Herbert schaut einen banalen Hollywood-Film, als etwas Merkwürdiges geschieht. Gezeigt wird, wie sich ein Mann und sein Vater nach langem Streit versöhnen und in die Arme schließen. Die Filmmusik ist voller Geigen, das Bild wird geflutet von warmen Farben, doch das Merkwürdige ist nicht die Szene an sich, sondern das, was sie mit Herbert macht. Denn plötzlich bildet sich Feuchtigkeit in seinen Augenwinkeln. Zuerst glaubt er an eine Fehlfunktion seines Körpers. Dann wird ihm klar, dass es sich um Tränen handeln muss.
Herbert drückt die Pausentaste auf der Fernbedienung und schluckt leer. Er ist empört und verunsichert. Er kann doch nicht weinen! Er ist doch ein Mann! Er hat Haare auf der Brust, ganz viele davon! Er ist stark. Er könnte einen Bären bezwingen, wenn er denn müsste. (Obwohl: Mit Tränen in den Augen könnte er den Bären nur schlecht erkennen, was seine Chancen bei einem Kampf deutlich minimieren würde.)
Als Herbert ein Kind war, waren Tränen durchaus keine Seltenheit. Er weinte, als er mit dem Fahrrad hinfiel. Er weinte, als er von einer Wespe gestochen wurde. Er weinte, als er sich einen Finger brach. Erwachsene Menschen sagten ihm dann jeweils, er solle aufhören zu weinen. Also hörte er auf. Und jetzt, bei diesem banalen Hollywood-Film, mit dem er bloß ein wenig Zeit totschlagen wollte, fängt er wieder an?
Während Herbert sich die Augen reibt, überlegt er, warum Menschen weinen. Manche tun es, wenn sie ein Fußballspiel verlieren. Wenn sie von einer Situation überfordert sind. Wenn sie in einer Prüfung eine schlechte Note erzielen. Wenn jemand stirbt. Manche weinen, wenn sich der Lebensentwurf in Luft auflöst. Und manche weinen bei banalen Hollywood-Filmen. Das Schlimme an der Situation sind nicht die Tränen. Das Schlimme an der Situation ist die Situation. Die Tränen sind nur eine Reaktion darauf. Ein Ventil. Und ein enorm wichtiges dazu.
Herbert lässt den Film weiterlaufen. Zwar erklingen weiterhin Geigen, die warmen Farben fließen in alle Richtungen, die Dramatikschraube wird noch einige Male angezogen, doch seine Augenwinkel werden nicht mehr feucht. Beim Abspann bleibt Herbert reglos auf dem Sofa sitzen, und auch als die Wiedergabe stoppt, bewegt er sich nicht von der Stelle. Wie er auf den schwarzen Bildschirm starrt, zeichnet sich eine Form ab, die Umrisse eines Kopfes, dann die Konturen eines Gesichts, das immer klarer zu erkennen ist. Herbert blinzelt einige Male. Er hat seinen Vater seit zwei Jahrzehnten nicht mehr gesehen, weil man tote Menschen nicht sehen kann. Nun ist er trotzdem zugegen, ist gegenwärtig. Herbert schaut auf den Fernseher. Das Bild ist schwarz, doch da ist dieses Gesicht, dieses bekannte Antlitz, und da sind tausend Farben, tausend Bewegungen, tausend Szenen, tausend Filme. Alles fließt ineinander, alles fließt zusammen, alles fließt. Irgendwann hört er ein merkwürdiges Geräusch und zuckt zusammen. Erst nach einigen Augenblicken wird ihm bewusst, dass es sein eigenes Räuspern war. Herbert wiederholt das Räuspern und wischt sich mit dem Handrücken über die Augen.

Diese von der Gesellschaft konstruierten und festgelegten Regeln sind für mich persönlich einfach nur überflüssig. Warum sollten Männer nicht weinen dürfen? Gefühle und Emotionen zeigen dürfen? Weil andere Menschen das sagen?
Tränen können etwas heilsames mit sich bringen und es gehört ebenso zu unserem menschlichen Gefühls-Portfolio wie Freude oder Wut. Es macht uns menschlich und Menschen sind von Zeit zu Zeit eben auch mal verletzt, ob nun physisch oder psychisch.
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Ich bin voll und ganz bei dir. Weinen ist wichtig. Könnte ich’s nicht, würde mir was Wertvolles fehlen… Vielen Dank dir fürs Lesen und für deine Worte…
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Tränen haben etwas befreiendes und wahrhaftiges, selbst bei Schauspielern und beim Zwiebel-schälen.
Das Mannsbild – was habe ich gelitten, damals. Es brauchte Jahrzehnte, Freundschaft mit mir zu schließen. Auch mit Tränen.
Gruß & Danke, Reiner
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Auch wenn es gedauert hat: Sehr sehr schön, dass du Freundschaft schliessen konntest.
VIelen Dank und liebe Grüsse zurück…
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Als wir vor vielen Jahren die Großeltern besuchten, machte sich mein Bruder, damals zarte vier, auf dem Gehweg lang. Er weinte, weil er sich die Knie aufgeschürft hatte. Mein Grovater schimpfte: Jungs weinen doch nicht!
Wieso nicht? Wollte ich wissen? Tun aufgeschürfte Knie Jungs weniger weh als Mädchen? wollte ich wissen. Mein in Tränen aufgelöster Bruder widersprach dieser Theorie. Bevor mein Großvater etwas auf meine Frage entgegnen hätte können, motzte jetzt meine Mutter: So ein Quatsch! Junge oder Mädchen haben beide das Recht zu weinen, wenn was wehtut!
Ich liebte sie für diese Richtigstellung.
Am schlimmsten ist es, Tränen herunter zu schlucken, Schmerz, Glück, Trauer oder Wut runter zu schlucken und mit Schweigen zu ersticken. Das macht auf Dauer krank…
Jede Träne hat eine dem jeweilig ursächlichen Gefühl zugeordnete besondere chemische Struktur und Zusammensetzung. Allein das macht sie schon einzigartig, doch nicht nur das.
Liebe Grüße
Amélie
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Sehr schön, die Richtigstellung deiner Mutter!
Ja, die nicht geweinten, nicht zugelassenen Tränen machen krank, nähren Frustrationen, sind Entbehrungen für sich, jede einzelne. Ich bin froh um jeden Träne, die ich durch Weinen entlassen und nicht in mir behalten musste…
Vielen lieben Dank fürs Lesen, für deine Worte und fürs Teilen deiner Erinnerungen…
Herzliche Grüsse zurück…
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Eine kleine Empfehlung, vielleicht interessant für Dich…?
Rose-Lynn Fisher, Topography of Tears: https://rose-lynnfisher.com/tears.html
Nachtgrüße
Amélie
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Sehr beeindruckend, die Tränen unter dem Mikroskop… Vielen Dank dir für die Empfehlung!
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Einw richtig gute Geschichte würde ich sagen und deshalb sage ich es auch ❣️
Väter und Söhne, aber auch Väter und ihre Töchter…
Wie oft ist der Vater überfordert und dachte doch, mit SEINEN Kindern würde ER mal keine Probleme haben…
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Vielen Dank dir fürs Lesen und für deine Worte, liebe Bruni! Herzliche Grüsse…
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