Jemand hat einmal gesagt, es sei gesund, beim Zähneputzen auf einem Bein zu stehen, die Hälfte der Zähneputzzeit auf dem linken Bein, die andere Hälfte auf dem rechten Bein, und wenn man zwei linke Beine hat, dann eben beide Hälften auf je einem linken Bein, jedenfalls könne man auf diese Weise das Gleichgewicht trainieren, und das ist doch wichtig im Leben, dass alles im Gleichgewicht ist, dass man die richtige Balance findet, und Balance ist ein schönes Wort, vor allem, wenn man das mit dem französischen Akzent einigermaßen gut hinkriegt, und wenn man sich am französischen Akzent versuchen will, ist Balance nicht die schlechteste Wahl, es ist ein relativ einfaches Wort, um es mit französischem Akzent auszusprechen, da gibt es ganz andere, zum Beispiel anticonstitutionnellement, das bedeutet verfassungswidrig, oder écureuil, so nennen die Französinnen und Franzosen ihre Eichhörnchen, und Eichhörnchen sind doch süß, für sie hat man doch das Wort putzig erschaffen, und dann kommen die Französinnen und Franzosen und nennen dieses putzige Geschöpf écureuil, da kann man noch so gut darin sein, mit französischem Akzent zu sprechen, dieses écureuil klingt alles andere als putzig, aber den Eichhörnchen dürfte es egal sein, sie sind sowieso schlechte Zuhörer, sie verstecken lieber ihre Nüsse, und manche Leute behaupten, dass Eichhörnchen etwa fünfundsiebzig Prozent der versteckten Nüsse wiederfinden, und andere Leute behaupten, dass Eichhörnchen etwa fünfundsiebzig Prozent der versteckten Nüsse vergessen und eben nicht wiederfinden, und kein Wunder, gibt es Krieg und Prügeleien und Scheidungen und zersplittertes Porzellan, wenn sich die Leute nicht einmal auf den prozentualen Anteil der von Eichhörnchen wiedergefundenen Nüsse einigen können, aber Leute sind eben seltsam, People Are Strange, das sangen schon The Doors, also eigentlich sang ja nur Jim Morrison, denn er war der Sänger von The Doors, und es gibt eine deutsche Band, die heißt Die Türen, aber sie hätten ihren Namen nicht nach The Doors ausgewählt, betonte ihr Sänger einmal, sondern waren bei der Suche nach einem Namen bei Nonsenswörtern angelangt und fanden dann, dass sie genauso gut Die Türen heißen könnten, und nun heißen sie so, und der Sänger heißt Maurice Summen, und das ist doch lustig, der Mann, der da singt, heißt Summen, und würde er lediglich summen, würde er wohl Maurice Sänger heißen, aber eben, er singt und hört auf den Namen Summen, obwohl, wenn er singt, wird er kaum hören können, wenn jemand seinen Namen ausspricht, Maurice Summen singt bestimmt sehr laut, und wenn er in ein Mikrofon singt, kommt seine Stimme aus überdimensionalen Lautsprechern, mehrere Meter von ihm entfernt, und auch wenn es eine faktenbasierte Erklärung dafür gibt, dass die Worte, die man in ein Mikrofon singt oder spricht, an einem anderen Ort erklingen, ist es doch sehr erstaunlich und verwunderlich, überhaupt ist so vieles, das wir als normal erachten und nicht hinterfragen, äußerst erstaunlich und verwunderlich, etwa dann, wenn man mit jemandem auf einem anderen Kontinent oder auch nur in einem anderen Stadtviertel telefoniert und man trotz der Distanz miteinander reden kann, ohne schreien zu müssen, und eine ausgebildete Fernmeldetechnikerin und auch die meisten ausgebildeten Fernmeldetechniker würden erklären können, wie das möglich ist, dass man über so große Distanzen miteinander kommunizieren kann, aber manchmal will man gar nicht, dass eine ausgebildete Fernmeldetechnikerin oder ein ausgebildeter Fernmeldetechniker die Welt erklärt, manchmal will man sich einfach wundern dürfen, das Wundern sollte ein Menschenrecht sein und verteidigt werden, denn wer sich nicht mehr wundert, sich vielleicht sogar nicht mehr wundern kann, der hat einen großen Verlust erfahren, das Wundern muss man sich doch bewahren, denn wenn alles erklärt und definiert ist, bleibt nichts mehr übrig, das mehr ist als das, was man sieht, und natürlich ist es für eine ausgebildete Fernmeldetechnikerin oder einen ausgebildeten Fernmeldetechniker durchaus elementar, dass sie oder er erklären kann, wie so ein Telefonat über große Distanzen überhaupt möglich ist, denn irgendjemand muss die Dinge ja verstehen, sonst funktionieren sie irgendwann nicht mehr, aber für die ausgebildete Fernmeldetechnikerin und den ausgebildeten Fernmeldetechniker ist es ebenso elementar, dass da noch Dinge sind, die sie nicht wissen, Dinge, über die sie sich wundern können, und wenn Französinnen und Franzosen sich wundern, nutzen sie dafür häufig den Ausdruck se demander, was vor allem bedeutet, sich zu fragen, was etwas anderes ist als sich zu wundern, sich zu wundern ist voller Möglichkeiten und Interpretationen und leerer Stellen, die sich ausmalen und auskleiden lassen, während sich zu fragen eigentlich nur bedeutet, sich eine Frage zu stellen, eine banale Frage, die nach einer banalen Antwort verlangt, und wenn man sich zum Beispiel fragt, wie viele der versteckten Nüsse ein Eichhörnchen wiederfindet, dann kann man mit fünfundsiebzig Prozent antworten oder mit fünfundzwanzig Prozent, aber wie auch immer die Antwort ist, es ist lediglich eine Zahl, nüchtern und unumstößlich, doch wenn man sich wundert, wie viele der versteckten Nüsse ein Eichhörnchen wiederfindet, dann braucht man keine Zahl, denn dann öffnet sich ein neuer Raum, eine neue Welt, und in dieser Welt sieht man das Eichhörnchen durch den Wald rennen, sieht es, wie es eine Nuss verscharrt und in diesem Moment wohl selbst nicht weiß, ob es diese Nuss jemals wiederfinden wird, und wenn das Eichhörnchen die Nuss nicht wiederfindet, dann bleibt die Nuss im Wald, und wenn es keine Nuss ist, sondern ein Samenkorn, dann wird daraus vielleicht eine Pflanze, womöglich sogar ein Baum, und irgendwann klettert dann ein Eichhörnchen diesen Baum empor und weiß gar nicht, dass es diesen Baum nur emporklettern kann, weil irgendwann ein anderes Eichhörnchen nicht mehr wusste, wo es all die Nüsse und Samen versteckt hatte, und während man sich über die putzigen Eichhörnchen und ihre Nüsse wundert, mutet es noch viel seltsamer an, dass die Französinnen und Franzosen diesen Tieren den Namen écureuil gegeben haben, gerade so, als würden sie den Eichhörnchen ihre Putzigkeit nicht gönnen mögen, aber eigentlich sind die Französinnen und Franzosen diesbezüglich gar nicht so schlimm, denn immerhin heißt Ich liebe dich bei ihnen Je t’aime, und wenn man sich am französischen Akzent versuchen will, ist Je t‘aime nicht die schlechteste Wahl, es klingt ziemlich schön, weich und warm, selbst wenn man den französischen Akzent nicht wunschgemäß hinkriegt, und wenn man mit seiner oder seinem Liebsten an einem pittoresk anmutenden See oder einem anderen stehenden Gewässer sitzt und ihr oder ihm die Worte Je t’aime ins linke oder rechte Ohr raunt, so liegt darin durchaus ein gewisser Reiz, ein gewisser Charme, und Charme ist auch so ein Wort, mit dem man sich gut am französischen Akzent versuchen kann, jedenfalls hört sich Je t’aime durchaus charmant an, wenn man es ins linke oder rechte Ohr geraunt bekommt, aber man stelle sich mal vor, man säße nicht in Frankreich an einem pittoresk anmutenden See oder einem anderen stehenden Gewässer, sondern in Finnland, dann hätte man wohl einerseits mit vielen fiesen Mücken zu kämpfen und müsste sich andererseits mit der Tatsache auseinandersetzen, dass man in Finnland nicht Je t’aime in linke oder rechte Ohren raunt, sondern den Ausdruck Minä rakastan sinua, und das klingt unter Umständen eher wie eine mittelschwere Bronchitis, und würde man in Ungarn an einem pittoresk anmutenden See oder einem anderen stehenden Gewässer sitzen und eine geraunte Liebeserklärung entgegennehmen, würde sie Szeretlek lauten, und auch da denkt man zunächst an eine Halskrankheit und nicht unbedingt an Liebe, aber eigentlich ist es ja uneingeschränkt schön, wenn man an einem pittoresk anmutenden See oder einem anderen stehenden Gewässer sitzt und eine Liebesbekundung ins linke oder rechte Ohr geraunt bekommt, da kann man den blöden Sprachrassismus ja auch einfach beiseite lassen und sich am Moment erfreuen, denn Liebe ist etwas Schönes, Liebe ist etwas Kostbares, und vielleicht ist die Person, die den Liebesschwur raunt, nur eine Randnotiz im eigenen Geschichtsbuch, aber vielleicht ist sie auch die große Liebe, jene eine große Liebe, die man sich doch immer gewünscht und erträumt hat, und vielleicht wird man ein Liebespaar, vielleicht sogar ein Lebenspaar, vielleicht verbringt man sein restliches Leben miteinander, gründet eine Familie, gibt die Liebe weiter an die Kinder, und vielleicht bleibt man bis ins hohe Alter ein Liebespaar und Lebenspaar, bis dann eines Tages eines der beiden Leben zu Ende geht, der letzte Atemzug die Endstation erreicht hat und eine dieser beiden Personen aussteigen muss, während die andere Person sitzenbleibt, allein im Abteil, allein an diesem pittoresk anmutenden See oder einem anderen stehenden Gewässer, und wer so allein zurückbleibt, ist wohl im ersten Moment erschüttert, fühlt sich leer und nutzlos und würde womöglich am liebsten ebenfalls aussteigen können, würde so gern hinterherspringen können, nur um noch einmal zu hören, wie diese andere Person die Worte Je t’aime oder Minä rakastan sinua oder Szeretlek ins linke oder rechte Ohr raunt, doch das ist nicht möglich, so funktionieren Leben und Tod nicht, und irgendwann findet man sich vielleicht damit ab, irgendwann findet man sich irgendwie zurecht im neuen Dasein ohne die alte Liebe, auch wenn nur noch wenig da ist, das zum Leben antreibt, man gerät vollkommen aus dem Gleichgewicht und hat Tag für Tag mehr Mühe, die Balance zu bewahren, und man greift nach allem, was da ist, man hält sich an die kleinen Dinge, man löst Kreuzworträtsel und trinkt Bier aus Aludosen und schaut, was im Fernsehen läuft, und irgendwann läuft im Fernsehen eine Sendung, in der jemand sagt, es sei gesund, beim Zähneputzen auf einem Bein zu stehen, die Hälfte der Zähneputzzeit auf dem linken Bein, die andere Hälfte auf dem rechten Bein, denn auf diese Weise könne man das Gleichgewicht trainieren, und das ist doch wichtig im Leben, dass alles im Gleichgewicht ist, dass man die richtige Balance findet, vor allem, wenn man sie verloren hat, also tut man, was da im Fernsehen empfohlen wurde, und während man auf einem Bein steht und die Zähne putzt, merkt man, wie das besagte Bein ein wenig nachgibt, es knickt ein, und weil es das einzige Bein ist, auf dem man derzeit steht, gerät man vollends aus dem Gleichgewicht, man stürzt, man stürzt zu Boden, und während man auf dem Weg nach unten ist, sieht man die scharfe Ecke des Badmöbels bedrohlich näherkommen, die scharfe Ecke und die eigene Schläfe befinden sich auf unausweichlichem Kollisionskurs, und während man fällt, ruft man lauthals merde!, das heißt scheiße auf Französisch, und wenn man sich am französischen Akzent versuchen will, ist merde! nicht die schlechteste Wahl, es ist ein ziemlich einfaches Wort, und einen Moment lang fragt man sich, ob es nun scheiße wäre, wenn man sterben würde, oder ob es scheiße wäre, wenn man überleben würde, und dann, kurz vor dem Aufprall, denkt man an jenen Moment am pittoresk anmutenden See oder einem anderen stehenden Gewässer, hört noch einmal das Je t’aime oder Minä rakastan sinua oder Szeretlek, und hört auf, sich zu fragen, sondern beginnt, sich zu wundern, vielleicht ein letztes Mal, man wundert sich über das Leben und was es alles beinhaltete, wundert sich über die kleinen Dinge und wundert sich über die großen Dinge, und dann, dann wird alles schwarz, und irgendwo in einem Wald versteckt ein Eichhörnchen eine Nuss oder ein Samenkorn.

Also ich bin ja so ein Fernmelder und jo wissen tu ich doch nix, oder zumindest nicht viel, nur dass Eichhörnchen auch Oachkazerln sind und mal grau und mal rot und dass die Nüsse ja auch mal Würmchen beinhalten und vielleicht schmecken sie ja dann doppelt gut und mit den Akzenten abe isch auch so meine liebe Not bei dem Schämen, äh j’tämen und so la la. Die liebe Balance verlierend sende ich schöne Abendgrüße Wolfgang
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Jaha, die Eichhörnchen gibt’s in verschiedenen Farben, und wenn die grauen zudem noch der Gattung Klugscheisser angehören, beharren sie darauf, Grauhörnchen genannt zu werden, weil Grauhörnchen nehmen es da ganz genau, die sind da deutlich weniger entspannt als die roten Eichhörnchen, aber das ist eine andere Geschichte, die ich ein anderes Mal erzähle, denn jetzt will ich einfach Danke sagen fürs Lesen und für deine Worte.
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Gerne lieber Disputnik, in England gibt es gast nur noch die grauen und alle geraten im Extase wenn sie dann mal ein rotes sehen.
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Ja, in England verdrängen die Grauhörnchen die roten Eichhörnchen immer mehr, glaub ich. Fiese Hunde. Also Hörnchen.
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ja
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Ik hou van je! Lieber Disputnik, und mit hauen hat das zum Glück so gar nix zu tun. Ee-kü-röijj – so ähnlich spricht sich das französische Eichhörnchen aus und lautmalerisch erinnert es mich dann fast schon wieder an finnisch und so reise ich mit Dir durch die halbe Welt, ohne einmal anzuhalten und zu verschnaufen, kreuz und quer durch die Sprachen und Ansichten und am Ende der Einsicht überrascht fest, dass alles miteinander verbunden ist, so unterschiedlich wie diese Sprachen auch alle sein mögen, die Ansichten, die Einsichten und ich sehe keinen Bogen, ich sehe einen in sich fließenden und unendlichen Kreis.
Mein Lesedank und liebe Grüße
Amélie🌱
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Ach, liebe Amélie, das freut mich sehr, dass du mit mir und den Eichhörnchen um die halbe Welt gereist bist, und zu danken habe vor allem ich, nämlich dir, eben fürs Lesen und für deine wunderbaren Worte. Herzliche Grüsse zurück
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dem kann ich mich nur anschließen, gefällt mir sehr! 🙂
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Vielen herzlichen Dank dir, das freut mich sehr!
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Wow – da wird ein beeindruckend weiter Bogen aufgespannt. Gefällt mir sehr gut!
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Vielen lieben Dank dir fürs Lesen (offenbar bis zum Punkt) und für deine Worte!
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