Wenn du mit deinem Finger auf eine Stelle deines Körpers drückst, bleibt vorübergehend eine Delle zurück. Das war nicht immer so. Früher… Du magst die Gedanken nicht, die mit «Früher…» beginnen. Es sind nicht so sehr die Erinnerungen, die dir zuwider sind, sondern vielmehr die Art und Weise, wie sich deine Gedanken im dichten Geäst und Gestrüpp der Vergangenheit verheddern, sich verhaken und Schürfungen davontragen. Deine Gedanken sind zusehends überfordert mit den Unmengen an vergangener Zeit und vorübergezogenen Bildern, in denen sie sich verirren und verlieren können. Das war nicht immer so. Früher… Schon wieder ein Gedanke, der mit «Früher…» beginnt. Du drückst mit deinem Finger auf eine Stelle deines Körpers und starrst auf die Delle.
Sie tun nicht weh, die Dellen, jedenfalls nicht dort, wo sie zu sehen sind. Auch zeigen sie sich in der Regel nur kurz, bilden sich rasch zurück, zumindest relativ rasch, wenn auch längst nicht mehr so rasch wie früher. Früher… Früher war deine Haut wohl noch elastischer, hatte mehr Kraft, mehr Feuchtigkeit, sah glatter aus, unschuldiger. In Zahlen macht dir dein Alter nichts aus, das Schulterzucken fällt dir leicht. Doch wenn du die Dellen siehst, bleiben deine Schultern ungezuckt. Manchmal merkst du, wie sich die Muskeln verkrampfen. Dann machst du Entspannungsübungen, die nichts bringen und nichts ändern.
Er möchte leben wie Franzosen Auto fahren, singt Wolfgang Müller, eine Delle mache nichts aus, und du findest das klug und mutig und richtig und schön und bezweifelst dennoch, dass du das kannst. Jede Delle fühlt sich an wie eine Verletzung, jede Delle beschädigt dich, jede Delle führt dich weiter weg von der Unversehrtheit, mit der alles angefangen hat. Du fragst dich, ob man lernen kann, so zu leben wie Franzosen Auto fahren. Und falls man es kann, ob es irgendwann zu spät ist. Du befürchtest, dass du den Moment verpasst hast, so zu leben wie Franzosen Auto fahren. Früher… Nein, wahrscheinlich hättest du es auch früher nicht gekonnt. Aber es ist einfacher, der Zeit die Schuld zu geben als dir selbst.
Ein weiteres Mal drückst du mit deinem Finger auf eine Stelle deines Körpers und betrachtest die Delle. Während sie sich allmählich zurückbildet, sträubst du dich gegen die Gedanken, die mit «Früher…» beginnen, klammerst dich an die Gegenwart. Du hörst Wolfgang Müller singen: «Unsere Blicke sind so eingefahren, dass unsere Augen Spurrillen haben und immer auf dieselbe Stelle blicken, sich immer die gleichen Dinge aus den Dingen picken.» Vielleicht hat er recht, denkst du. Dann schaust du aus dem Fenster. Draußen auf der Straße fährt ein alter hellblauer Renault vorüber. Den Zustand des Blechkleids kannst du nicht erkennen. Dass du lächelst, fällt dir erst nach einigen Sekunden auf.
