Frau K. rein gar nichts lernen konnte. Eine Lehrerin, die spuckt, ist unerfreulich. Eine Lehrerin, die den Schulstoff mit monotoner Gleichgültigkeit in der Stimme vorträgt und nicht den geringsten Hauch von Motivation erkennen lässt, tatsächlich unterrichten und lehren zu wollen, ist ungleich fürchterlicher. Als sie bekanntgab, dass sie zwecks Fortbildung für drei Monate ins Ausland reisen werde, hielt sich die Enttäuschung erwartungsgemäß in Grenzen. Eine Topfpflanze wäre in der Lage gewesen, sie würdig zu vertreten, ganz ohne Spucken. Doch es kam keine Topfpflanze.
Die Französischstunden übernahm Herr S. Ein angenehmer Mann in undefinierbarem Alter, freundlich und ruhig, ziemlich distanziert. Deutsch hatten wir fortan bei einem Aushilfslehrer. Herr W. sah aus wie ein Bankangestellter, akkurat gescheitelt und korrekt gekleidet, konsequent gepflegt und mit aufrechter Haltung, beinahe erschreckend seriös und offenbar frei von jeglicher Persönlichkeit. Als er zum ersten Mal ins Klassenzimmer trat, schien das Unmögliche möglich, zumindest einen Moment lang; man spielte mit dem Gedanken, sich Frau K. zurückzuwünschen. Doch der Moment ging relativ schnell vorüber. Herr W. fragte, ob wir alle unser Lehrbuch für Deutsch dabeihätten. Wir bejahten, bis auf die üblichen vergesslichen Ausnahmen, und wir stöhnten, denn das Lehrbuch war Sinnbild für die entsetzliche Trockenheit und Langweiligkeit, die dem Unterrichtsfach Deutsch bei Frau K. jeweils innewohnten. Herr W. nickte langsam. Und teilte uns mit, dass wir das Lehrbuch vorläufig zu Hause lassen könnten. Es werde nicht benötigt.
In den folgenden Wochen lasen wir. Ausschließlich und alles. Bücher, Kurzgeschichten, Zeitungsartikel, sogar Anzeigentexte aus Zeitschriften. Danach diskutierten wir über das Gelesene. Durch wenige Fragen und gezielte Anmerkungen vermochte Herr W. hitzige Debatten auszulösen, die sich allmählich als erstaunlich gehaltvoll entpuppten. Er selbst entpuppte sich derweil als Verpackungsschwindel im besten Sinne, denn unter seiner uninteressanten Schale steckte ein kluger Geist mit ausgeprägtem Scharfsinn und ansteckender Leidenschaft. Herr W. sprach über literarische Figuren und Techniken, über berühmte und unbekannte Autoren, und immer war da ein Leuchten in seinen Augen. Eines Tages brachte er einen Stapel bunter Hefte mit, die unser nächstes Leseprojekt sein sollten; ein Heimatroman, in dessen Mittelpunkt ein hübscher Arzt und seine amourösen Erlebnisse mit ausgesuchten Bewohnerinnen eines Alpendorfes standen. Wir kämpften uns Seite um Seite durch das dramatische Dickicht aus Pathos und Kitsch, bis auch in den letzten Pultreihen die Überzeugung gereift war, dass wir uns mit dem qualitativen Tiefpunkt der Literatur konfrontiert sahen. Schließlich hatte Herr W. ein Einsehen und sammelte die furchtbaren Hefte wieder ein. Er stellte sich vor uns hin, hielt einen der Heimatromane hoch. Und sagte, dass wir nun unseren eigenen Roman schreiben würden. Nach dem ersten unsicheren Lachen machte Herr W. schnell klar, dass er es absolut ernst meinte; da war wieder das Leuchten in seinen Augen. Gemeinsam skizzierten wir eine grobe Geschichte und stückelten sie in kleine thematische Fragmente. Dann bekam jede und jeder Einzelne ein Kapitel zugeteilt, das es zu schreiben galt.
Einige waren etwas stärker, andere etwas schwächer, doch grundsätzlich ließ bisher niemand in unserer Klasse im Deutschunterricht eine herausragende Begabung erkennen. Und Frau K. war es erfolgreich gelungen, auch denjenigen, die ein gewisses Talent und entsprechendes Engagement vorzuweisen hatten, die Freude am schriftlichen Ausdruck auszutreiben. Doch Herr W. ließ sich dadurch nicht beirren. Jedes Kapitel wurde in Einzelgesprächen erörtert, Sätze und Absätze wurden dekonstruiert und neu zusammengefügt. Im Plenum wurden Fragen besprochen und Zusammenhänge diskutiert, die einzelnen Fragmente geordnet und aneinandergereiht. Schließlich war es vollbracht. Der Roman war vollendet. Er trug den Titel «Der Alpendoktor» und war nicht weniger als ein Meisterwerk. Ein ganz und gar wundervoller Schund, stetig oszillierend zwischen Genie und Wahnsinn, oftmals inkohärent, gefüllt mit literarischem Gerümpel und sprachlichem Irrwitz. Der Alpendoktor, unser Titelheld, war ein wenig dämlich und ziemlich promiskuitiv, schamlos und launenhaft, vollkommen durchtrieben und dennoch liebenswert. Er schlief mit fast jeder seiner Patientinnen, spielte Tuba, löschte Brände, die er selbst gelegt hatte, er rettete ein Schaf vor dem Erstickungstod und wurde am Ende von einem gehörnten Jäger erschossen. «Der Alpendoktor» war perfekt. Wir waren überrascht, aber irgendwie stolz, nicht zuletzt, weil sich auch Herr W. sehr erfreut zeigte. Er beglückwünschte uns und bedankte sich für unseren Einsatz. Dann verabschiedete er sich. Seine drei Monate waren vorbei. Für ihn und für uns. Was blieb, war ein lüsterner Arzt in einem Bergdorf.
Frau K. kam zurück und spuckte nach wie vor. Wie weit wir im Lehrbuch vorangekommen seien, wollte sie wissen. Wir sagten zunächst nichts, dann versuchten wir, die Entstehung des Alpendoktors zu schildern. Frau K. schüttelte nur verständnislos den Kopf. Dann entdeckte sie ein Exemplar des Romans, das ihr Herr W. wohl hinterlassen hatte. Sie blätterte kurz im Heft, drehte es in ihren knochigen Händen und warf es schließlich in den Mülleimer.
Ich weiß nicht, wie und wann ich mein Exemplar des Alpendoktors verloren habe. Ich weiß auch nicht, wo Herr W. heute ist und ob er überhaupt noch lebt. Aber ich weiß, wie gut ein guter Lehrer sein kann. Und ich weiß, warum da dieses Leuchten in seinen Augen war.

Ich hatte das Glück, das letzte halbe Jahr vor dem Abitur einen ähnlichen Lehrer im Russisch-Leistungskurs gehabt zu haben. Er hat zwar kein Buch mit uns geschrieben, aber er hatte genau jenes Leuchten in den Augen und eine sehr sympathische und mitreißende Begeisterung, wenn er über die wunderbaren Texte mit uns diskutierte, die er mitbrachte.
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Ein Buch schreiben, das muss nicht unbedingt sein, aber das Leuchten, es ist ungemein wichtig, denke ich. Damit bekommt das, was gesagt wird, einen ganz anderen, grösseren Wert, wird glaubhaft… Vielen Dank dir fürs Lesen und für deine Gedanken…
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Vielen Dank dir fürs Schreiben und für Deine Antworten! Die meisten meiner Lehrer in den anderen Fächern waren leider auch wenig motivierend bis gleichgültig, so war mir Schule an sich im Großen und Ganzen auch recht gleichgültig, musste eben sein und das war auch in Ordnung, aber ich habe nur aus wenigen Fächern wirklich was für mich mitnehmen können. Den größten Unterschied hatte ich ein Mal in Chemie. Bei dem einen Lehrer, den wir nur ein paar Wochen hatten, hatte ich eine 1 im Test und bei dem Nachfolger eine 4. Ich habe Chemie abgewählt.
Ich denke auch, dass das mit dem Buch auch nicht unbedingt sein muss, aber ich habe mir immer gewünscht, dass wir mehr kreativ schreiben, das haben wir in Deutsch das letzte Mal in der 10. Klasse gemacht. So entstand mein erstes Gedicht, fällt mir gerade auf. Es verfehlte völlig die Aufgabenstellung, aber ich war überrascht und erfreut darüber, mit Worten etwas Kleines ausgedrückt zu haben. Wer weiß, vielleicht hätte ich sonst nie wirklich damit angefangen, Gedichte zu schreiben. Und jetzt hab ich einen Blog…
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Gerade beim Schreiben ist es wohl auch immer etwas, das in einem schlummert. Wenn jemand absolut keine Neigung zum Schreiben hat, nützt auch der beste Lehrer nichts. Wenn hingegen jemand diesen Drang zum Schreiben hat, reicht wohl schon ein kleines Ereignis, um etwas auszulösen… Schön, dass bei dir aus einem Text, der die Aufgabenstellung verfehlte, etwas Grosses und Gutes entstanden ist… Lieben Dank nochmals für deine Worte!
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In Schweden gibt es ein Experiment zu dem Thema was ein guter Lehrer/in ausmachen kann
http://www.wedemarker.net/lernen/das-schwedische-schulexperiment-klasse-9a
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Klingt sehr spannend. Und der Ansatz, dass man die Schüler mögen und sie das auch spüren lassen muss, er klingt irgendwie logisch, fast selbstverständlich. Was es wohl aber häufig keineswegs ist… Vielen Dank fürs Lesen und für den Hinweis…
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Äußerst bedauerlich, das genau solch ein Unterricht so selten zu finden ist. Wo die Schreibe doch ein so wichtiges und schönes Instrument sein kann. Da kann es ein Lehrer wirklich schaffen, den Gar der Leidenschaft für
das Schreiben zu ersticken… das leidige Thema mit den Lehrern. Es sollte ein engmaschigeres Auswahlverfahren für Interessen geben. Nicht anhand der Zensuren beurteilt, sondern anhand ihrer empathischen und leidenschaftsübertragenden Kompetenzen 🙂
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Ja, es gibt sie wohl zu selten, diese Art des Unterrichts, diese Art von Lehrerinnen und Lehrern. Ob nun Schreiben oder Physik oder Geschichte, eine leidenschaftliche Lehrperson kann so vieles auslösen. Aber eben, sie zu finden ist nicht einfach. Und zudem sind Lehrerinnen und Lehrer auch nur ein Teil des Ganzen; es geht auch um Schüler, Eltern, Politik, Behörden, Gesellschaft, Wirtschaft, Medien… Vielen Dank dir fürs Lesen und für deine Gedanken…
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Ein guter Lehrer kann so viel ausmachen 🙂 Ich bin immer noch dankbar für die Herr W.s meiner Schullaufbahn (die natürlich anders hießen und nicht alle Herren waren).
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Jaha, ein guter Lehrer kann so viel ausmachen und in drei Monaten mehr erreichen als andere in drei Jahren… Vielen Dank dir fürs Lesen…
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