Auf der Strecke zwischen den beiden Seen liegt eine Ebene, ein Bächlein schlängelt sich in steinigem Bett durch die Wiesen, das Plätschern vermengt sich mit dem hellen Klang der Kuhglocken. Wenn man einatmet und den Atem anhält, steht die Zeit still. Wenn man will.
Man schaut immer wieder zurück, hin zum Sämtisersee, der wie eine große grüne Pfütze unter den bewaldeten Gebirgszügen liegt. Jeder Schritt, den man sich von diesem See entfernt, ist ein Schritt, den man sich dem anderen See annähert. Vielleicht kann man jeden Schritt, den man im Leben tut, ebenso als Von-irgendwo-Weggehen wie auch als Irgendwo-Hingehen deuten. Wenn man will.
Nach der Ebene steigt der Weg an, der andere See liegt hinter mehreren kleinen Hügeln. Man hat als Kind gelernt, dass man ihn Fälensee schreibt. Nun liest man bisweilen, dass er Fählensee geschrieben wird. Fälensee ist richtig, doch Fählensee ist nicht falsch. Warum ist dies so? Und woher ist das «h» gekommen? War das «h» sogar zuerst da und fiel dann aus der Buchstabengruppe, wie ein morsches Brett sich von einem alten Gartenzaun löst? Brauchen diese Fragen zwingend Antworten? Würde man sich mit Antworten besser fühlen, reicher, klüger? Oder sind die Fragen so sinnlos, dass auch die Antworten nur sinnlos sein können? Man kann nicht immer antworten. Aber man kann immer fragen. Wenn man will.
Klonk machen die Kuhglocken. Manchmal wird der Klang auch ein wenig multipliziert. Klodonk. Die Glocken klingen nur, wenn eine Kuh die richtige Bewegung macht. Beim Grasen beispielsweise, oder dann, wenn sie mit dem Kopf versucht, die Fliegen zu vertreiben. Manche Kühe liegen auf der weiten Wiese, schlafen sogar. Dann schlafen auch die Glocken. Man tritt zu einer stehenden Kuh heran. Sie trägt keine Glocke, darum könnte sie sich bewegen, wie sie wollte, ohne dass es Klonk oder Klodonk machen würde. Doch diese Kuh bewegt sich kaum. Und als man beginnt, mit der Kuh zu reden, hört sie sogar mit dem Wiederkäuen auf. Man muss nicht Dr. Doolittle sein, um mit Tieren reden zu können. Sofern man keine Antworten erwartet, kann man immer mit Tieren reden. Wenn man will.
Es ist schön, die Kühe zu sehen. Es ist schön, die Krähen zu sehen, die Schafe, die Greifvögel, die Schmetterlinge. Hingegen empfindet man es häufig als unangenehm, hier oben Menschen zu sehen, andere Menschen, die in großer Zahl ebenfalls zwischen dem Sämtisersee und dem Fälensee unterwegs sind. Vielleicht sind sie auch zwischen dem Sämtisersee und dem Fählensee unterwegs, man weiß nicht, wie sie die Sache mit dem «h» handhaben. Aber man weiß, dass man gut auf sie verzichten könnte, die Menschen, hier oben. Man könnte in vielen Situationen gut auf Menschen verzichten. Wenn man will.
Am Fälensee angekommen, wischt man sich den Schweiß von der Stirn, setzt sich auf einen großen Stein, packt Brote aus. Man kaut, man nimmt einen Schluck aus der Wasserflasche, man kaut, man schaut, man schweigt. Der See liegt ruhig im Sonnenlicht, links und rechts steigt das Gelände steil an. Man versucht gar nicht erst, sich Gedanken darüber zu machen, mit welchen Worten sich das Bild vor den eigenen Augen beschreiben ließe. Es gibt die passenden Worte nicht, zum Glück gibt es sie nicht. Bisweilen kann man der Sprache entsagen, zumindest vorübergehend. Wenn man will.
Man fragt sich, ob sich die Vögel und Vierbeiner etwas aus der Aussicht machen. Ob sie ihn genießen, den Blick auf den langgezogenen See und auf die schroffen Felsen. Während man die Stille wie Nahrung aufsaugt, hört man unvermittelt laute Stimmen, zunächst nur undeutlich. Dann folgt ein greller Ausruf. Wow, geil! Ein junger Mann ist über eine Kuppe getreten und ist von der Aussicht auf den Fälensee, die sich ihm so plötzlich eröffnet, offensichtlich begeistert. Wow, geil! So klingt seine Begeisterung. Die Kuhglocken machen Klonk. Die Kuh macht Muh. Der Wind in den Bäumen macht Sch. Der Mann macht Wow, geil! Drei weitere Männer treten zu ihm hin und pflichten ihm lautstark bei. Richtig geil! Man gibt sich alle Mühe, die Männer und ihre Stimmen zu ignorieren, doch es gelingt nicht. Also flieht man, überlässt den Blick auf den Fälensee den Männern und macht sich auf den Rückweg. Man lässt die Irritation zu, lässt das Widerstreben zu, sogar ein wenig Zorn, wohl wissend, dass man in einer solchen Situation eigentlich auch großmütig und duldsam sein kann. Wenn man will.
Für den Rückweg nimmt man eine andere Route, die dennoch wieder zum Sämtisersee führt. Nach einem steilen Abstieg folgen einige Windungen, bevor man die Ebene zwischen den beiden Seen erreicht. Jeder Schritt ist zugleich ein Weggehen und Hingehen. Die Kuhglocken machen Klonk. Man schweigt. Wenn man einatmet und den Atem anhält, steht die Zeit still. Dann geht sie weiter, und man geht mit.

Ich war gestern Abend noch alleine am Trübsee, nachdem die Touristen weg waren… Du hast die Stimmung gut getroffen!
LikeGefällt 1 Person
Hab mir grad ein paar Bilder vom Trübsee ergoogelt; sieht sehr schön aus da (sogar mit Touristen, natürlich noch schöner ohne)… Vielen Dank dir fürs Lesen und für deine Worte!
LikeGefällt 1 Person
Ein Bild von gestern… ohne Touristen 😊
LikeGefällt 1 Person
Du hast schön die Stimmung in den Bergen eingefangen
LikeGefällt 1 Person
Vielen lieben Dank dir fürs Lesen und für deine Worte!
LikeGefällt 1 Person
Aber gerne lieber Disputnik
LikeGefällt 1 Person