Das Furchtbare an der Stimme von Karen Dalton im Song Something On Your Mind ist die Tatsache, dass man diese Stimme in diesem Song nur ein einziges Mal zum ersten Mal hören kann. Der Song bleibt wunderbar. Die Stimme bleibt einzigartig. Aber das erste Mal gibt es nur ein einziges Mal. Und jedes weitere Mal kommt nicht an das erste Mal heran. Es ist eine Wiederholung, eine Reproduktion, ein Versuch, die Magie dieses ersten Moments wiederherzustellen. Ein Versuch, der jedes Mal scheitert.
Man könnte nun beschließen, den Song Something On Your Mind von Karen Dalton einfach nicht mehr zu hören. Denn das Scheitern – in Bezug auf diesen magischen Moment, aber auch im Allgemeinen – ist etwas, das man gerne vermeidet. Man mag das Scheitern nicht. Das Scheitern ist eine Niederlage, ist ein Verlust. Das Scheitern ist ein Misserfolg, ist eine Entgleisung.
Das Wort scheitern ist etymologisch eng mit dem Zersplittern von Holzschiffen bei einem Schiffbruch verbunden, ebenso mit dem Holzscheit, dem gespaltenen Holz also, es bedeutet auch, in Trümmer zu gehen. Es gibt kein Leben, das nicht scheitert. Am Ende ist es der Tod, der das Scheitern besiegelt, indem das Leben in Trümmer geht. Es gibt keine Beziehung, keine Liebe, die nicht scheitert. Im besten Fall ist es der Tod, der das Scheitern besiegelt, auch wenn man sich dagegen wehrt, den Tod des geliebten Gegenübers als Scheitern zu bezeichnen.
Das Leben und die Liebe sind von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Die unwichtigeren Dinge sowieso. Die Zeit zerstört alles.
Auch Karen Dalton ist eigentlich gescheitert. Ihre Alben verkauften sich schlecht, die breite Anerkennung blieb ihr zu Lebzeiten verwehrt. Entfremdet von ihren Kindern, abhängig von Heroin, Speed und Alkohol, lebte sie am Ende ihres Daseins in einem Wohnwagen und starb schließlich an den Folgen ihrer AIDS-Erkrankung. Wer jedoch die Stimme von Karen Dalton im Song Something On Your Mind zum ersten Mal hört, denkt nicht ans Scheitern, sondern idealerweise gar nichts. Und wer diese Stimme in diesem Song ein weiteres Mal hört, scheitert zwar beim Versuch, die Magie des ersten Moments wiederherzustellen. Aber lieber scheitern bei diesem Versuch, als den Song nie mehr hören zu können.

Ich finde gerade diese fragile Stimme trägt das Lied in eine Ebene, die über dem einfachen Song ist. Spotify hat mir diesen Song zusammen mit anderen nicht im Fokus stehenden Interpreten wir z.B Rodriguez und Nick Drake in eine Folk Playlist gepackt, in der auch Billy Eilish und andere aktuelle Künstler vorkommen. So lernte ich auch, dass City of New Orleans gar nicht von Arlo Guthry ist.
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Ja, ohne ihre Stimme wäre der Song wohl nur ein weiterer Song, der mir wahrscheinlich in einer Playlist zwischen Nick Drake und Tim Buckley gar nicht gross auffallen würde. Doch ihre Stimme löst etwas aus, zumindest bei mir. Vielen lieben Dank fürs Lesen und für deine Worte…
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Danke lieber Disputnik
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