Draußen hängt die Hitze zwischen den Zweigen der Birke im Garten des Nachbarn. Die Hitze hängt auch im Brombeerbusch, im Gestrüpp neben den Briefkästen, über dem Asphalt der kleinen Quartierstrasse, zwischen den Speichen des alten Fahrrads, das offensichtlich niemandem gehört und stumm vor sich hin rostet. Die Hitze, sie hängt überall, nur in Lena hängt sie nicht, nur in ihr verfängt sie sich nicht. In ihr ist die Arktis. Oder die Antarktis. Irgendwas mit viel Eis und Schnee und Kälte. Wäre Lena eine Landschaft, wäre sie ein Gletscher. Wäre sie eine Form von Wasser, wäre sie Crushed Ice. Wäre sie eine Königin, wäre sie eine Drama Queen. Wäre sie eine Suppe, wäre sie Gazpacho.
Lena kennt eine Menge Menschen, denen es schlechter geht als ihr selbst. Sie kennt eine Menge Menschen, denen das Leben übler mitgespielt hat als ihr. Sie kennt eine Menge Menschen, die mehr Gründe hätten, traurig zu sein, als sie. Aber sie kennt keinen einzigen Menschen, der trauriger ist als sie. Wenn sie weint, tropfen die Tränen hinab auf den Tisch, an dem sie sitzt, und würde auf dem Tisch eine Schüssel mit Gazpacho stehen, würden die Tränen in die Schüssel mit Gazpacho tropfen. Sie hat keinen Hunger. Sie hat keinen Durst. Lena weiß nicht, welches Bedürfnis für Gazpacho relevant ist. Suppe ist eine Speise und ein Getränk. Suppe ist keine Speise und kein Getränk. Und Gazpacho ist keine richtige Suppe, denn eine richtige Suppe ist heiß und Gazpacho ist kalt. Aber sie hat keine Gazpacho.
Sie schaut aus dem Fenster und fokussiert dann auf die Scheibe. Das Glas ist schmutzig, oder nein, nicht schmutzig, sondern voller Schlieren und Wasserflecken, vom letzten Putzen, vom letzten Regen. Lena könnte ein wenig Küchenpapier holen und die Scheibe damit reinigen, doch allein diese wenigen Bewegungen würden eine minimale Anstrengung bedeuten, und sie will selbst minimale Anstrengungen vermeiden, denn es ist zu heiß für minimale Anstrengungen, also lässt sie das Glas ungeputzt, belässt die Schlieren und Wasserflecken auf der Scheibe. Eine schöne kalte Gazpacho wäre jetzt angenehm, denkt sie. Doch sie hat keine Gurken zu Hause, und ohne Gurken ist eine Gazpacho keine Gazpacho.
Draußen steht ein Vogel auf dem grauen Asphalt der Quartierstrasse. Es ist eine Bachstelze. Bachstelzen wackeln immer lustig mit ihrem gefiederten Schwanz, nahezu alle Bachstelzen wackeln immer lustig mit ihrem gefiederten Schwanz, doch diese Bachstelze wackelt nicht lustig mit ihrem gefiederten Schwanz. Diese Bachstelze steht einfach da und schaut. Lena ist sicher, dass die Bachstelze sie ansieht und sich etwas dabei denkt, und sie fragt sich, was es ist, das sich die Bachstelze dabei denkt. Wäre sie die Bachstelze und würde hinauf zum Fenster blicken, würde sie wohl denken, dass da eine Frau im Fensterrahmen steht, die gerne Gazpacho essen oder trinken würde, der aber die wichtigste Zutat für Gazpacho fehlt. Oder nein: Wäre sie eine Bachstelze, würde sie gar nicht auf dem Asphalt der Quartierstrasse stehen und sinnlos auf irgendwelche Fenster starren. Wäre sie eine Bachstelze, würde sie wegfliegen. Weit weg. Ganz weit weg. Nach Andalusien vielleicht, dorthin, wo man gerne Gazpacho trinkt oder isst. Lena ist nicht sicher, ob eine Bachstelze von hier bis nach Andalusien fliegen könnte. Sie weiß eigentlich nichts über Bachstelzen. Aber sie weiß über so viele Dinge eigentlich nichts. Beim Gedanken, dass sie über sich selbst vielleicht weniger weiß als über Gazpacho, entfliehen Tränen ihren Augenwinkeln. Würde auf dem Tisch eine Schüssel mit Gazpacho stehen, könnten die Tränen in diese Schüssel mit Gazpacho tropfen. Doch da steht keine Schüssel mit Gazpacho, also tropfen die Tränen ganz banal und plump auf den Tisch. Hätte sie doch Gurken eingekauft.
Lena bemerkt, dass sie auf den Asphalt der Quartierstrasse vor dem Haus gestarrt hat, ohne den Asphalt der Quartierstrasse vor dem Haus tatsächlich wahrzunehmen, und als sie dies erkennt, ist die Bachstelze längst fortgeflogen. Das ist nur ein Vogel, der jetzt nicht mehr da ist, denkt Lena. Doch sie weint, als wäre etwas Schlimmes geschehen. Sie weint, als hätte ihr das Leben übel mitgespielt. Sie weint, als gäbe es einen triftigen Grund, traurig zu sein. Doch eigentlich ist alles, was ihr fehlt, die Gurke, um Gazpacho zubereiten zu können.
Sie holt eines ihrer Kochbücher und blättert zum Rezept für Gazpacho.
Zutaten:
- 2 rote Paprika
- 2 gelbe Paprika
- 1 geschälte Salatgurke ohne Kerne
- 6 Tomaten ohne Haut und Kerngehäuse
- 1 geschälte Zwiebel
- 2 geschälte Knoblauchzehen
- 500 ml Tomatensaft
- 50 ml Olivenöl
- Toastbrot
- 1 Zitrone
- 1-2 TL Paprikapulver
- 1 TL Honig
- Salz
- Pfeffer
- Oregano
Einen Teil der Paprika und der Gurke in kleine Würfel schneiden und jeweils zwei Esslöffel von dem fein geschnittenen Gemüse zur Seite stellen. Den Rest der Paprika und der Gurke sowie gehäutete und entkernte Tomaten und grob gehackte Zwiebeln in Würfel schneiden und in den Mixer geben. Auch das Toastbrot in kleine Stücke schneiden und gemeinsam mit dem Knoblauch, dem Tomatensaft, dem Olivenöl, dem Saft der ausgepressten Zitrone, dem Honig und den weiteren Gewürzen fein pürieren. Je nach gewünschter Konsistenz mit Wasser strecken. Gazpacho fein mit Gewürzen wie Oregano, Salz und Pfeffer abschmecken. Beim Anrichten die kalte Suppe mit den kleinen Paprika- und Gurkenwürfeln garnieren.
Sie würde gerne Gazpacho zubereiten, doch ihr fehlt die Gurke. Sie würde gerne ein Leben leben, das den Namen Leben verdient, ein lebenswertes Leben eben. Doch sie hat nicht einmal eine Gurke, um Gazpacho zubereiten zu können. Draußen hängt die Hitze zwischen den Zweigen der Birke im Garten des Nachbarn, sie hängt im Brombeerbusch, im Gestrüpp neben den Briefkästen, über dem Asphalt der kleinen Quartierstrasse, zwischen den Speichen des alten Fahrrads. Lena schaut hinaus und wartet, bis wieder eine Bachstelze auftaucht. Doch es taucht keine Bachstelze auf. Vielleicht ließe sich auch ohne Gurke eine Gazpacho zubereiten, denkt Lena. Aber sie rührt sich nicht von der Stelle. Wäre sie eine Landschaft, wäre sie ein Gletscher. Wäre sie eine Form von Wasser, wäre sie Crushed Ice. Wäre sie eine Königin, wäre sie eine Drama Queen. Wäre sie eine Suppe, wäre sie Gazpacho.

So kann sich das anfühlen.
Danke & Grüße, Reiner
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Vielen Dank dir fürs Lesen und für deine Worte! Herzliche Grüsse zurück…
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tja, vielleicht ist es die Weisheit des Alters, die sich sooooooo oft irrt 🙂
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Naja, das Irren soll ja kein Privileg der Jugend sein… 😉
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😉
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Ein toller Text mit viel Tiefgang, über den man nicht lachen, sondern eher ein bissel weinen sollte und nachdenken, darüber, von was Du hier wirklich schreibst. *lächel*. Was sich zwischen den Zeilen verbirgt und vielleicht auch dahinter…
Lieber Gruß von Bruni
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Liebe Bruni, vielen Dank fürs Lesen und für deine Worte! Es freut und ehrt mich sehr, dass du zwischen den Buchstaben hindurchschaust und das Dahinterliegende erkennst.
Herzliche Grüsse!
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